Coronavirus

Heinsberg-Studie: Drosten bestreitet Vorwurf an Kollegen

Diese Virologen haben das Regiment übernommen

Ohne Christian Drosten und Lothar Wieler wäre Deutschland in der Corona-Krise womöglich aufgeschmissen: Beide Männer sind gefragt wie selten in ihrer Laufbahn - als Berater der Bundesregierung, aber auch als Ratgeber der Bevölkerung.

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Nach der Präsentation seiner Heinsberg-Studie musste Virologe Hendrik Streeck viel Kritik einstecken. Worum es seinen Gegnern ging.

Berlin. Die Zwischenergebnisse der sogenannten Heinsberg-Studie haben zu Unstimmigkeiten zwischen deutschen Wissenschaftlern geführt. Einige von ihnen bemängelten nicht nur deren Qualität, sondern auch den Zeitpunkt der Vorstellung der Zwischenergebnisse.

Christian Drosten, Chefvirologe an der Berliner Charité, beispielsweise hat in einer Pressekonferenz Kritik am Vorgehen der Wissenschaftler in Nordrhein-Westfalen geübt. Er könne aus den vorliegenden Ergebnissen nichts ableiten, weil zu wenig erklärt würde, um alle Zusammenhänge verstehen zu können.

Vielmehr warte er auf weitere Informationen zur Studie – darunter, wie die Immunitätsrate ermittelt wurde und ob die immunen Personen in einem oder verschiedenen Haushalten leben. Denn auch das wirke sich auf die Bewertung der Daten aus.

Heinsberg-Studie: Drosten wünscht sich wissenschaftliche Meinungsbildung

Von einem „Verriss“ der Studie oder „Disput“ mit seinen Kollegen will Drosten allerdings nichts wissen, wie er wenig später auf Twitter schrieb. „Es gibt keinen Vorwurf an die Kollegen, nur eine Nachfrage. Diskurs ermöglicht wissenschaftliche Meinungsbildung. Auch wenn sich manche einen Gelehrtenstreit wünschen“, heißt es dort.

Auch Professor Michael Hallek von der Uniklinik Köln sagte am Freitag während der Fernsehsendung „Aktuelle Stunde“, dass er die vorgestellten Ergebnisse für nicht repräsentativ halte. Seiner Meinung nach reiche die Datenlage nicht aus, um daraus politische Konsequenzen wie etwa eine Lockerung der aktuellen Kontaktverbote oder Ausgangsbeschränkungen zu ziehen.

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Forscher kritisieren Zeitpunkt der Veröffentlichung

Andere Forscher bemängelten wiederum den Zeitpunkt der Bekanntgabe. Dass die Studie zu früh veröffentlicht worden sei, wies der Bonner Virologe und Studienleiter Hendrik Streeck jedoch entschieden zurück. Die beteiligten Forscher hätten die Entscheidung keinesfalls leichtfertig, sondern vielmehr aus ethischen Gründen getroffen.

„Weil wir uns verpflichtet fühlten, einen nach wissenschaftlichen Kriterien erhobenen, validen Zwischenstand vor Publikation mitzuteilen“, so der Virologe. In einem Interview betonte er zudem, dass es keinerlei Druck aus der Politik gegeben habe, die Studie möglichst schnell zu veröffentlichen.

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Unüberlegte und voreilige Schlüsse?

Der Direktor des Instituts für Klinische Chemie und Pharmakologie der Universität Bonn, Gunther Hartmann, tadelte indes vor allem die öffentlichkeitswirksamen Äußerungen seiner Kollegen. Es sei schade, dass einige von ihnen uninformiert voreilige und unüberlegte Schlüsse ziehen würden. Dies habe zur Folge, dass das Bild in den Medien verzerrt würde. Der Professor ist neben Streeck und Martin Exner Leiter der Heinsberg-Studie.

Für die umstrittene Untersuchung hatten Forschende der Universität Bonn zusammen mit weiteren Experten analysiert, wie sich das neue Coronavirus in der besonders betroffenen Gemeinde Gangelt in Nordrhein-Westfalen ausgebreitet hat. Die Region gilt als Epizen­trum der Pandemie. Nach einer Karnevalssitzung Mitte Februar hatten sich dort Hunderte Menschen mit Sars-CoV-2 infiziert.

Erste Ergebnisse der Heinsberg-Studie wurden am vergangenen Donnerstag in einer Pressekonferenz von Streeck im Beisein des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Armin Laschet (CDU) vorgestellt.

Studienergebnisse im Überblick

Demnach konnte bei 15 Prozent der untersuchten Bürger in der Region Heinsberg eine Corona-Infektion nachgewiesen werden. Sie alle hätten eine Immunität entwickelt. Die Wahrscheinlichkeit, an der Krankheit zu sterben, lag den vorläufigen Zahlen zufolge und bezogen auf die Gesamtzahl der Infizierten bei gerade einmal 0,37 Prozent. Zum Vergleich: Die in Deutschland derzeit von der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität berechnete Rate liegt mit 1,98 Prozent um das Fünffache höher.

Die nordrhein-westfälische Landesregierung unterstützte die Studie mit insgesamt rund 65.000 Euro.

(elik)