Berge

Massenansturm auf Zugspitze: Berg wird zum Tourismus-Opfer

Post kommt auch auf den höchsten Berg

Seit 24 Jahren ist der Postbeamte Andreas Oberauer für die Zustellung auf die Zugspitze zuständig. Ihm liegt die Verantwortung für das höchstgelegene Postamt ganz besonders am Herzen.

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Eine halbe Million Menschen zieht es Jahr für Jahr auf die Zugspitze. Von der Idylle vor 200 Jahren ist wenig übrig.

Berlin. 
  • Die Zugspitze ist der höchste Berg Deutschlands: Fast 3000 Meter sind es von der Gipfel bis nach unten
  • Vor 200 Jahren wurde die Zugspitze zum ersten Mal von Josef Naus und Johann Tauschl bestiegen
  • Seitdem hat sich viel geändert: Da, wo einst die Größe des Universums spürbar war, zeigt sich der Berg als Opfer der Freizeitindustrie
  • Etwa eine halbe Million Menschen fahren jeden Sommer auf den Gipfel – das sorgt nicht gerade für Begeisterung, weil auch die Täler kollabieren

Wer heute auf Deutschlands höchstem Berg steht und das Alpenpanorama genießt, sieht meist ganz entspannt aus. Warum auch nicht? Ist doch kein Hexenwerk: Statt sich über Stock und Stein zu quälen, lässt sich das Gros der modernen Gipfelstürmer mit einer der Seilbahnen zum Alpenglühen bei Apfeldatschi kutschieren.

Dabei galt des Deutschen Superberg einst als unbezwingbar. „Da kimmt ma ned nauf!“ hieß es lange. Bis vor 200 Jahren zwei Herren schließlich zeigten, dass doch was geht: Josef Naus und Johann Tauschl waren die Ersten, die zu Fuß den Zugspitzgipfel bestiegen.

Zugspitze zieht viele Wanderer an

Den alpinen Kick hatte Naus wohl nicht unbedingt gesucht. Der Herr zählte zur Riege der Landvermesser und sollte die Zugspitze kartieren. Mit zu seinem Tross gehörte auch Johann Tauschl, Bergführer aus Partenkirchen, der den Aufstieg über die Reintalroute wählte. Nach etwa acht Stunden erreichten Naus und drei seiner Begleiter am 27. August um die Mittagszeit herum den Gipfel.

Man sieht ihn vor sich, mit welcher Genugtuung er seinen Bergstock, an dem „das Sacktuch befestigt war“, in den Schnee rammte. Naus erledigte beflissen seinen Job und ermittelte eine Höhe von 2962 Metern. Starke Leistung. Berühmt wurde er allerdings nicht.

Die Zugspitze als Opfer der Freizeitindustrie

Dabei sei es eine Mammuttour gewesen, voller „Lebensgefahren und außerordentlichen Mühen“, wie er aufschrieb. Viel war die Rede von einer Bergwelt mit Felsen und Spalten, mit Blitz und Donner und auch die Rede davon, dass der Mensch sich klein fühlt angesichts von Mutter Natur.

Heute sieht es aus, als sei Mutter Natur ordentlich gemobbt worden: Da, wo einst die Größe des Universums spürbar war, zeigt sich der Berg als Opfer der Freizeitindustrie. Ein Dilemma. Bergexperten grämt das seit Langem. Immer wieder wird dann dieser Begriff von „Overtourism“ benutzt, was ja eigentlich so viel heißt wie: Jetzt ist Malle auch noch im Gebirge.

Doch Thomas Bucher vom Deutschen Alpenverein kann diesem Megaandrang sogar etwas abgewinnen: „Es ist gut, dass sich der Massentourismus hier konzen­triert. Dafür werden dann andere Regionen in Ruhe gelassen“, sagt er. Ob denn nicht die Hölle da oben los ist? „Und wie!“

Etwa eine halbe Million Menschen fahren jeden Sommer auf den Gipfel. Das sind in dieser Saison zwar noch nicht ganz so viele – aber nur, weil die Bahnen über Wochen stillstanden. Wer da oben ankommt, muss Zeit mitbringen: Denn Schlangestehen am Gipfel sei so normal wie am Biergartenausschank. Wer einfach mal spontan hoch will – keine Chance: „Die Hütten sind randvoll. Ohne Reservierung läuft nichts.“

Die Dörfer im Tal kollabieren

Statt Duft vom Edelweiß liegt heutzutage der Geruch von Bratwurst in der Luft. Gläser klirren. Kinder toben mit Eis über die Wiesen. Auf dem Zugspitzplatt geht es zu wie auf der Kirmes. Sogar heiraten kann man, dem Himmel so nah. Man spricht oft Englisch auf dem deutschen Superberg – fast so wie am Frankfurter Flughafen.

Der Berg ruft. Für die Einheimischen sollte er lieber schweigen. Denn nicht nur die Hütten, auch die Dörfer im Tal kollabieren. Auto an Auto, die sich durch die Idylle stauen. Im Zugspitzdorf Grainau demonstrieren Einheimische gegen die Wildparker, die oben die Weite suchen und denen unten jede Enge egal ist.

Thomas Bucher vom Alpenverein sagt, dass die Menschen trotz alledem noch die Faszination der Bergwelt suchen. Das Wandern erlebe ja schon seit Jahren einen Boom. Dabei vergisst der Neu-Wanderer, dass so ein Berg eben nicht nur Kulisse ist. Nein, so ein Berg habe mit Geröll und Schotter seine eigenen Gesetze. Dazu die Wetterlage. Eben noch heile Sommerwelt, dann zucken die Blitze über die Felsen.

17 Wanderer seien 2019 ums Leben gekommen. „Weil die meisten sich überschätzen“, sagt Bucher. „Oder weil sie die Verantwortung an ihre Ausrüstung delegieren.“ Super Schuhe, super Jacke, super Rucksack, super Funktionsunterwäsche. „Das ist ja okay. Aber das Gefährliche ist das Stolpern.“ Weil es neben einem rasant nach unten geht. „Aber vielen ist das nicht bewusst.“