Arbeitsmarkt

Neuorientierung in der Pandemie: Wo sind die Kellner hin?

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Hannes Koch
Vor Impfpflicht: 12 000 Pflegekräfte melden sich arbeitssuchend

Vor Impfpflicht: 12 000 Pflegekräfte melden sich arbeitssuchend

Einführung der Impfpflicht im Gesundheits- und Sozialwesen stellt die Bundesagentur für Arbeit Bewegung auf dem Arbeitsmarkt fest. Mehr Menschen in Pflegeberufen melden sich als arbeitssuchend. - Beitrag liegt vor

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Tschüss, alter Job: In der Pandemie haben sich viele Menschen neu orientiert. Vor allem eine Branche leidet darunter jetzt massiv.

Berlin. Viele Restaurants und Bars sind ziemlich leer in diesen Omikron-Wochen. Das ist schlecht fürs Geschäft. Andererseits gäbe es massive Probleme, wenn jeder Tisch besetzt wäre. Denn es fehlt an Personal. Gastronomen berichten, wie schwierig es mittlerweile sei, Leute zu finden, die Bier und Flammkuchen herumtragen. Wo soll all die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen hin?

Auch in den USA und Großbritannien ist diese Entwicklung zu beobachten – dort wird bereits breit über den Begriff "the great resignation" des texanischen Psychologieprofessors Anthony Klotz diskutiert. Frei übersetzt: "der große Rückzug".

Die These besagt, dass der Corona-Schock bei vielen Beschäftigten die Sinnfrage und eine Neuorientierung auslöste. Ist es Zeit für eine längere Pause, nur noch Teilzeit zu arbeiten und die materiellen Ansprüche herunterzuschrauben? Oder andersherum: Den Job zu kündigen, um einen neuen mit besserer Bezahlung und günstigeren Konditionen anzunehmen.

USA: Mehr Kündigungen als üblich

Als Beleg führen die Befürworter der These an, dass ab Mitte 2021 drei Prozent aller Beschäftigten in den USA ihre Arbeitsstellen kündigten, gegenüber zwei Prozent vorher. Parallel nahmen die Gehälter um vier Prozent zu – ein Zeichen für die größere Verhandlungsmacht der Angestellten. Allerdings schrieb das britische Wirtschaftsmagazin "Economist", diesen Trend gebe es in den USA, vielleicht noch in Großbritannien, in anderen Staaten aber eher nicht.

"Ein 'big quit' ist in Deutschland nicht zu beobachten", sagt Enzo Weber vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. "Bis zum 2. Quartal 2021 wurden nicht mehr Jobs beendet als vor Corona, auch nicht von den Beschäftigten." Die IAB-Untersuchung endet jedoch ungefähr zu dem Zeitpunkt, als die Kündigungswelle in den USA erst begann.

Zudem sieht Weber eine wesentliche Ausnahme: "Ab Herbst 2020 kehrten deutlich weniger arbeitslose Beschäftigte in die Gastronomie zurück als vor der Krise." In diesem Bereich fand wohl tatsächlich eine Umorientierung statt.

Über die Gründe kann man mangels Daten nur spekulieren. Vielleicht haben die häufigen Abschiede vom Kellnern und Kellnerinnen auch damit zu tun, dass sie mit den Bedienungen wie Nachtarbeit und mäßiger Bezahlung unzufrieden waren.

Arbeitsagentur: Diesen Ratschlag gibt der Chef

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur für Arbeit, Detlef Scheele, hat fordert dann auch die Gastronomie auf, mit besseren Arbeitsbedingungen gegen den Personalmangel anzugehen. "Die Gastronomie ist gefordert, ihren ehemaligen Beschäftigten attraktive Angebote zu machen, um sie zurückzuholen. Vielleicht helfen arbeitsfreie Wochenenden, aber das ist natürlich nicht einfach", sagte Scheele unserer Redaktion.

Die Gastronomie habe viele Beschäftigte verloren, da diese festgestellt hätten, dass "man auch ohne Schicht-, Wochenend- und Abenddienste sein Geld in anderen Branchen verdienen kann."

Bis auf eine Branche ist hierzulande also kein großer Trendumschwung oder gar ein kultureller Wandel im Verhältnis zur Arbeit zu erkennen. Dennoch deutet einiges daraufhin, dass sich in Deutschland die Machtbalance zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern verschiebt. Mehr zum Thema: Inflation - So stark werden die Preise 2022 steigen

Arbeitsmarkt: Mit jedem Jahr fehlen mehr Arbeitskräfte

Es entsteht ein Anbietermarkt: Auf dem Arbeitsmarkt können die Beschäftigten, die ihre Tätigkeit gegen Lohn anbieten, mehr verlangen. Ursache: Beispielsweise der Jahrgang 1961 verzeichnete 1,3 Millionen Geburten, 1999 waren es dagegen nur rund 800.000. Gehen die 1961er bald in Rente, fehlen 500.000 Arbeitskräfte. Weiterlesen: 12 Euro ab Herbst: Mindestlohn-Pläne sorgen für Streit

Der Personalmangel führt dazu, dass die Firmen den Bewerbern bessere Konditionen bieten müssen. Aus Sicht der jungen Leute ist die Lage wahrscheinlich ziemlich luxuriös: Wer einigermaßen auf der Höhe ist, kann sich den Job aussuchen, den er oder sie haben will.

( (mit tki/ape) )