Todesfall

Ein „radikales Leben“ – Cap-Anamur-Gründer Neudeck ist tot

Der Journalist Rupert Neudeck starb im Alter von 77 Jahren.

Der Journalist Rupert Neudeck starb im Alter von 77 Jahren.

Foto: Müller-Stauffenberg / imago

Rupert Neudeck, Mitbegründer der Hilfsorganisationen „Cap Anamur“ und „Grünhelme“, ist gestorben. Der Journalist wurde 77 Jahre alt.

Köln.  Der Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur, Rupert Neudeck, ist tot. Er starb am Dienstag im Alter von 77 Jahren, wie ein Sprecher der Organisation mitteilte.

Der in Danzig geborene Theologe, Publizist und Philosoph hatte 1979 Cap Anamur ins Leben gerufen. Mehr als 11.000 „Boat People“, Flüchtlinge aus Vietnam, retteten die Aktivisten von Cap Anamur in den 80er Jahren aus dem Chinesischen Meer. Die Organisation leistet bei Einsätzen in aller Welt humanitäre Hilfe.

2003 gründete Neudeck die Organisation Grünhelme, die junge Muslime und Christen für gemeinsame Aufbauprojekte in Afghanistan oder anderen armen Ländern gewinnen will. Es war auch eine Reaktion auf den 11. September 2001 – „damit wir nicht in Frontstellung gegen Muslime kommen“. Christen und Muslime arbeiten in der Organisation zusammen, errichten gemeinsam Schulen, auch in muslimischen Ländern wie Afghanistan.

Merkel würdigt Neudeck als „Vorbild gelebter Mitmenschlichkeit“

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) würdigte Rupert Neudeck als „wahres Vorbild gelebter Mitmenschlichkeit“. Die Kanzlerin reagierte am Dienstag in Berlin „mit tiefer Trauer“ auf Neudecks Tod. Das Land verliere einen weltweit geachteten Aktivisten für Menschenrechte und Humanität, erklärte Merkel. Neudeck habe sich nie mit Missständen abgefunden, sondern es stets als seine Aufgabe angesehen, einen praktischen Beitrag dazu zu leisten, Not zu lindern.

Sie denke „mit großer Dankbarkeit“ an zahlreiche Begegnungen und Gespräche mit Neudeck, erklärte die Kanzlerin und sprach Neudecks Frau Christel ihre Anteilnahme aus, die, so Merkel, „am Lebenswerk ihres Mannes einen so großen Anteil hat“. Neudecks Worte und die Beispiele seiner konkreten Nächstenliebe hätten weit über seinen Tod hinaus Bestand.

Jahrzehntelange Arbeit für Notleidende und Flüchtlinge

Über Jahrzehnte hinweg setzte sich der Journalist für Notleidende und Flüchtlinge ein. In der aktuellen Flüchtlingsdebatte forderte er 2015 den Einsatz der deutschen Marine und eine langfristige Seenotrettung im Mittelmeer.

Viele Auszeichnungen hat der dreifache Vater und mehrfache Großvater für sein beherztes Engagement erhalten, darunter waren der europäische Sozialpreis (2006) und der Verdienstorden des Landes Nordrhein-Westfalen (2007) oder – mit seiner Frau Christel zusammen – den Erich-Fromm-Preis im April in Stuttgart.

Das radikale Leben des Rupert Neudeck

„Radikal leben“ heißt Neudecks Buch von 2014. Es ist ein Aufruf zum Widerstand gegen Unmenschlichkeit, Folter, Diskriminierung und Verschwendung. Der Titel steht für das Lebensmotto des hageren Mannes mit dem üppigen weißen Haar und Bart, der unermüdlich das Weltgeschehen kommentierte. So warf Neudeck im Februar Europa Versagen in der Syrien-Krise vor und forderte eine Flugverbotszone. Kurz zuvor geißelte er die Behörden mehrerer Bundesländer dafür, dass sie Flüchtlingen Geld und Wertsachen abnehmen, wenn sie eine gewisse Summe überschreiten.

Als „Abenteuer der humanitären Hilfe“ hat er das in Köln sitzende Notärzte-Komitee Cap Anamur einmal bezeichnet. Lange leitete Neudeck die Arbeit, unterstützt von seiner Frau Christel, vom Wohnzimmer in Troisdorf bei Bonn aus. Hilfe leisteten er und seine Mitstreiter vor allem dort, wo kein anderer hinkam, in entlegenen Orten in Somalia, im Kongo, im Kosovo oder in Nordkorea.

Als Kind auf der Flucht aus Danzig gerettet

Tagelange Fußmärsche und riskante Flüge gehörten dazu. So überquerte Neudeck als Mudschaheddin verkleidet auf dem Weg nach Afghanistan eisige Hochgebirgspässe. Im Dezember 1999 stapfte er mit einem Medikamententransport durch das Felsenmeer der Nuba-Berge im heißen Südsudan, begleitet von den CDU-Politikern Heiner Geißler und Norbert Blüm. Den zehntägigen Marsch nannte er später „ein im besten Sinne spirituelles Erlebnis“.

Bittere Erfahrungen blieben nicht aus: Im Sommer 2013 wurden drei deutsche Grünhelme im Norden Syriens verschleppt, die erst Monate später freikamen. Neudeck räumte ein, die Gefahr unterschätzt zu haben: „Da habe ich mich sehr stark geirrt, und ich bin sehr betroffen davon.“ Im selben Jahr gab er die Leitung der Grünhelme ab und wurde Ehrenvorsitzender.

Auf Regierungsstellen und UN-Organisationen wie Unicef war Neudeck selten gut zu sprechen: zu schwerfällig und zu langsam. Auch frühere Weggefährten traf Neudecks Zorn: 2004 überwarf er sich mit dem damaligen Cap-Anamur-Vorsitzenden Elias Bierdel, der in einer umstrittenen Rettungsaktion afrikanische Flüchtlinge über das Mittelmeer nach Italien gebracht hatte. Neudeck sprach von Rufschädigung, Bierdel von Zynismus.

Streng war Neudeck auch gegen sich selbst: Als junger Novize hatte er sich in einem Jesuiten-Kloster bis zur Erschöpfung in Askese, Fasten und Geißelungen geübt, dann kehrte er aber dem Orden den Rücken. Bedürftigen wollte er immer nahe sein und übernachtete zum Beispiel bei den Krankenpflegern im Keller eines Hospitals. Als Motive nannte Neudeck seine harte Zeit und Rettung als Kind auf der Flucht aus Danzig – und seinen Glauben: „Der Auftrag des Evangeliums ist, Menschen zu helfen, wo sie in Not sind.“

Kritiker: Neudeck wirbelte in Krisengebieten zu viel Staub auf

Kritiker in großen Hilfswerken warfen Neudeck vor, als Polit-Dilettant in Krisengebieten viel Staub aufzuwirbeln, ohne sich um das Danach zu kümmern. Indes forderte er große Organisationen heraus, mehr für vernachlässigte Völker wie die Nuba im Sudan zu tun. Oft verkündete er auch freimütig umstrittene Ansichten wie sein Lob für Ruandas Präsident Paul Kagame trotz dessen Polizeistaatsmethoden.

Manche sahen in Neudeck einen Revolutionsromantiker. Den Romantiker verneinte er, zum Geist der 68er-Bewegung und zu den französischen Existenzialisten bekannte er sich aber klar: „Ich bin mit Sartre und Camus groß geworden – da spielt die Revolte eine große Rolle.“

Betroffene Reaktionen auf die Nachricht von Neudecks Tod

Joachim Gauck kondolierte am Dienstag Christel Neudeck. Der Bundespräsident schrieb, Deutschland verliere einen Mann, der beherzt, mutig und auch kompromisslos für Menschen in Not eingetreten sei. Der gemeinsam von den Eheleuten Neudeck gegründete Verein Cap Anamur habe Tausenden Menschen das Leben gerettet.

„Ihr Mann hat der deutschen Katastrophenhilfe ein Gesicht und den Opfern eine Stimme gegeben“, schrieb Gauck in seinem Beileidsbrief. Das Schicksal der Menschen in Krisengebieten sei Neudeck immer ein Herzensanliegen gewesen. Seine Arbeit werde weiterleben.

Politiker und Weggefährten würdigten seinen Einsatz für Flüchtlinge, Hungernde und Opfer von Kriegen. Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) twitterte am Dienstag: „Rupert Neudeck hat vielleicht das Größte geleistet, was ein Mensch überhaupt tun kann: Menschenleben retten.“

Sein Freund und Weggefährte Günter Wallraff sagte der Deutschen Presse-Agentur: „Er war ein Heiliger unserer Tage. Bei Rupert Neudeck war Reden und Handeln eine Einheit. Es gibt für ihn keinen Ersatz.“

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft (SPD) lobte Neudecks mutiges Engagement für Flüchtlinge, das ihn zu einem starken Vorbild habe werden lassen. Der Linken-Abgeordnete Omid Nouripour würdigte den Verstorbenen als beharrlich und unbeirrbar: „Neudeck hat die Welt verbessert.“

Die Grünen-Vorsitzende Simone Peter lobte seinen Einsatz für Flüchtlinge: „Mit Rupert Neudeck verlieren wir einen der wichtigsten Vorkämpfer für die Rechte von geflüchteten Menschen in Deutschland und der ganzen Welt.“ Die Gesellschaft für bedrohte Völker beklagte den Verlust Neudecks als wichtiger Ratgeber und Beiratsmitglied: „Wir werden seinen Rat und sein mitreißendes Engagement für Notleidende sehr vermissen!“

Der Kölner Kardinal Rainer Maria Woelki erklärte, er habe Neudecks unbeirrbaren, geradezu sturen Willen zur Hilfe für Menschen in Not immer bewundert. „Sein aus dem Glauben gespeistes Engagement hat den Begriff Menschenwürde praktisch und anschaulich werden lassen.“

Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, bezeichnete seinen „Freund und Wegbegleiter“ Neudeck auf Twitter als „radikal-humanitären Helfer“. (dpa/epd)