Kryptowährung

Bitcoin: Erstes Land macht Kryptowährung zum Zahlungsmittel

| Lesedauer: 8 Minuten
Klaus Ehringfeld
Videografik: So funktioniert der Bitcoin

Videografik: So funktioniert der Bitcoin

Als weltweit erstes Land führt El Salvador den Bitcoin als gesetzliches Zahlungsmittel ein. Im Gegensatz zu traditionellen Währungen hat die Kryptowährung keine Zentralbank und ist von keiner Regierung abhängig. Stattdessen wird der Bitcoin von den Nutzern kontrolliert und reguliert. VIDEOGRAPHIC

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Die Kryptowährung Bitcoin wird in El Salvador zur legalen Währung. Die Neuerung finden nicht alle Einwohner des kleinen Landes gut.

Mexiko-Stadt. 
  • In El Salvador kann man jetzt mit einer neuen Währung bezahlen
  • Dabei wurden extra eigene Geldautomaten in dem Land aufgestellt
  • Weitere Länder haben bereits reagiert

Ende August wurde wohl auch dem letzten Salvadorianer klar, wie ernst es Präsident Nayib Bukele mit dem Vorhaben meint, den Bitcoin als legale Währung zu implementieren. In ganz El Salvador ließ die Regierung 200 Geldautomaten aufstellen, an denen vom 7. September an die Landeswährung US-Dollar gegen die Kryptowährung getauscht werden kann.

Dann soll die Bevölkerung an Tankstellen und in Supermärkten mit Bitcoin zahlen. Auch die Steuern sollen so entrichtet werden können. Das Parlament beschloss einen staatlichen Treuhandfonds über 150 Millionen US-Dollar, um das Währungsrisiko abzusichern.

Als erster Staat macht das kleine zentralamerikanische El Salvador also ernst und wertet den Bitcoin zur offiziellen Währung und somit zum legalen Zahlungsmittel auf. Notenbanker, Finanzjongleure, Wissenschaftler und Regierungen auf dem ganzen Globus schauen mit großem Interesse auf diesen Modellversuch. Auch Kuba, Honduras und Panama erlauben jetzt Kryptowährungen als Zahlungsmittel.

Experten: Einführung von Bitcoin als Währung ist "verrückte Idee"

Es sei ein Experiment nicht von dieser Welt, sagt Dante Mossi, Präsident der Zentralamerikanischen Bank für Wirtschaftsintegration (CABEI). Der Internationale Währungsfonds bezeichnet das Vorhaben als finanziell und regulatorisch zu riskant und verweigerte El Salvador Unterstützung bei der Einführung des Bitcoin.

Und der Entwicklungsökonom und Zentralamerika-Experte Christian Ambrosius hält das Projekt für eine verrückte Ideemit zweifelhaften Motiven und unbekanntem Ausgang.

Die neuartigen Geldautomaten nennen sich Chivo-Cajeros nach dem Namen der von der Regierung unterstützten Wallet (Chivo = Ziege), in welcher der Bitcoin künftig verwahrt werden soll. Die Wallet erlaubt es Privatpersonen und Unternehmen überall auf der Welt, Zahlungen in Bitcoin oder Dollar vorzunehmen.

El Salvador: Bitcoin-Willkommensbonus von 30 Dollar

Wer Chivo runterlädt, bekommt als Bonus 30 Dollar geschenkt. So will der Staatschef den 6,5 Millionen Einwohnern die Umstellung schmackhaft machen. Aber das klappt nur bedingt. Kaum waren die Geldautomaten in dem Land von der Grüße Hessens installiert, gingen die ersten Protestierer auf die Straße.

Hunderte Arbeiter und Rentner demonstrierten in der Hauptstadt San Salvador gegen die Krypto-Pläne. Bukele, wir wollen den Bitcoin nicht undNein zu Geldwäsche stand auf den Transparenten. Vor allem die Pensionäre fürchten, dass ihnen künftig ihre Renten nur noch in Kryptowährung ausgezahlt werden.

Hipster-Präsident Bukele will Überweisungskosten senken

Anfang Juni hatte das von Nayib Bukele kontrollierte Parlament das gerade einmal zwei Seiten umfassende Bitcoin-Gesetz im Schnellverfahren verabschiedet. Der 40-jährige Autokrat, der sich mit Lederjacken, falsch herum aufgesetzten Baseball-Kappen und seiner Twitter-Diplomatie ein Hipster-Image gibt, rechtfertigt die Krypto-Implementation damit, dass so die hohen Kosten für die Überweisungen der im Ausland lebenden Salvadorianer wegfallen oder geringer würden.

Rund ein Drittel der salvadorianischen Bevölkerung lebt fern der Heimat, davon knapp über zwei Millionen in den USA. „Unsere Leute zahlen 400 Millionen Dollar pro Jahr an Überweisungsgebühren. Allein diese Einsparungen werden ein großer Vorteil sein, machte Bukele über den Kurznachrichtendienst Twitter Werbung. Die Auslands-Salvadorianer überwiesen im Vorjahr fast sechs Milliarden Dollar an ihre Familien in der Heimat. Etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von El Salvador stammen aus diesen Geldtransfers.

Viele Salvadorianer haben kein Bankkonto

Ein weiteres Argument: Weniger als die Hälfte der Bevölkerung hat ein Bankkonto. Alle Welt schaut, wie das mit dem Bitcoin in El Salvador funktioniert und ob die Kosten für die Geldüberweisungen stark sinken unterstreicht CABEI-Chef Mossi, dessen Experten die Regierung bei der Bitcoin-Implementation beraten haben. Denn El Salvador könnte Vorbild für diejenigen Länder Zentralamerikas sein, die eine ähnliche Wirtschaftsstruktur haben.

Kaum war das Krypto-Gesetz im Juni in der Welt, hagelte es Kritik. Ein Land, das seit 2001 in einem „verrückten Geldsystem (Dollarisierung) gefangen“ sei bewege sich auf ein noch verrückteres System zu. „Es ist schwer, einen Grund zu finden, wie das gut ausgehen könnte", fasste Dani Rodrik, Ökonom an der Harvard-Universität als einer der ersten seine Bedenken zusammen.

  • Präsident von El Salvador will Investoren anlocken

    Auch Volkswirt Christian Ambrosius, Professor am Lateinamerika-Institut der Freien Universität Berlin, ist skeptisch und fragt, für wen die Bitcoin-Einführung Vorteile bringen soll: „Es war eine Hals- über Kopf-Entscheidung von Bukele, die mit wenig Vorbereitung und wenig Transparenz getroffen wurde“. Es sehe so aus, als habe der autoritär regierende Präsident mehr die Aufmerksamkeit der globalen Investoren und der Krypto-Gemeinde im Sinne gehabt als das Wohl der eigenen Bevölkerung.

    Der Präsident kokettiert offen mit der Marktkapitalisierung des Bitcoins, die aktuell bei rund 901,5 Milliarden Dollar liegt, und hofft, dass davon vielleicht ein paar Prozent künftig in seinem Land investiert werden.

    „Investoren freuen sich tatsächlich und sehen die Möglichkeit, eine spekulative Währung in reale Güter verwandeln zu können“, sagt Ambrosius im Gespräch. Aber anders als von der Regierung argumentiert, schaffe der Bitcoin keine „finanzielle Inklusion“. Dazu bräuchte es Chancen für den Vermögensaufbau, Absicherung gegen finanzielle Risiken und Zugang zu günstigen Krediten und Versicherungen. Dies leiste ein Zahlungsmittel wie der Bitcoin nicht.

    El Salvador will nicht mit Korruptionsermittlern zusammenarbeiten

    Ambrosius vermutet, Bukele wolle mit der Bitcoin-Ökonomie eine Nische im globalen Finanzsektor besetzen, ähnlich wie es Panama mit seinen Banken und Steuermodellen tut. Mit allen Gefahren, die das mit sich bringt, vor allem der, „Anlaufpunkt für Geldwäsche und Schwarzmarkt-Aktivitäten zu werden,“ betont Ambrosius. Krypto sei ja gerade aus der Idee entstanden, Finanztransaktionen dem Staat und dessen Regulierung zu entziehen.

    In diesem Zusammenhang fällt auf, dass El Salvador parallel zur Verabschiedung des Bitcoin-Gesetzes die Zusammenarbeit mit den Korruptionsermittlern der Internationalen Kommission gegen Straflosigkeit in El Salvador (CICIES) aufkündigte.

    Proteste gegen Bitcoin werden stärker

    Unklar ist noch, ob die Kryptowährung für alle Salvadorianer verpflichtend wird, so wie es das Gesetz vorschreibt. Paragraf sieben hält eigentlich fest, dass die Kryptowährung von „jedem Wirtschaftsteilnehmer“ akzeptiert werden muss.

    Aber auf der Zielgeraden ist Bukele davon wieder abgerückt. „Wenn jemand unbedingt Cash mit sich führen will, keinen Willkommensbonus möchte und weiter Kommissionen für die Transfers zahlen will, kann er das weiterhin tun“, schrieb Bukele etwas eingeschnappt über Twitter, sein bevorzugtes Kommunikationsmittel.

    Aber je näher der 7. September rückt, desto häufiger wurden die Proteste. Immer war der Tenor: die Verwendung von Bitcoin sei nicht im Interesse der Bevölkerung. Kaum eine Woche vor dem Stichtag äußerten Hunderte Demonstranten die Befürchtung, dass der volatile Wert des Bitcoins die oft knappen Ersparnisse und Einkommen der Menschen zerstören könne. „Wir wissen, dass diese Kryptowährung drastisch im Wert variiert“, sagte der Gewerkschafter Stanley Quinteros. „Er ändert sich von einer auf die andere Sekunde und wir haben darüber keine Kontrolle“.

    Bitcoin schwankt stark im Wert

    Auch Teile der salvadorianischen Wirtschaft sehen das so. Der Verband der Internationalen Frachtunternehmen“ (ASTIC) will sich bei Bitcoin-Zahlungen mit einer Gebühr von 20 Prozent vor den Aufs und Abs schützen.

    Die Ängste sind berechtigt. In diesem Jahr schwankte ein Bitcoin zwischen 24.111 Euro im Januar und fast 50.000 Euro im April. Anfang September lag der Wert bei 40.800 Euro. „Mit einer solchen Fluktuation steigen die Gefahren von Unternehmenspleiten und Privatinsolvenzen, sagt im Gespräch Pavel Vidal, kubanischer Ökonom an der Javeriana-Universität im kolumbianischen Cali, der sich mit der Einführung der Kryptowährung in Kuba beschäftigt hat. In einem Land, in dem ein Drittel der Menschen in Armut leben, birgt das großen sozialen Sprengstoff.