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Beim Sport hat Biathletin Verena Bentele kämpfen gelernt

Verena Bentele nach ihrem Biathlon-Sieg in Vancouver 2010.

Verena Bentele nach ihrem Biathlon-Sieg in Vancouver 2010.

Foto: dpa Picture-Alliance / Julian Stratenschulte / picture alliance / dpa

Als blinde Biathletin schrieb Verena Bentele Paralympic-Geschichte. Als VdK-Präsidentin will sie sich nun für die Pflege einsetzen.

Berlin.  Sie gilt als „Stimme der Gerechtigkeit“: Verena Bentele (36), die sich von 2014 bis 2018 als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung für Barrierefreiheit und Inklusion eingesetzt hat. Nun, in ihrer neuen Rolle als Präsidentin des Sozialverbandes VdK, macht sie sich für „sichere Renten und eine gute Pflege“ stark.

Was bei vielen wie eine Floskel herüberkommt, wirkt bei Bentele so, als meinte sie es wirklich ernst. Einer Frau, die so viel geschafft hat, wird Vertrauen entgegengebracht. Bentele gewann als blinde Biathletin und Skilangläuferin zwölf Mal die Paralympics. Sie bestieg den Kilimandscharo.

Grenzerfahrung hat ihr Vertrauen erschüttert

Sie liebt das Bungeespringen. „Ich mag es, immer wieder diese Grenzerfahrung zu haben und etwas Neues auszuprobieren“, sagt eine der erfolgreichsten Sportlerinnen Deutschlands. Der Nervenkitzel, der ultimative Kick, das sei ihr Ding.

Allerdings ist der Alltag für sie oft Grenzerfahrung genug. Es gibt kaum einen Gegenstand, gegen den sie noch nicht gelaufen ist, wie sie in ihrem Buch „Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser“ schreibt: Bushaltestellenschilder, Laternenpfähle, Briefkästen, Baustellenabsperrungen. Eine Grenzerfahrung jedoch hat ihr größtes Kapital, ihr Grundvertrauen, erschüttert.

Schwerer Unfall bei Deutschen Meisterschaften

Es ist der 10. Januar 2009 bei den Deutschen Meisterschaften in der Nordischen Disziplin im Allgäu. Sehbehindert muss sich Bentele darauf verlassen, dass ihr Begleitläufer sie mit seinen Kommandos sicher durch die Strecke führt. „Hopp … Hopp …“, ruft er von vorne, dann: „Eine leichte Kurve rechts … Jetzt geradeaus.“ Bentele konzentriert sich. Sie solle nach links in die Spur fahren, sagt ihr Begleiter.

Aber da ist keine Spur. Bentele fliegt durch die Luft, schlägt brutal auf. Die Folgen: Kreuzband gerissen, ein Finger gebrochen, Leber und Niere verletzt. Ihr Begleitläufer hatte links und rechts verwechselt. „Nach diesem Unfall erfuhr ich das erste Mal, wie es ist, wenn man Angst hat“, sagt Bentele. Sie war aus der Bahn geworfen – und legte dennoch keine ruhigere Gangart ein, sondern startete bei den Paralympics in Vancouver.

Teilhabe von Menschen mit Behinderung stärken

Mit dem Ergebnis: fünfmal Gold. „Die Erfahrungen haben mich gelehrt, dass man mit jedem Hindernis, das man überwindet, an Stärke gewinnt“, schreibt sie in ihrem Buch. Fast sieht es so aus, als könnte diese Frau, die schon blind zur Welt gekommen ist, nichts erschüttern. Das ist auch so, sagt sie. Aber über bestimmte Dinge könne sie sich extrem aufregen, zum Beispiel, wenn sie nicht persönlich angesprochen wird. „Oft wird meine sehende Begleitung gefragt, was ich trinken möchte.“

Das zu ändern, war ihr ein Anliegen: Nach dem Ende ihrer sportlichen Karriere wollte sie sich für Menschen stark machen, die wegen ihrer Behinderung Nachteile akzeptieren müssen. 2014 wurde die SPD-Politikerin Beauftragte der Regierung für die Belange von Menschen mit Behinderungen. „Es gibt noch viel zu tun, um die Teilhabe von Menschen mit Behinderung umfassend zu stärken“, so ihr stetes Credo.

Der Vater hat die Blindheit vererbt

Immer wieder wurde Verena Bentele für ihre Kraft bewundert. Woher sie die Energie nur nimmt, wird sie oft gefragt. Ihre Antwort: vom Bio-Bauernhof. Da ist sie aufgewachsen. Ein Ort der Freiheit für sie, grenzenloses Toben war nicht nur erlaubt, sondern erwünscht. Auf Bäume klettern, Schlittenfahren – ihre Kindheit war ein einziger Traum, sagt sie oft.

Auch, weil die Eltern – die Mutter Monika und der ebenfalls blinde Vater Peter – mit der Sehbehinderung „ganz normal“ umgegangen seien. „Das Beste daraus machen“ – dieser Spruch ihrer Eltern wurde zum Satz ihres Lebens.