Nachruf

Bruno Ganz spielte mit Balance aus Brutalität und Sanftheit

Bruno Ganz im Klassiker „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders.

Bruno Ganz im Klassiker „Der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders.

Foto: Studiocanal

Er war einer der größten Schauspieler unserer Zeit: Nun ist der Schweizer Bruno Ganz im Alter von 77 Jahren gestorben. Ein Nachruf.

Berlin.  Bruno Ganz hat alle Sphären ausgemessen. Er war der Engel, der Mensch wurde, in Wim Wenders’ „Der Himmel über Berlin“. Er war Adolf Hitler in Oliver Hirschbiegels „Der Untergang“. Durch die Unterwelt geleitete er einen Serienmörder in Lars von Triers „The House That Jack Built“. Und mittendrin, ganz erdennah verschroben, war er ein verliebter Kellner in Silvio Soldinis „Brot und Tulpen“.

Wahrscheinlich bewohnte Bruno Ganz schon immer eine Welt darüber, darunter und dahinter. Das konnte sich bei Ganz, der fließend Französisch, Englisch und Italienisch sprach, schon in kleinsten sprachlichen Verrückungen zeigen. Etwa in seinem altmodisch wirkenden Italienisch in „Brot und Tulpen“. Und auch in Interviews.

Im Gespräch im Jahr 2003 über Norbert Wiedmers Dokumentarfilm über ihn, „Bruno Ganz – Behind me“, sagte er, warum ihm dieser Film von allem, was über ihn je gedreht worden sei, am liebsten gewesen sei: „Er zeigt mich bei dem, was mir immer Wichtigstes war“.

Andere hätten vielleicht gesagt: „was mir am wichtigsten war“. Bruno Ganz aber stellte ein Substantiv hin wie einen Monolithen, als würde er Adjektiven, diesen wackeligen, windigen Gesellen, nicht so recht trauen. Und, was war das ihm Wichtigstes? „Etwas Wahrhaftiges, Wesentliches vom Dasein auszudrücken und so sich auf besondere Weise zu vervielfältigen.“

Er blieb stets auch einem breiteren Publikum ein Begriff

Das mag pathetisch klingen. Aber das Exklusive, schwer Zugängliche war trotzdem nicht seins. Dass viele ihn sahen, und nicht nur eine Handvoll Kunst-Nerds, war ihm wichtig. Als er 2004 für „Der Untergang“ den Bambi erhielt, sagte er, diese Auszeichnung freue ihn vor allem deshalb, weil er sie für etwas bekommen habe, das nicht nur ein paar Menschen gesehen hätten, sondern Millionen.

Diesen Spagat bekam er zeitlebens erstaunlich gut hin: Seit seine Film- und Theaterkarriere in den 1970er-Jahren rasant an Fahrt aufnahm und ihn zu einem der wichtigsten Schauspieler des Neuen Deutschen Films und der neuen Theater-Regiestars machte, wurde er nicht nur für Theater- oder Kino-Kenner zu einem der bedeutendsten Schauspieler. Sondern war und blieb eben auch stets dem breiteren Publikum ein Begriff. Und wurde mit seiner ikonischen Rolle im „Himmel über Berlin“ bis heute sogar eine Art Wappen-Engel der Stadt, einer Stadt, zu der es ihn, im Film jedenfalls, hinzog, hinabzog.

„Dass ich Kunst machen muss, wusste ich sehr früh“, sagte er 2003. „Doch mit Malen oder mit Schreiben ging es bei mir nicht. Mich blockieren die Flächen leeren Papiers. Aber schon als Halbstarker begriff ich, dass ich Schauspieler sein kann. Sein muss. Dass ich – behind me – imstande bin, hinter einen Text zu steigen und von dort aus sowohl zu mir als auch zu anderen zu sprechen. Oder eben von mir oder anderen zu spielen.“

Wehrdienst als Sanitäter an Rekrutenschule

Ganz kam aus einfachsten Verhältnissen. Am 22. März 1941 als Sohn eines Schweizer Fabrikarbeiters und einer Norditalienerin in Zürich-Seebach geboren, schmiss der junge Mann mit den großen melancholischen Augen und dem knorrig-edlen Profil kurz vor seinem Abitur die Schule. Die besorgte Mutter hatte schon den Lehrvertrag bei einem Malermeister – in der Schweiz sagt man „Flachmaler“ – eingetütet, doch statt zu unterschreiben, ging der Sohn lieber in eine Kneipe und dachte nach.

Und machte sich also auf den Weg, statt Flachmaler ein tiefsinniger Sprachverkörperungskünstler zu werden. Erst einmal nach Paris, wenn auch nur sehr kurz. Doch das reichte, um seinen Entschluss zu festigen: In Zürich besuchte er Abendkurse am Bühnenstudio und nach der bestandenen Aufnahmeprüfung auch Klassen an der Schauspielschule, wenn auch nur sporadisch. Um den Schweizer Wehrdienst kam er nicht herum, er leistete ihn als Sanitäter an einer Rekrutenschule ab.

Seine Theaterlaufbahn begann Ganz in Bremen, wo Theaterrebell Peter Zadek gerade eine neue Ära einläutete. In den 1970er- und 80er-Jahren gehörte er zum Ensemble der Berliner Schaubühne, die mit ihren radikal demokratischen künstlerischen Produktionsverhältnissen die Szene aufmischte. Ganz arbeitete mit den innovativen Regisseuren seiner Zeit zusammen, wie Peter Stein und Klaus Michael Grüber, spielte Prometheus und Empedokles, Hamlet und Tasso, den Prinzen von Homburg und Peer Gynt.

Aufsehen erregte im Jahr 2000 seine Titelrolle in der ungekürzten, zweiteiligen, 21-stündigen „Faust“-Inszenierung von Peter Stein. Doch von dieser späten Wiederbelebung seiner Arbeit mit dem großen Regisseur zeigte er sich enttäuscht: „Anders als früher beim Arbeiten mit Peter Stein kam ich diesmal mit meiner Phantasie nicht zum Zug. Sie war wie verschüttet mit Tonnen von Text.“ Ein schwerer Probenunfall sorgte dann auch noch dafür, dass er die Premiere nicht spielen konnte. Die Rolle rang ihm körperlich wie psychisch einiges ab. 2001 bekam er dafür den Theaterpreis Berlin.

Sein Äußeres war wandlungsfähig

Wahrscheinlich war er so etwas Paradoxes wie eine schüchterne Rampensau. Sebastian Koch sagte einmal über seinen hochverehrten Kollegen, Ganz bewege sich in einer „eigenen Welt, die er auch nicht jedem preisgibt“. Doch der geliebten Bühne sollte er sich immer mehr entfremden. In einem Interview mit dem „Standard“ im Jahr 2009 erklärte Ganz, sich inzwischen „sehr weit vom Theater entfernt“ zu haben: „die gängige Auffassung von Theaterspielen berührt sich so gar nicht mit der meinen!

Im Kino kann ich nach wie vor realisieren, was ich mir unter Schauspielerei vorstelle.“ Deshalb kam es auch nicht mehr zu dem, was man „die große klassische Altersrolle“ nennt, Shakespeares König Lear. Die junge Theaterregie-Generation sei ihm fremd, sagte er, weil sie dem Schauspieler die Identifikation mit der Rolle verbiete. Die aber sei für ihn unverzichtbar. Im Kino dagegen fand er die emotionale Intensität und das Ausloten psychologisch begreifbarer Grenzen, die er im Theater vermisste.

Wie wandlungsfähig sein Äußeres war, ohne dass er dabei seine spezifische Balance aus Brutalität und Sanftheit aufgab, bewies seine Darstellung des todkranken Bilderrahmenmachers Jonathan in der Patricia-Highsmith-Verfilmung „Der amerikanische Freund“, 1977 inszeniert von Wim Wenders: Mit Schnauzbart und Nackenspoiler spielt Ganz einen Familienvater, der einen Auftragsmord annimmt, um seine Familie zu ernähren. Seinem ruhigen Spiel zu Beginn mag man als Zuschauer nicht so recht über den Weg trauen.

Irgendwas anderes lauert dahinter. Und tatsächlich dreht er dann allmählich durch, wirkt schließlich wie vom Teufel gejagt und stirbt in der letzten Szene: Nach einer Auseinandersetzung mit Mafiosi rast er im VW Käfer davon, seine Frau auf dem Beifahrersitz, er verliert die Gewalt über den Wagen, lacht und sagt zu seiner Frau: „Es wird so dunkel“. Seltsamerweise sagt er das auf Schweizerdeutsch, vorher sprach er hochdeutsch und englisch. Wieder so eine seltsame Verrückung. „In Sterberollen lernt man, dass es einem nicht hilft, sich auf den eigenen Tod vorzubereiten“, sagte er einst der „Zeit“.

Sein Hitler war monströs menschlich

1982 führte Ganz selbst Regie und drehte zusammen mit seinem Schauspielerkollegen (und Engel-Kompagnon) Otto Sander den Film „Gedächtnis“, ein Porträt der Schauspieler Curt Bois und Bernhard Minetti. Zu seinen berührendsten Darstellungen gehört die Hauptrolle eines alten, todkranken Schriftstellers in dem Film „Die Ewigkeit und ein Tag“ des griechischen Regisseurs Theo Angelopoulos, der beim Filmfestival in Cannes 1998 mit der Goldenen Palme ausgezeichnet wurde. Den Schweizer Filmpreis als bester Darsteller bekam Ganz 2001 für seine Rolle in „Brot und Tulpen“.

Er schien auf den Typus des grüblerischen Intellektuellen festgelegt, was wiederum seiner Darstellung als Adolf Hitler eine gewisse Aufwertung des Diktators verlieh, wie manche Kritiker meinten. Sein Hitler war monströs menschlich. Das spaltete Kritik und Publikum: Der Film ermögliche keine Analyse, sondern „distanzloses Dabeisein“, urteilte der Kritiker Georg Seeßlen.

Letztlich wurde man mit Bruno Ganz’ Gesicht, seiner ganzen Gestalt nie richtig fertig. Den gütigen, zugewandten Menschenfreund konnte man ihm genauso abnehmen wie den Menschenfeind. Das gilt auch für seine Fernsehrollen, wie in Rainer Kaufmanns Drama „Ein starker Abgang“. In mehr als 100 Filmen spielte er mit, und bis zuletzt arbeitete er.

Ganz lebte von seiner Frau Sabine, die er 1965 geheiratet hatte, getrennt. 1972 kam ihr gemeinsamer Sohn Daniel auf die Welt, der seit seinem vierten Lebensjahr blind ist, als Übersetzer arbeitet und Rockmusik macht. Seine langjährige Lebensgefährtin war die Theaterfotografin Ruth Walz.

Den wichtigsten Preis für einen deutschsprachigen Schauspieler, den Iffland-Ring, vererbte ihm 1996 Josef Meinrad. Diese Auszeichnung wird dem „jeweils bedeutendsten und würdigsten Bühnenkünstler des deutschsprachigen Theaters auf Lebenszeit verliehen“. Die Laudatio auf Ganz hielt damals Botho Strauß: „Sobald er die Bühne betritt, weiß ich, er wird mir nichts vormachen. (...) Dieser Schauspieler hat noch nie über einen Satz hinweggesprochen“. Wer den Iffland-Ring nun bekommen wird, ist offen. Im Oktober 2014 wurde bekannt, dass Ganz seinen großen Schauspielerkollegen Gert Voss testamentarisch als Nachfolger festgelegt hatte, doch Voss starb im Juli 2014.

Der spezielle Ganz-Sound war absolut markant

Als trauriger Komödiant und sanfter Frauenheld wird er im Gedächtnis bleiben. Und über allem bleibt seine Stimme, diese zwischen Kind, Gnom und König oszillierende Tonlage. Dieser spezielle Ganz-Sound war so markant, dass man in dem Film „The House That Jack Built“ von Lars von Trier sofort Bruno Ganz erkannte, noch ohne ihn zu sehen. Da war die Leinwand noch schwarz, wie im Jenseits, als wäre der Film noch tot, belebt nur durch das, was dieser Führer durch die Totenwelt sagte. Ohne Liebe, sagt er da in der Rolle des Verge zum Beispiel, könne keine Kunst entstehen.

So wie seine Stimme körperhaft und entstofflicht zugleich wirken konnte, vom warm Gemurmelten bis zum Schnarrenden reichte, ließ sich auch Bruno Ganz nicht darin festlegen, wo genau seine Heimat war. Nach Berlin zog es ihn nur noch selten. „Und wenn ich in Berlin bin, dann nur in meiner Wohnung“, sagte er 2003: „Oder im Park. Ich gehe nicht aus. Was ich weiß von der Stadt, bringt mir die Zeitung.“ Trotzdem ließ er sich 2010 dazu überreden, zusammen mit Iris Berben die Präsidentschaft für die Deutsche Filmakademie in Berlin zu übernehmen. 2013 war damit Schluss. Einen Einzelgänger wie ihn kann man sich nur schwer als Funktionär vorstellen.

Bis zuletzt habe Bruno Ganz „intensiv und voller Freude an Projekten gearbeitet“, sagte seine Agentin Patricia Baumbauer. Im Sommer 2018 sollte er bei den Salzburger Festspielen in der „Zauberflöte“ die Rolle eines Erzählers übernehmen – doch dazu kam es nicht mehr: Auf dringendes Anraten seines Arztes musste er absagen. Am Sonnabend ist der Schauspieler im Alter von 77 Jahren in seiner Heimatstadt Zürich seinem Krebsleiden erlegen. In den frühen Morgenstunden, als über Berlin der Schimmer eines strahlenden Vorfrühlingstags lag, starb er im Kreise seiner engsten Familie.