Norwegen

Anschlag auf Schwulen-Club in Oslo: „Ich hatte Todesangst“

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Gudrun Büscher
Norwegen: Trauer in Kongsberg um die Opfer

Norwegen: Trauer in Kongsberg um die Opfer

In der norwegischen Stadt Kongsberg südwestlich von Oslo gedenken die Bewohner der fünf Todesopfer des Anschlags eines Bogenschützen. "Wir müssen füreinander da sein", sagte eine Bewohnerin.

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Um 1.10 Uhr schoss der Angreifer auf die Menschen in der Bar. Das Motiv des Täters ist nicht so klar wie zunächst vermutet.

Oslo/Berlin.  Der Gedenkplatz mitten in Oslo ist mit Blumen und Regenbogenfahnen übersät – und es werden immer mehr. Auch der norwegische Kronprinz Haakon ist mit seiner Frau Mette-Marit zum Tatort gekommen, um Mitgefühl auszudrücken. Die Kronprinzessin kämpft mit den Tränen, als sie Blumen niederlegt und das Glockenspiel des Rathauses „Some­where over the Rainbow“ spielt.

Es war eine sommerlich warme Nacht, ideal für eine Party. Der "London Pup", ein bei Homosexuellen und Angehörigen der queeren Szene beliebter Nachtclub, war voller Menschen in Feierlaune. Sie endet abrupt mit den ersten Schüssen um 1.10 Uhr.

„Wir dachten erst, es sei ein Feuerwerk. Dann Gewitter. Dann habe ich verstanden, dass es echte Schüsse sind“, erzählte ein Kneipenbesucher dem Sender NRK. Im Chaos versuchten viele, sich vor den Schüssen in Sicherheit zu bringen, viele flüchten voller Panik in den Keller. „Ich hatte Todesangst“, zitiert die Zeitung „Aftenposten“ einen Augenzeugen.

Terror in Oslo: Die Opfer sind älter als 50 Jahre

Neun Minuten lang schießt der Täter um sich, tötet zwei Menschen und verletzt mindestens 21. Die Polizei spricht später von einem mutmaßlich islamistisch motivierten Terroranschlag. Bei den Toten handelt es sich um zwei Männer, einer zwischen 50 und 60 Jahre alt, der andere zwischen 60 und 70.

Der Täter wurde noch in der Nacht festgenommen, seine beiden Waffen, eine davon eine automatische, wurden sichergestellt. Auf Videos im Internet ist zu sehen, wie die Polizei noch in der Nacht einen Mann mit gelbem T-Shirt überwältigt und und festnimmt.

Es soll sich um einen 42-jährigen Norweger mit iranischen Wurzeln handeln. Er wurde bis vor Kurzem vom Inlandsgeheimdienst (PST) überwacht. Es habe der Verdacht bestanden, dass der Mann zu einem Islamisten-Netzwerk gehöre, so PST-Chef Roger Berg. Nach einer Vernehmung im Mai waren die Ermittler aber überzeugt, dass er keine „gewaltsamen Absichten“ habe – ein folgenschwerer Irrtum.

Die Schüsse fielen kurz vor der Pride Parade, die nach der Pandemie erstmals wieder stattfinden sollte. Norwegens Regierungschef Jonas Gahr Støre sagte, man wisse noch nicht, ob die homosexuelle Gemeinschaft das Ziel des Anschlags war, sie sei aber das Opfer geworden.

Oslo: Regierungschef Støre appelliert an die Menschen

Tausende zogen am Sonnabend mit Regenbogenfahnen durch die Stadt: „Wir sind hier, wir sind queer, wir werden nicht verschwinden“, riefen sie und versuchten so mit dem Schock umzugehen. Seit dem Terroranschlag vor elf Jahren auf Utøya und in Oslo mit 77 Todesopfern ist das Sicherheitsgefühl der Norweger verletzt. Am Sonntag gedachte Oslo in einem Gottesdienst der Opfer. Auch Mette-Marit nahm daran teil, Haakon fehlte, er hat Corona.

Der mutmaßliche Attentäter schwieg auch am Sonntag. Dem Sender NRK zufolge soll der Mann Kontakte zu einem Extremisten, gehabt haben, der Mitte Juni im Internet aufrief, Schwule zu töten. Dies sei nur eine Spur bei den Ermittlungen, so die Polizei am Sonntag. Es sei zu früh für ein klares Bild. Nach Angaben des Verteidigers solle der Geisteszustand seines Mandanten überprüft werden.

Regierungschef Støre rief die Bevölkerung unterdessen auf, sich gegen Hass zu wenden und weiter für eine vielfältige Gesellschaft einzustehen. Den Muslimen in Norwegen sicherte er zu, dass sie Teil der Gemeinschaft seien. Støre sagte: „Der Angriff hat die Parade gestoppt, aber nicht den Kampf gegen Diskriminierung, Vorurteile und Hass.“