Comedian

Mittermeier: „Ich bin Fan von Jesus, nicht von Bischöfen“

Verbindet klassisches Kabarett mit Stand-up-Comedy: Der gebürtige Bayer Michael Mittermeier.

Verbindet klassisches Kabarett mit Stand-up-Comedy: Der gebürtige Bayer Michael Mittermeier.

Foto: Heiko Kempken / Heiko Kempken / FUNKE Foto Servi

Michael Mittermeier versucht, die Welt mit Worten zu verbessern. Und Lachen hilft dabei, sagt er. Seit 30 Jahren ist er im Geschäft.

Berlin.  Wer ist dieser Mensch, der da so verloren an der ewig langen Hoteltreppe steht? Der Mann ist mehrfach ausgezeichneter Comedian, seit 30 Jahren im Geschäft, er bringt es fertig, dass sich Menschen vor Lachen verschlucken. So einer muss doch nicht so verloren herumstehen. Doch hier im Berliner „Westin Grand Hotel“, wo Menschen in Clubsesseln Tee trinken und dabei nur flüstern, wo der polierte Flügel im Foyer ein gediegenes Flair vermittelt, hier lacht keiner. Worüber auch.

Mittermeier ist ernst. Dass es einen wundert, hat wohl damit zu tun, dass man glaubt, Comedians seien von Natur aus schräg drauf. Stand-up-Comedy, das klingt doch so, als würden die auf jeder Treppe sofort einen raushauen. Also, wo bleibt das Witzfeuerwerk?

„Ich schreibe spontan“

Mittermeier schaut mit diesen Kinderaugen in einem Gesicht umher, das die Spuren eines jahrzehntelangen Lebens trägt. Dieses frech Bubenhafte ist weg. Selbst die Jungenfrisur mit dem hochgeschubsten und hinten dann gekippten Pony ist ergraut. Mittermeier ist 50. Er ist unterwegs, weil er ein neues Buch geschrieben hat: „Die Welt für Anfänger“ (Kiepenheuer & Witsch). Es ist wieder ein gutes Buch geworden. Er ist nicht nur auf der Bühne ein glänzender Erzähler. „Achtung, Baby“ war ein Bestseller. Nur die Hardliner unter den Fans, die den bösen politischen Kommentar von ihm suchten, mieden seinen Windel-Exkurs.

Doch egal, ob er von Kreisch-Alarm, ersten Zähnen, Breispucken erzählt oder die Welt mit Worten erklärt: Er kann schreiben. „Vielleicht liegt es mir im Blut. Ich weiß es nicht. Ich schreibe schon spontan. Aber dann gehe ich bestimmt noch vier Mal drüber.“ Er sei sich selbst der „schlimmste Kritiker“. Man sieht ihm das auch an.

Seine Vorbilder sind Karl Valentin und Werner Finck

Mittermeier kommt aus Bayern, er hat einst – lang ist es her – die Ochsentour hinter sich gebracht, bevor seine entlarvenden Pointen nicht nur auf den Bühnen in bayerischen Wirtsstuben beklatscht wurden. Der „Michl“ schaffte es dank seiner Auftritte in Thomas Hermanns’ legendärem „Quatsch Comedy Club“, erst in Deutschland, später sogar in New York bekannt zu werden. Weil er klug ist, weil seine Pfeile sitzen. Aber auch, weil er einer ist, der „brennt“, wenn er auf die Bühne geht. Das, was er mit den Mitteln des Künstlers seziert, hat er beobachtet, im Park, in der U-Bahn, oder hat es gehört in den Nachrichten. „Eigentlich erzähle ich nur, was in der Welt passiert. Gut, das macht der Putin auch, aber das muss nicht zwingend lustig sein. Das Hirn eines Comedians funktioniert anders als das anderer Menschen. Ich sehe dasselbe wie alle, bekomme aber von der rechten Gehirnhälfte – ich nenne sie ,Hirni’ – Zusatzinfos angereicht.“

Mittermeier hat in seinen geschriebenen Pointen etwas, man möchte sagen, Moralisches. Bei allen Beobachtungen – bürokratische Hürden, rechtes Denken oder Kakerlaken im Hotelzimmer: Er möchte, dass die Welt ein Stückchen besser wird. Es steckt etwas fast Christliches zwischen den Zeilen. Manchmal fühlt man sich an Pointen im Konfirmanden-Unterricht erinnert. „Ja, ich bin Jesus-Fan. Diesen Spirit mag ich gern. Aber sonst, na ja, diese Bischöfe, das ist nicht meins. Es gibt so viel Borniertheit und Dummheit.“

Seine Vorbilder sind Karl Valentin und Werner Finck, den er als „verbalen Widerstandskämpfer“ bezeichnet. Mittermeier ist besessen von dieser richtigen Haltung zum Leben, zur Welt, die er jedem unter die Nase reiben will. Und er ist ein Arbeitstier. Einer, der ohne Pause ackert, seinen Hörsturz am liebsten ignoriert hätte – und dann versuchte, ihn mit dem Lärm der New Yorker Großstadt zu kurieren. Die Ruhe auf dem Land hätte alles nur schlimmer gemacht.

Wie ein Betrunkener versucht, ein Selfie zu machen

Ein Blick jetzt in sein Gesicht – und man möchte ihn trösten. Vielleicht ist er auch so traurig, weil das Leben gar nicht so lustig ist, sinniert man gerade, als sich die Stimmung wie das Wetter im April von jetzt auf gleich verändert.

Mittermeier steht da, hat auf einmal dieses typische Jerry-Lewis-auf-Speed-Gesicht. Presst undefinierbare Laute heraus. Da ist er also wieder: Der, der immer noch Tausende begeistern kann. Comedy aus dem Stegreif: Wie ein Betrunkener auf dem Oktoberfest versucht, ein Selfie von sich mit Karussell zu machen. Es aber nicht schafft, weil er so schwankt und schwankt und schwankt. Mittermeier bewegt sich ein bisschen, biegt sich. Alles nur ein bisschen. Aber wer es sieht, lacht sich weg. Wenige Mittel sind das, die Mittermeier braucht, um den großen Effekt auszulösen. Seine Gabe.

Er sagt, dass er das Lachen wirklich liebt. „Lachen ist immer eine Befreiung.“ Und erzählt von der Begegnung mit einem muslimischen Taxifahrer. „Der sagte: ,Ich glaube daran, dass uns das Lachen näher zu Gott bringt – zu welchem Gott auch immer.‘“ Und da lächelt der Mittermeier.