Silvester

So war 2019! Ein satirischer Rückblick in die Zukunft

Um Geld dreht sich auch im kommenden Jahr sehr vieles.

Um Geld dreht sich auch im kommenden Jahr sehr vieles.

Foto: Harm Bengen/tooonpool.com

Wir sind unserer Zeit voraus. Exklusiv. Hier schon die Chronologie der Ereignisse in Hamburg. Es könnte aber auch anders kommen.

Januar 2019

Hamburg. Verkehrsstaatsrat Andreas Rieckhof verkündet die „Große Baustellen-Offensive“: 2019 werde sich Entscheidendes verbessern, verspricht er.

Stadtentwicklungssenatorin Dorothee Stapelfeldt verkündet die „Große Wohnungsoffensive“: 2019 werde sich Entscheidendes verbessern, verspricht sie.

CDU-Chef Roland Heintze verkündet ein Jahr vor der Bürgerschaftswahl die „Große Spitzenkandidaten-Findungsoffensive“: 2019 werde man eine liberal­-konservative, charismatisch-seriöse, junge erfahrene Hamburgerin präsentieren. Und das sei eine entscheidende Verbesserung.

Februar 2019

Die „Große E-Offensive“ des Senats zeigt Wirkung: Die Verkaufszahlen von E-Bikes, E-Rollern und E-Mopeds schießen in die Höhe.

Bei einem Konzert mit Stücken des Modern-Creative-Jazz-Komponisten Oskar Aichinger setzt bereits nach zehn Minuten die Massenflucht aus der Elbphilharmonie ein. Nach diesem Feueralarm-Szenario setzt Intendant Christoph Lieben-Seutter die Sonderkommission Saalflucht ein (SokoSaft).

Die CDU will Innovation und Künstliche Intelligenz (KI) zu Wahlkampfthemen machen. Der Abgeordnete Dennis Thering kündigt für April die Einführung eines „Künstlichen Pressesprechers“ an – seine Mitarbeiter hatten gekündigt, weil sie die hohen Anforderungen nicht mehr erfüllen konnten (17 Pressemitteilungen, drei kleine und eine Große Anfrage, 34 Posts, alles pro Tag).

März 2019

Der große E-Boom erfasst die gesamte Wirtschaft: DHL, UPS, Deliveroo, Lieferheld und der Friedhof Öjendorf werden ihre Fahrzeugflotten kurzfristig auf E-Mobile umrüsten. Hunderte Firmen wollen nachziehen.

Nachdem der Senat den Abriss des City-Hofs, der Freihafen-Elbbrücke und des Altonaer Rathauses verkündet hat, stellt das Denkmalschutzamt 17 Baustellen unter Denkmalschutz: Sie seien stadtbildprägend und stünden „exemplarisch für die Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand im frühen 21. Jahrhundert“. Einen Zusammenhang mit den Abrissplänen des Senats weist die Behörde empört zurück. Vielmehr seien die Baustellen offensichtlich auf Ewigkeit angelegt, insofern ändere sich ja auch nichts.

Nach heftigem internen Streit setzt sich Innensenator Andy Grote (SPD) gegen Umweltsenator Jens Kerstan (Grüne) durch: Die Luftmessstationen werden ab sofort von der für Verkehrsüberwachung zuständigen Innenbehörde betreut. Grote kündigt kurzfristige Verbesserungen an.

April 2019

Die SokoSaft setzt verschärfte Eingangskontrollen für die Ebphilharmonie durch: Bei allen Konzerten, in denen weder Beethoovens Neunte noch irgendwas von Mozart gespielt wird, dürfen die Ticketinhaber nur noch in den Saal, wenn sie drei Fragen beantworten können: Wer spielt heute? Welches Genre ist es? Was fällt Ihnen zu Quinten ein? (Gelee gilt nicht als richtige Antwort).

Dennis Thering startet sein KI-Projekt des künstlich-intelligenten Pressesprechers. Alle Mitteilungen von SPD, Grünen und des Senats werden automatisch verarbeitet und mit den Begriffsclustern „falsch, fatal, zu spät, inkonsequent, verantwortungslos, rot-grünes Chaos, unfähig etc.“ versehen und automatisch versendet.

Nach der Verkehrszulassung von E-Rollstühlen, E-Inlineskatern und E-Aufsitzmähern kommt es auf den Radspuren (sollen in „E-Spuren“ umbenannt werden) im gesamten Stadtgebiet zu dramatischen Stauungen.

Mai 2019

CDU-Chef Heintze präzisiert das Anforderungsprofil für die Spitzenkandidatur dahingehend, dass die jung-erfahrene, charismatisch-seriöse Hamburgerin liberal o d e r konservativ sein könne.

Stadtentwicklungssenatorin Stapelfeldt präsentiert die Ergebnisse der Expertenkommission zur Bekämpfung der Wohnungsnot. Triumphierend erklärt sie, dass künftig jährlich 15.000 preiswerte Wohnungen gebaut würden, ohne Grünflächen anzutasten. Die Wohnungen seien lärmgeschützt, extrem energiesparend, wobei auf Hochhäuser verzichtet werde. Außerdem würden sie sich perfekt ins Stadtbild einpassen. „Man merkt kaum, dass sie da sind!“ Da aber noch das Baugesetz „angepasst“ werden müsse, werde sie Details nach der Sommerpause erläutern.

Nach dreitägigen Beratungen verkündet Bürgermeister Peter Tschentscher, dass der Senat mit einer Stimme Mehrheit den HSV-Antrag abgelehnt habe, die Zweitliga-Meisterschaft auf dem Rathausbalkon zu feiern. Der Altonaer Balkon stehe aber zur Verfügung.

Juni 2019

Auf Wunsch von Staatsrat Rieckhof hat die Kulturbehörde ein Baustellen-Konzept vorgelegt. So werde es bei den zehn meistfrequentierten Baustellen zu den Hauptverkehrszeiten von August an täglich Staukonzerte geben. Das Sinfonieorchester, der NDR-Chor und die Finkwarder Speeldeel hätten bereits zugesagt. Kampnagel betanzt vor allem Baustellen in sozialen Brennpunkten. Rieckhof betont, damit sei sein Versprechen, es werde sich Entscheidendes „ändern“, eingelöst.

Der Schuhhändler Görtz will auf der E-Welle mitsurfen und bringt „E-Boots“ auf den Markt. Mit der „schritterleichternden Walk+-Funktion“ werde der Schuh „für den Kurz-Mittelstreckenbereich zur trendigen Alternative zum Fahrrad“, heißt es.

Der FDP fällt bei einer Vorstandssitzung auf, dass Katja Suding im Bundestag sitzt und daher als Spitzenkandidatin für die Bürgerschaftswahl wohl eher nicht zur Verfügung steht. Die Fraktionsvorsitzende Anna von Treuenfels-Frowein, die aufgrund ihres Namens als Kandidatin nicht in Betracht komme, soll bei Suding vorfühlen, ob sie eine Schwester hat, die antreten könnte.

Juli 2019

CDU-Chef Heintze präzisiert das Kandidatenprofil für die Bürgerschaftswahl: liberal o d e r konservativ, jung o d e r erfahren, charismatisch o d e r seriös, Mann o d e r Frau. Aus Hamburg müsse der/die Kandidat/in aber m ö g l i c h s t kommen. Auf Nachfrage betont Heintze, dass eine CDU-Mitgliedschaft allerdings Voraussetzung sei.

Während die FDP enttäuscht zur Kenntnis nehmen muss, dass Katja Suding nur Brüder hat, verzichtet die Linke auf offizielle Spitzenkandidaten: Die Partei werde nur wegen ihrer Sachpolitik gewählt. Die AfD betont, sie werde nur wegen der Sachpolitik der anderen Parteien gewählt und wäre auch erfolgreich, wenn sie einen alten braunen Sack aufstelle – was sie wahrscheinlich auch tun werde.

Die Grünen bedauern, die Zwillinge, äh, die Fegebank bereits 2017 aufgestellt zu haben, weil sich die Öffentlichkeit nun auf die anderen Parteien konzen­triere. Ein inszenierter spektakulärer Rücktritt und erneuter Antritt der Zwillinge, äh, der Fegebank, wird nach langer Debatte aber wieder verworfen.

August 2019

Das Konzept der SokoSaft ist gescheitert, weil die Reiseveranstalter ihre Gäste während der Busfahrten von Bad Salzuflen, Herne II und Schwedt nach Hamburg mit Flyern auf die Fragen vorbereiten. Daher wird nun eine Saal-verlassen-Vorfälligkeitsgebühr in Höhe von 25 Euro eingeführt.

Andy Grote verkündet stolz die Aufhebung aller Dieselfahrverbote, weil alle Luftmessungen deutlich unter den Grenzwerten lagen. Die Umwelt sei bei den Sozialdemokraten „wegen unserer E-Offensive“ in den allerbesten Händen.

Weil viele Unternehmen ohne ausgeprägtes „E-Profil“ große Imageschwierigkeiten haben, überlegt die Hochbahn, die U-Bahnen in E-Bahnen umzubenennen. Die S-Bahn führt die Linien Ö1, Ö2, Ö21, Ö3 und Ö31 ein – Ö wie Öko sei das bessere E, sagt Chef Kay Uwe Arnecke. Unterdessen betont Vattenfall, dass das Unternehmen „zu 100 Prozent“ E-Strom liefere – die Konkurrenz ist geschockt.

September 2019

Dorothee Stapelfeldt tritt vor die Landespressekonferenz und verkündet sichtlich aufgeregt, dass das Wohnungsproblem nunmehr gelöst sei. Man werde jährlich 800 bis 1000 maximal viereinhalbgeschossige Mehrfamilienhäuser bauen, sodass bis zu 15.000 neue Wohnungen per annum entstünden. Die Miete liege bei maximal 7 Euro kalt. Auf das ungläubige Staunen der Journalisten reckt sie den Daumen nach unten. „Wir bauen nicht hoch, sondern tief“, sagt sie. Hamburg werde unterkellert, und ja, man dürfe das gern einen unterirdischen Plan nennen.

Staatsrat Rieckhof startet unterdessen eine neue Service-Seite für Verkehrsteilnehmer. Künftig werde tagesaktuell bei hamburg.de eine Liste aller Straßen veröffentlicht, auf denen nicht gebaut werde. Zum einen wolle man so das Positive betonen, sagt er, zum anderen habe sich gezeigt, dass diese Liste deutlich kürzer sei als die mit den Baustellen.

Die Grünen stellen ihre Wahlkampagne vor. Slogan: „Die GruEnEn – die Partei mit dem Zwillings-E“. Peter Tschentscher ist stinksauer, dass „unseren Schlafmützen das nicht auch eingefallen ist. In meinem Namen kommt das ,E‘ schließlich viermal vor“. Die umgehend kreierten neuen Plakate „ESPEDE für Hamburg“ finden bei ihm allerdings keine Zustimmung.

Oktober 2019

Nach mehreren Massenkarambolagen auf dem Volksdorfer Wochenmarkt und beim Bingo-Nachmittag in Bahrenfeld fordert die FDP, die Zulassung der E-Rollatoren aufzuheben.

Bei Bürgerbeteiligungsgesprächen in allen Bezirken werden Details der Tiefbauwohnungspläne des Senats erläutert. Panoramafenster-Hologramme, ein von Michael Batz entworfenes Beleuchtungssystem und Elektromobilität („E-Fahrstühle“) seien die großen Vorteile des Programms. Zehntausenden werde so eine „Neue Heimat“ gegeben. Außerdem könne endlich mal gesagt werden: „Schatz, bringst du den Müll noch hoch?“

Nach diversen Pannen muss Dennis Thering seinen künstlichen Pressesprecher abschalten. Als der Senat dem Hamburger CDU-Gründungsmitglied Hans-Jürgen Roth zum 95. Geburtstag gratulierte, war in Therings Namen eine Mitteilung verschickt worden, in der Roth jahrzehntelanges Versagen und rot-grüner Filz vorgeworfen wurde. Er wolle künftig auf die natürliche Intelligenz seiner Mitarbeiter setzen, so Thering, nachdem er sich beim Jubilar persönlich entschuldigt hatte.

Auch das neue Konzept der SokoSaft ist gescheitert, weil alle Saalflüchtlinge anstandslos gezahlt haben. „Ich hätte auch 50 Euro gegeben, um diesem Krach zu entkommen“, sagte der Neuruppiner Rentner Otto E. nach einem Konzert der Einstürzenden Neubauten. Daher werden nun 1,6 Millionen Euro in die Nachrüstung der Stühle im Großen Saal investiert: Diese erhalten stählerne Sicherheitsbügel, die sich vor Konzertende nicht öffnen lassen.

November 2019

In der „Sesamstraße“ eröffnet Schlemihl („Hey, Duuuu … genaaaaau“) ein Ladengeschäft. Neben Achten und einer Handvoll Luft ist das „E“ der Verkaufsschlager.

Die Farmsener Initiative „Unsere Baustelle soll schöner werden“ wird mit der Fritz-Schumacher-Medaille ausgezeichnet. Der Malkreis der Volkshochschule und die Gartenfreunde Farmsen hätten mit ihrer Kombination aus Bemalung und Bepflanzung der Baustelle Berner Heerweg „neue Maßstäbe bei der Baustellen-Gestaltung gesetzt“, wie es in der Begründung der Jury heißt. Beworben hatten sich 736 Projekte aus allen Stadtteilen.

Während Abendblatt-Chefredakteur Lars Haider die Betriebssportgruppe „E-Gaming“ gründet, Holsten die Entwicklung eines E-Biers ankündigt und die Elbphilharmonie betont, dass sie schon immer ausschließlich E-Musik angeboten habe, warnt die AfD vor dem „E-Wahn“: Der Buchstabe stehe in erster Linie doch für Einwanderer, Einbrecher und eingewanderte Einbrecher.

Dezember 2019

Roland Heintze ist der Spitzenkandidat der CDU. Nachdem sich zuletzt auch Birgit Breuel geweigert hatte, wurden im Parteivorstand Streichhölzer gezogen – und Heintze hatte eben Pech.

Die FDP macht doch Anna von Treuenfels-Frowein zur Spitzenkandidatin, was aber nicht weiter auffällt, da ausschließlich Suding-Plakate geklebt werden.

Andy Grote lehnt einen Rücktritt ab, nachdem herausgekommen war, dass die in den Luftmessstationen installierte Software von VW manipuliert worden war. „Leute, ich habe G 20 politisch überlebt, da trete ich doch nicht wegen ein paar ungenauer Messwerte zurück.“

Nach mehreren Verurteilungen wegen Freiheitsberaubung wird die SokoSaft aufgelöst. Intendant Lieben-Seutter ordnet an, dass es nunmehr speziell für Reiseveranstalter ein tägliches Mittagskonzert mit der Helene-Fischer-Coverband „Atemlos“ geben wird.

Das nach einem Urteil des Europä­ischen Gerichts für Menschenrechte („Recht auf Tageslicht“) geplante Spiegelsystem zur natürlichen Beleuchtung der unterirdischen Wohnungen wäre so teuer, dass die Kaltmiete bei 14 Euro läge – das Projekt wird gestoppt. Einen Rücktritt lehnt Stapelfeldt ab: „Leute, ich habe es immerhin versucht.“