Corona-Mutation

Diskussion über Mutation: Wird Corona wirklich schwächer?

Höchste Neuinfektionen seit Mai - kommen jetzt strengere Maßnahmen?

Am Donnerstag meldete das RKI über 1700 Neuinfektionen an nur einem Tag. Es ist der dritte Tag in Folge mit einem Anstieg. Reiserückkehrer und Privatpartys sollen der Grund sein. Merkel sieht keine Möglichkeit zu Lockerungen. Spahn erwägt schärfere Maßnahmen für Veranstaltungen.

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Die Zahl der Todesfälle nimmt weltweit ab. In der Forschung wird über eine Abschwächung von Corona diskutiert. Ist das wahrscheinlich?

Berlin. 
  • Die Zahl der Corona-Toten sinkt weltweit, wie auch die Weltgesundheitsorganisation WHO am Dienstag mitteilte
  • Das könnte Experten zufolge daran liegen, dass das Durchschnittsalter der Infizierten niedriger ist als noch bei der ersten Welle
  • Ein Forscher sorgte vergangene Woche mit Aussagen zur möglichen Abschwächung für Wirbel. Stimmt das?

Seit Tagen liegen die Zahlen von Neuinfektionen mit dem neuartigen Coronavirus in Deutschland konstant über der 1000er-Marke. Die Experten vom Robert-Koch-Institut (RKI) sind „sehr beunruhigt“. Und auch die Politiker in Bund und Ländern warnen vor einer erneuten unkontrollierbaren Ausbreitung. Was dabei nicht ins Bild zu passen scheint, ist die Entwicklung der Todeszahlen.

Vom 12. bis 18. August meldete das RKI nur 35 Corona-Tote. Und auch bei den schweren Krankheitsverläufen gibt es keine Nachrichten über starke Anstiege oder sich langsam füllende Intensivstationen in deutschen Kliniken. Lesen Sie hier: Hier finden laut RKI die meisten Corona-Infektionen statt.

Corona-Todeszahlen sinken weltweit

Auch die Weltgesundheitsorganisation WHO meldet weltweit sinkende Corona-Todeszahlen. Die jüngsten Daten der WHO zeigen eine Verlangsamung der Ausbreitung des Coronavirus, vor allem auf dem stark betroffenen amerikanischen Kontinent. In der vergangenen Woche wurden mehr als 1,7 Millionen Neuinfektionen und 39.000 weitere Todesfälle weltweit registriert, wie aus einem Bericht der Organisation vom Montag hervorgeht.

  • Das sei ein Rückgang um fünf Prozent bei den Neuinfektionen sowie um zwölf Prozent bei den Todesfällen.
  • Die Gesamtzahl der Corona-Infektionen stieg auf über 23 Millionen, die Zahl der Todesfälle auf über 800.000.
  • Abgesehen von Südostasien und der Region um das östliche Mittelmeer wurde nach WHO-Angaben in allen Weltregionen ein Rückgang bei der Zahl der neuen Fälle festgestellt.
  • In Europa, wo die Zahlen derzeit ansteigen, verringerte sich die Zahl der Neuinfektionen aber um ein Prozent im Vergleich zur Vorwoche. Die Todeszahlen sanken sogar um zwölf Prozent.

Corona: Wird das Virus wirklich schwächer?

Für Aufsehen sorgte in diesem Zusammenhang eine Aussage des Essener Virologen Prof. Ulf Dittmer in der „Bild“-Zeitung in der vergangenen Woche. Er erklärte, dass sich das Erbgut des Virus so verändert haben könnte, dass es schwächere Krankheitsverläufe mit sich bringt. Es sei möglich, dass das Virus im Verlauf weiterer sogenannter Mutationen irgendwann nur noch einen Schnupfen auslöse. Lesen Sie hier: Aktuelle Nachrichten zum Coronavirus im News-Ticker

Einen Tag später sah sich der Chef der Virologie der Uniklinik Essen in der Pflicht, seine zitierten Aussagen zu kommentieren. Er sei verkürzt wiedergeben worden, so Dittmar zu focus.de. Er habe in dem Gespräch mit „Bild“ auch erklärt, dass man nicht wisse, ob eine Veränderung von Sars-CoV-2 zu schwächeren Krankheitsverläufen führe. Auch wenn es weltweit Anzeichen dafür gebe, sei nichts bestätigt.

Corona: Was ist bestätigt in Sachen Virus-Veränderung?

Fakt ist, dass sich Viren bei ihrer Vermehrung ständig verändern. Wie das bei Sars-CoV-2 passiert, lässt sich sogar nachverfolgen.

  • Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler laden die Genomsequenzen auf der Plattform Gisaid hoch, um sie zu teilen. Dort sind mittlerweile fast 60.000 Erbgutdaten hinterlegt.
  • Seit Beginn der Covid-19-Pandemie wurden über 100 Mutationen im Virusgenom festgehalten.

„Im Mittel mutiert das Virus alle zwei Wochen“, sagte Richard Neher von der Universität Basel bei einer Pressekonferenz Ende Juni. Lesen Sie hier: Christian Drosten erklärt, warum Corona harmloser werden könnte.

Die meisten Mutationen von Viren sind Einzelfälle. Doch es gibt auch Varianten, die sich verbreiten. So hat sich laut einer im Fachjournal „Cell“ veröffentlichten Studie die Corona-Mutation D614 über Europa nach Nordamerika, Ozeanien und Asien weltweit verbreitet. Am 18. Mai sollen bereits fast 80 Prozent der von den Wissenschaftlern auf Gisaid gespeicherten Sars-CoV-2-Gensequenzen diese Variante in sich getragen haben.

Corona-Pandemie: G614 hat dem Virus womöglich einen Vorteil verschafft

Der Studie zufolge konnte sich G614 vermutlich auch deshalb so schnell ausbreiten, weil die Mutation dem Virus einen Vorteil verschafft hat. Vermutlich habe sie zu einer erhöhten Infektiösität geführt, schreiben die Forscher um Bette Korber vom Los Alamos National Laboratory in New Mexico (USA). Die Variante G614 könne besser in die menschliche Zelle eindringen.

Dass diese Mutation das Coronavirus aber auch gefährlicher oder harmloser macht, dafür gibt es der Studie zufolge bisher keine Belege. Friedemann Weber, Direktor des Institus für Virologie an der Justus-Liebig-Universität in Gießen jedenfalls hielt es Ende Juni für möglich, dass Sars-CoV-2 zumindest nicht gefährlicher werde. Das Virus sei bereits gut an den Menschen angepasst, „da ist nicht mehr viel Luft nach oben“, so Weber vor Journalisten. Aktuelle RKI-Fallzahlen und Corona-Reproduktionsfaktor

Was Virologe Hendrik Streeck sagt

Auch für die Autoren der in „Cell“ veröffentlichten Studie sei eine erhöhte Sterblichkeit unwahrscheinlich. Diese sei „nicht im Interesse“ des Virus, schreiben sie. Die größte Chancen auf Ausbreitung gebe es, wenn sich die Wirte infizieren, ohne zu sterben.

Virologe Hendrik Streeck sagte bei „Maischberger“ am Mittwoch, dass Aussagen über eine Abschwächung von Corona noch zu früh seien. „Das Virus mutiert offenbar, wird eventuell schwächer“, erklärte er vorsichtig. Aber abschließende Ergebnisse werde es auch dazu wahrscheinlich erst in zwei oder drei Jahren geben. Langfristig sollten wir eher „einen Weg finden, wie wir das Virus in den Alltag einbauen können“, riet er stattdessen.

(kai)

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