Katastrophe

Hochwasser-Opfer: Hilflos in Einrichtung ertrunken

| Lesedauer: 3 Minuten
Petra Koruhn, Volker Lannert, Silke Müller, Judith Schumacher, Birgitta Stauber
Einwohner von Eschweiler verzweifelt über Hochwasser-Schäden

Einwohner von Eschweiler verzweifelt über Hochwasser-Schäden

Das Flüsschen Inde hat sich nach heftigen Regenfällen in Eschweiler in der Nähe von Aachen in einen reißenden Strom verwandelt. Nachdem das Wasser zurückgeht, bietet sich ein Bild der Zerstörung.

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Mit den sinkenden Pegeln offenbart sich das Ausmaß der Flutkatastrophe. Zwölf Menschen mit Behinderung ertrinken in ihrer Einrichtung.

Bad Neuenahr-Ahrweiler. Das geht langsam zurück – und offenbart den ganzen Horror im rheinland-pfälzischen Katastrophengebiet: Immer mehr Tote finden die Rettungskräfte, am Freitagmittag sind es bereits über 60 Menschen, die nicht rechtzeitig vor den Fluten fliehen konnten.

Allein in Sinzig (Kreis Ahrweiler) starben 14 Menschen, zwölf davon waren Bewohner einer Lebenshilfe-Behinderteneinrichtung. Das Unwetter hatte die Opfer zwischen 35 und 65 völlig überrascht, sagt der Vorsitzende der Lebenshilfe, Ulrich van Bebber. Sie ertranken hilflos in diesem dunklen Gebäude, in dem der Strom ausgefallen war.

Leitung und Mitarbeiter des Lebenshilfehauses seien stark traumatisiert. „Sie werden von der Notfallseelsorge betreut“. Augenzeuge Martin Eggert wohnt gegenüber. Er berichtet aus jener Nacht von einem, wie er sagt, jämmerlich schreienden jungen Mann, der in einem Baum saß: „Ich nehme an, dass er sich aus dem Lebenshilfehaus retten konnte.“

Hochwasser: Bewohner hätten keine Hinweise über die Flut erhalten

Anders als in anderen Straßen in Sinzig hätten die Bewohner dieser Straße keine Hinweise über die nahende Flutwelle erhalten, sagt Eggert. Dem aber widerspricht die Feuerwehrzentrale. „Es wurde gewarnt, aber die Zeit war viel zu knapp“, heißt es von dort. Lesen Sie auch: Darum ist Starkregen so gefährlich

In den Katastrophengebieten sind inzwischen Tausende Helfer unterwegs, die Menschen retten, Gebäude evakuieren, Sandsäcke verteilen – und Tote bergen. Sie stoßen in leerlaufenden Kellern auf immer mehr Menschen, die das Hochwasser nicht überlebt haben.

Das sei kaum noch verkraftbar für die Helfer, sagte der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz (SPD). Die Bundeswehr verlegt zur Unterstützung von Feuerwehr und THW Panzergrenadiere mit schwerem Gerät in das besonders betroffene Gebiet Ahrweiler.

In Walporzheim, einem Stadtteil von Bad Neuenahr-Ahrweiler, sind es vor allem Freunde und Verwandte, die mithelfen, Dreck wegzuschaufeln und den zu Müll gewordenen Hausrat. Die Straßen sind voller Menschen, denen der Schlamm, den die Flut hinterlassen hat, an der Kleidung klebt. Mehr zum Thema: Wie das Ausland über das Hochwasser in Deutschland berichtet

Die Erzählungen lassen nur erahnen, wie unvorbereitet die Menschen auf die Flutwelle waren. Es habe keine Hinweise gegeben, berichten Augenzeugen. Zum Bespiel Hans Jüchtern: Sein Freund sei in seinem Bastelkeller gewesen, als die Flut kam. Er habe noch fliehen können.

Zerstörte Geschäfte, leer gekaufte Supermärkte

Auch ein junger Mann in der Nachbarschaft wurde überrascht von der Flut: „Ich war bei meinen Eltern zu Besuch, als das Wasser kam. Wir haben uns gerade noch retten können, indem wir ins Dach ein Loch geschlagen haben“, sagt er.

Eigentlich ist Walporzheim ein hübscher Weinort, der auch Liebhaber des guten Essens anzieht. Nun ist das bekannte Gourmet-Restaurant Brogsitter zerstört. Von den umliegenden Weingütern wurden Fässer angeschwemmt. Der Geruch von Benzin und Diesel hängt in der Luft, es ist die Ahr, die so stinkt.

Selbst wer von der Flut verschont wurde, muss nun mit den Folgen leben: Die Versorgung ist zusammengebrochen. Geschäfte sind zerstört, die Supermärkte sind leer gekauft. Im Raum Bad Neuenahr-Ahrweiler haben viele Menschen weder Strom noch Wasser oder Gas. Die meisten Brücken sind zerstört.