Enthüllungsfilm

Doku „Bloß keine Tochter!“ verlangt Zuschauern einiges ab

Foto: Dorothe Dörholt/NDR

Die Doku „Bloß keine Tochter!“ deckt die Ursachen von Asiens Männerüberschuss auf. Trotz einseitiger Deutung eine präzise Recherche.

Essen.  Geschäftig klappern die Besucher des Volksparks in Shanghai die provisorischen Stände ab, tauschen Informationen aus. Eine Jobbörse? Ein Flohmarkt? Aber welche Ware verbirgt sich unter den aufgespannten Regenschirmen? Es ist die Ware Junggeselle. In steckbriefartigen Broschüren preisen hier die Eltern die Vorzüge ihrer heiratswilligen Söhne an.

Denn China betrieb lange eine rigide Ein-Kind-Politik, um das Bevölkerungswachstum zu einzudämmen. Wenn schon nur ein Kind, dann ein Sohn, traditionell der Stammhalter. Mädchen wurden per Abtreibung systematisch aussortiert. Folge: Männerüberschuss. 30 Millionen Chinesen suchen derzeit eine Frau.

Wie rigide und menschenverachtend die Maßnahmen gegen das Bevölkerungswachstum gerade in den 50er- bis 80er-Jahren in vielen asiatischen Ländern waren, zeigt die NDR-Enthüllungsdoku „Bloß keine Tochter!“ von Antje Christ und Dorothe Dörholt, die Arte an diesem Dienstag sendet.

Bewegende Schicksale verschleppter Mädchen und Frauen

Von Abtreibung als staatsbürgerliche Pflicht berichten etwa ältere Frauen an einem Strand in Südkorea. „Wir dachten, wir taten das Richtige“, sagt eine und schildert ihr heutiges Problem: „Wenn mein Sohn nicht bald eine koreanische Frau bekommt, müssen wir eine vietnamesische Frau für ihn kaufen.“

Zu welchem Elend diese Degradierung zur Ware führt, zeigen die Filmemacherinnen durch bewegende Schicksale verschleppter Mädchen und Frauen, die leider nur angerissen werden. Die Stärke des Films liegt vielmehr in den präzisen Recherchen, die belegen, wie sehr der Westen, besonders die USA, die Strippen hinter der Bevölkerungspolitik zog.

Denn in Aufschwungsjahren der Nachkriegszeit sah man in der Geburtenrate in der Dritten Welt eine Gefahr für den eigenen Wohlstand. Bezeichnend der Mitschnitt eines Telefonats von Präsident Lyndon B. Johnson aus den 60er-Jahren, in dem er anweist, dem damals unter Hungersnöten leidenden Indien die Maßnahmen abzuerpressen. Er verlangt „Gegenleistungen für Getreidelieferungen“, von Regierungschefin Indira Gandhi gebe es ja für gewöhnlich höchstens einen „Tritt in den Hintern“.

Fülle an Schicksalen, Forschern und Archivbildern

Die einseitige Deutung ist dann aber auch eine Schwäche der Doku: Die Schuld wird allein beim Westen gesucht, weniger in den Frauenbildern in den betreffenden Länder. Wenn Aktivist Rajan Choudhary sagt, der Männerüberschuss sei Ursache für die vielen Vergewaltigungen, lassen die Macherinnen diese Vereinfachung stehen. Sonst erweist sich die Doku als überaus komplex: So sehr, dass der Zuschauer sich durch die Fülle an Schicksalen, Forschern und Archivbildern erschlagen fühlt.

Die Fehler der Vergangenheit jedenfalls führen heute durchaus zu einem Umdenken: „Mädchen und Jungen sind gleichwertig“, werben die Regierungen inzwischen vielerorts. Eine Erkenntnis, die sich in der Bevölkerung nur schwer durchsetzt. „Warum“, so ein indischer Frauenarzt, „sollte eine Frau sich eine Tochter wünschen, wenn sie vom Tag ihrer Geburt gesagt bekommt, sie sei nur Dreck?“

Fazit: Ehrgeizige Doku, die dem Zuschauer jedoch einiges abverlangt.

Arte, Dienstag, 19. Juni, 20.15 Uhr