Ammoniumnitrat

Ammoniumnitrat: Bei BASF-Unglück starben 1921 Hunderte

Weltweite Solidarität mit dem Libanon

Nach der verheerenden Explosionskatastrophe in Beirut gibt es in aller Welt Solidaritäts-Kundgebungen für die Menschen im Libanon.

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Das Explosionsunglück von Beirut erinnert an einen historischen Fall aus Deutschland. Bei BASF explodierte vor 100 Jahren auch Ammoniumnitrat.

Berlin. Es ist früh am Morgen, 7.32 Uhr am 21. September 1921, als in Frankfurt am Main ein ohrenbetäubender Explosionsknall zu hören ist. Dabei liegt die Quelle des Lärms fast 80 Kilometer entfernt, in Oppau bei Ludwigshafen. Das dort gelegene BASF-Werk ist in die Luft geflogen – und hat dabei eine Welle der Verwüstung am Rhein hinterlassen.

So ist es in Berichten aus der Zeit nachzulesen. Augenzeugen berichten später von Toten und Verwundeten, die jeden Straßenzug der kleinen Gemeinde säumten. Kurz vor Beginn der Tagschicht arbeiteten im Werk schon 820 Mitarbeiter, insgesamt hatten bereits 2225 Personen das Werk betreten.

Explosion in Beirut erinnert an historisches Unglück bei Ludwigshafen

Fenster zersprangen auch noch in kilometerweiter Distanz zum Ort der Detonation. Von 1000 Wohnungen blieben in Oppau nur rund hundert bewohnbar, 7500 Menschen wurden durch das Unglück obdachlos. Der Sprengkrater war fast so groß wie eineinhalb Fußballfelder.

Nicht allein wegen des gewaltigen Ausmaßes erinnert die Katastrophe von Beirut an das historische Ereignis in der Rhein-Neckar-Region. Die Parallelen zu der großen Explosion im Libanon sind kaum zu übersehen. Zwar ist die genaue Ursache für die Detonationen in der Nähe des Hafens der libanesischen Hauptstadt noch nicht abschließend geklärt. Doch alles lässt darauf schließen, dass 2.750 Tonnen Ammoniumnitrat, die unbeaufsichtigt mehrere Jahre in einer Lagerhalle im Hafengebiet Beiruts lagerten, zu der Detonation führten.

BASF nutzte Ammoniumnitrat nach dem Krieg zur Dünger-Herstellung

In Oppau war es ein Gemisch aus eben jenem Ammoniumnitrat und Ammoniumsulfat, das die verheerende Explosion auslöste. Was war genau passiert? Die BASF betrieb in Oppau ein Ammoniaksynthesewerk nach dem Haber-Bosch-Verfahren. Dort wurde während des Ersten Weltkriegs hauptsächlich Ammonsalpeter hergestellt, den man für Sprengstoffe verwendete.

Nach dem Krieg fand man heraus, dass Ammonsalpeter im richtigen Mischverhältnis mit Ammoniumsulfat nicht mehr explosiv und stattdessen ein hervorragendes Düngemittel ist. Diese Mischung wurde bei der Aufbewahrung jedoch steinhart und musste vor Versand durch kleine Sprengladungen zerteilt werden. Seit Ende des Weltkriegs war das bereits etwa 20.000 Mal ohne Probleme durchgeführt worden.

Explosion in Oppau: Alle Zeugen starben

Was genau am Morgen des 21. September schief lief, lässt sich nicht mehr genau rekonstruieren. Im Bericht der „Chemisch-Technischen Reichsanstalt“ zu dem Vorfall heißt es, dass die Umstände, die zu der Explosion führten, nicht vollständig aufgeklärt werden konnten, da alle „in der näheren Umgebung befindlichen Zeugen das Leben eingebüßt hatten“ und auch die Beobachtung aus sicherer Entfernung nicht möglich war. Die Staubwolke, die sich entwickelt hatte, hüllte den ganzen Schauplatz binnen Sekunden in dunkle Schwaden.

Die von der BASF eingesetzte Untersuchungskommission kam zu dem Schluss, dass wahrscheinlich das angestrebte Mischverhältnis von 45 Prozent Ammoniumsulfat zu 55 Prozent Ammonsalpeter nicht erreicht wurde, weil die damaligen Kontrollen nicht mit der notwendigen Präzision durchgeführt wurden.

Ammoniumnitrat explodierte wie eine kleine Atombombe

Sicher ist, dass im Silo 110 ein Teil der dort gelagerten 4500 Tonnen Ammoniumsulfatnitrat explodierte – zuerst in einer kleineren, dann in einer größeren Detonation, ähnlich wie in Beirut. Die Explosivkraft des Düngemittelgemischs kam der einer kleinen Atombombe gleich.

Offiziellen Angaben zufolge wurden durch die Detonation 559 Personen entweder getötet oder blieben dauerhaft vermisst. Verletzt wurden insgesamt 1977 Personen. Unter den Opfern waren aber nicht nur BASF-Werksarbeiter und Oppauer Bürger: In Ludwigshafen und Mannheim kamen mehrere Menschen durch einstürzende Gebäude zu Tode. Im 13 Kilometer entfernten Wormser Dom gingen die mittelalterlichen Buntglasfenster zu Bruch und selbst in Heidelberg wurden Hausdächer zerstört, eine Straßenbahn sprang wegen der Erschütterung sogar aus den Schienen.

Explosion in Beirut: Chemikalie ohne Sicherheitsvorkehrungen gelagert

Denkt man an die Bilder und Videos aus Beirut, kann man nur erahnen, mit welcher Wucht die Explosion in Oppau den Südwesten Deutschlands getroffen hat. Wenige Tage nach der Katastrophe reiste Reichspräsident Friedrich Ebert für eine Trauerfeier an, im In- und Ausland wurden Spenden für den Wiederaufbau gesammelt.

BASF nahm die Produktion von Ammonsalpeter erst 20 Jahre später am selben Standort wieder auf – mit neuen Schutzmaßnahmen. Bis heute werden in Ludwigshafen Düngemittel hergestellt und unter mittlerweile sehr strengen EU-Bestimmungen aufbewahrt. In Beirut lagerte das hochexplosive Ammoniumnitrat jahrelang ohne Sicherheitsvorkehrungen im Hafen. Das kostete nun mindestens 135 Menschen das Leben.