Social-Media-Phänomen

„ThatGirl“: Das macht den TikTok-Trend so gefährlich

| Lesedauer: 7 Minuten
Julia Fricke
Das Leben vieler jungen Menschen spielt sich nur noch im Internet ab. Der ThatGirl-Trend setzt neue Maßstäbe für vermeintliche Perfektion.

Das Leben vieler jungen Menschen spielt sich nur noch im Internet ab. Der ThatGirl-Trend setzt neue Maßstäbe für vermeintliche Perfektion.

Foto: Roman Samborskyi / Shutterstock / Roman Samborskyi

Unter dem Hashtag teilen junge Frauen ihre Alltagsroutine auf Social Media. Was eine Expertin empfiehlt.

Berlin. Der Tag beginnt schon morgens in der Frühe. Dafür steht sie auch schon mal um fünf Uhr auf. Nur dann hat sie noch genügend Zeit, um Sport zu treiben und sich ihrer alltäglichen Morgenroutine hinzugeben. Zigaretten und Kaffee? Keinesfalls. Zum Frühstück gibt es ein Glas Zitronenwasser, Matcha-Tee und eine mit Früchten perfekt dekorierte Bowl, bevor sie gut gelaunt und motiviert ihrem Job nachgehen kann.

Der Trend, der sich unter dem Hashtag „ThatGirl“ („Dieses Mädchen“) vor allem auf TikTok und Instagram verbreitet hat, zeigt, wie der perfekte Tagesablauf bei jungen Frauen aussehen könnte. „Sei die beste Version deiner Selbst“, heißt es da, „dieses eine Mädchen“, und sogar Anleitungen kursieren im Internet, wie jeder zu einem „ThatGirl“ werden kann. Diese Art von Frau will beweisen, dass Erfolg im Beruf durchaus auch gesund gehen kann. Ganz ohne Schokolade und Kaffee. Doch was macht dieses Streben nach Perfektion mit uns? Und wer sagt eigentlich, was perfekt ist?

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So neu scheint dieses Phänomen nicht zu sein. „Frauen früherer Jahrgänge hatten Plakate, Fernsehen und Zeitschriften, in denen diese perfekt abgelichteten Körper zu sehen waren“, sagt Diplom-Psychologin Nathalie Krahé, die Mitglied im Bundesverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen ist. Was sich seit dieser Zeit geändert hat, sei lediglich das Medium. Nur, dass dieses weitaus „raffinierter“ daherkommt, als es den ursprünglichen Medien möglich war. Häufig sind in den Timelines perfekt gestylte, ausgelichtete und bearbeitete Menschen zu sehen, die mit der Realität nichts zu tun haben und die Algorithmen zeigen immer wieder das, was sich der Nutzer als Letztes angesehen hat.

TikTok-Trend: Gut gedacht, schlecht gemacht

Motivierend und inspirierend soll er sein, der „ThatGirl“-Trend. Empowern. Dabei macht er jedoch in erster Linie eines: Er schießt über das Ziel hinaus, findet Krahé. „Ich bin sofort dabei, wenn es darum geht junge Menschen zu empowern. Nur mit diesem Optimierungs- und Perfektionsanspruch pervertiert es die guten und wichtigen Ansätze und erzeugt Druck.“ Druck, genauso sportlich zu sein, genauso hübsch zu sein, genauso erfolgreich zu sein und den Druck genauso glücklich zu sein – denn bei anderen scheint es ja auch zu funktionieren und das dabei noch ganz leicht. Sei du selbst? Aber bitte nur in dem Rahmen den der Trend vorgibt. Individualität ist das nicht, meint Krahé.

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Und durch diesen Druck könne dieser Trend durchaus zur Gefahr werden. „Ich finde das in hohem Maße bedenklich“, sagt Krahé. Dass nicht alle Frauen mit diesem Trend gut zurechtkommen, sei nicht immer eine Charakterschwäche, sondern liege vielmehr an dem Alter. Denn die Zielgruppe dieses Trends spricht in erster Linie Teenager und junge Frauen an. „In oder nach der Pubertät ist das Ich und das Selbstbild noch gar nicht so stark ausgebildet. Da ist man noch auf der Suche und das findet bis in die Mitte der 20er bis Anfang der 30er Jahre statt. Das Gehirn ist rein biologisch in diesem Alter noch gar nicht so widerstandsfähig“, erklärt Krahé.

Neben Sport sieht der Trend auch in der Meditation eine wichtige Rolle. Sie soll den Schwerpunkt abermals auf Achtsamkeit legen. Die Geistesübungen mit der Jahrtausende alten Tradition sollen Grübeleien unterbrechen, den Menschen zur Ruhe kommen lassen. Meditation und das Streben nach Perfektion. Passt das zusammen? „Ich nehme der Methode damit komplett ihren Inhalt, wenn ich sie zur Selbstoptimierung betreibe“, sagt Krahé. „Es ist, als wenn nur die Hülle benutzt wird.“ Der schöne Schein der Meditation, der in perfekter Sportkleidung, in einem perfekten Raum, vor laufender Kamera inszeniert scheint.

Social Media und der Umgang mit den Gefühlen

Die Schablone ist eng. Nicht jeder passt hinein. „Das spiegelt ja nicht die Realität wieder. Dieses immer gute Laune haben, immer motiviert sein, immer performen und das mit Bestleistung ist dermaßen unrealistisch und setzt trotzdem die Messlatte so hoch, dass man in der eigenen Betrachtung, wenn man versucht sich damit zu vergleichen, nur schlecht abschneiden kann“, macht Krahé deutlich. „Scheinheilig“ sei die Methode vor allem auch deswegen, weil vorgegeben wird, was glücklich macht. Gesunder Smoothie statt süßer Kakao.

Vor allem die Emotionalität in den Videos kann zur potenziellen Gefahr für junge Menschen werden, sind Bilder und Videos doch ausschließlich von Freude und Erfolg geprägt. „Junge Menschen wissen mitunter nicht, was sie mit schlechten Gefühlen machen sollen“, sagt die Psychologin weiter. Es scheint nicht dem Standard zu entsprechen auch einmal einen schlechten Tag zu haben, demotiviert zu sein oder Ärger zu haben. „Sie fragen sich dann, ob mit ihnen etwas nicht stimmt. Ob sie psychisch krank sind. Wenn der Eindruck entsteht, dass eine negative Emotion schon eine Krankheit ist, dann gerät etwas in Schieflage“, weiß Krahé.

Trends im Netz: So gelingt es, sich zu distanzieren

Deswegen müsse immer wieder aufgeklärt und Medienpädagogik an den Schulen betrieben werden. „Wichtig ist, dass lernen mit diesen Medien klug umzugehen und auch zu entscheiden jemandem vielleicht nicht mehr zu folgen“, empfiehlt Krahé. Aus der Bubble ausbrechen. Deutlich machen, dass es normal ist, auch schlechte Gefühle zuzulassen.

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Wie kann es also gelingen sich von einem Trend wie „ThatGirl“ zu distanzieren? Wie merke ich überhaupt, dass mir der Trend nicht gut tut? Dies herauszufinden ist ganz einfach. „Ich muss einfach selbst reflektieren, wie ich mich fühle, nachdem ich 20 Minuten lang Beiträge dieser Art gesehen habe. Fühle ich mich besser, empowert und inspiriert oder merke ich, dass ich schlecht abschneide und mit negativen Gefühlen da rausgehe? Dann sollte ich diesen Accounts nicht mehr folgen und mir bewusst etwas anderes angucken“, empfiehlt Krahé. Denn es gibt sie, die Plattformen und Videos, die Menschen empowern, die Vielfalt zeigen und in denen es okay ist, anders zu sein. Und auch ein Durchhänger ist okay. Denn auch das gehört zum Leben.