Corona-Krise

Wie Thailand dem Virus trotzt – ein Erfahrungsbericht

So nähen Sie sich selbst einen Mundschutz

Wegen der Coronakrise bekommt man kaum noch Mundschutz-Masken zu kaufen. Doch mit dieser Anleitung können Sie selbst einen nähen, mit dem Sie Ihre Umgebung schützen können.

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Wer von Bangkok nach Deutschland reist, erlebt, dass unser Land in der Corona-Krise von vorbildlichem Verhalten noch weit entfernt ist.

Bangkok. „Und ihr wollt jetzt wirklich nach Asien reisen?“, fragt die besorgte Mutter am Telefon. Es ist Ende Februar, und für mich, Wirtschaftskorrespondent dieser Zeitung in Berlin, steht der langersehnte Urlaub bevor. Für uns in Europa ist das Coronavirus da noch weit entfernt. Mein Mann und ich freuen uns auf erholsame Tage in Thailand und trotzen den elterlichen Bedenken.

Das Land hat bis heute vergleichsweise wenig Erkrankte und musste erst spät das öffentliche Leben drastisch einschränken – trotz lange Zeit offener Grenzen und einer mit China eng verflochtenen Wirtschaft. Dabei ist der Kampf gegen das Virus mit teilweise einfachsten Mitteln an jeder Ecke präsent.

Coronavirus: Hygiene wird großgeschrieben in der Krise

Das spüren wir schon bei der Ankunft am Flughafen. Noch vor der Passkontrolle misst ein Uniformierter das erste Mal an diesem Tag unsere Körpertemperatur, und wir desinfizieren uns die Hände. Diese Prozedur wird für uns schnell zur Routine – egal ob am Flughafen, in der Metro oder in Einkaufszentren.

Während in Deutschland das Desinfektionsmittel knapp wird, stehen die Spender in Bangkok und anderswo an jeder Ecke – auch in Restaurants und Massagestudios. Hygiene wird großgeschrieben in dieser Krise.

Die Bevölkerung macht geduldig mit

Thailand meldete Mitte Januar den ersten Patienten außerhalb Chinas, der an der neuen Lungenkrankheit Covid-19 erkrankt ist. Spätestens seit diesem Zeitpunkt ist ganz Asien im Krisenmodus. Die Länder haben gelernt aus der Sars-Pandemie der Jahre 2002/2003. Lieber zu viel Alarm als zu wenig. Vor allem Südkorea gilt mit Drive-in-Stationen für Virustests und viel Technikeinsatz als Musterknabe bei der Seuchenbekämpfung. Und die Bevölkerung macht in allen Ländern geduldig mit.

„Das sieht aus wie Action, ist aber keine, die hilft“, polterte der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) noch Anfang März über das Fiebermessen am Flughafen, als wir in Bangkok schon mehrere Dutzend Kontrollen hinter uns hatten. Inzwischen wissen auch wir in Europa: Wird auch nur ein Infizierter erkannt und isoliert, verhindert das im Zweifelsfall mehrere Tausend Folgeinfektionen. Das zeigten etwa Berechnungen nach dem Corona-Ausbruch im österreichischen Skiort Ischgl.

Wer keinen Mundschutz trägt, erntet böse Blicke

Ein Mundschutz gehört in Thailand schon in normalen Zeiten zum Straßenbild. Eigentlich geht es vor allem um den Schutz vor Smog. Nun halt auch wegen Corona. Als Gesundheitsminister Anutin Charnvirakul an einem Bahnhof Gesichtsmasken verteilt, platzt ihm der Kragen wegen uneinsichtiger Touristen aus Europa. „Solche Leute sollten wir aus Thailand rausschmeißen“, schimpft er.

Wenig später entschuldigt er sich. Doch die Botschaft ist klar: Wer nicht mitmacht, ist unsolidarisch. Und zieht in der Metro genervte Blicke auf sich.

Auf einer Zugfahrt nach Ayutthaya, der einstigen Hauptstadt Siams, erklärt uns ein junger Thailänder die simple Logik: Wenn alle einen Mundschutz tragen, der die Ansteckung anderer verhindert, breitet sich die Seuche nicht aus. Langsam kommt diese Botschaft in Europa an – die Anleitung der Feuerwehr Essen für einen selbstgenähten Mundschutz wird gerade täglich zigtausendmal abgerufen.

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Jetzt geht die Corona-Gefahr von Europäern aus

Inzwischen ist Mitte März und nicht mehr Asien der Krisenherd, sondern Europa. Wer jetzt noch nach Thailand will, muss sich Gesundheitskontrollen unterziehen – und eine Überwachungsapp installieren. In Deutschland ist das noch immer undenkbar.

Als wir bei Cocktails einen der endlosen Strände der Insel Koh Phangan genießen, holt auch uns die Corona-Krise ein. Unsere Freundin aus Singapur hat schlechte Nachrichten. Wenn wir nicht bis Mitternacht bei ihr sind, war’s das mit diesem Teil der Reise. Der Stadtstaat, in dem wir die letzten fünf Nächte verbringen wollten, macht die Grenzen dicht.

Nachdem Singapur die Epidemie vor Ort in den Griff bekommen hatte, kamen zuletzt immer mehr Erkrankte aus dem Ausland. Erst durften Reisende aus dem Krisengebiet Europa nicht mehr rein. Jetzt auch niemand mehr aus Asien.

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In Singapur droht Hausquarantäne

Wer doch noch nach Singapur will, dem stehen jetzt zwei Wochen Hausquarantäne bevor. Tägliche Kontrollanrufe mit Fotobeweis inklusive. Bei Verstoß drohen drakonische Strafen – unsere Freundin würde ihre Arbeits- und Aufenthaltserlaubnis für immer aufs Spiel setzen. Also buchen wir um und bleiben noch ein paar Tage länger in Thailand.

Auch hier wird der Kampf gegen Corona immer schärfer geführt. Zurück in Bangkok, desinfizieren Hunderte Soldaten und Freiwillige öffentliche Plätze. Im Baiyoke Tower II, dem dritthöchsten Gebäude Thailands, gilt im Fahrstuhl jetzt eine Stehordnung: Wer aus dem 84. Stockwerk auf die Megastadt blicken will, muss mit dem Gesicht zur Wand stehen und Abstand halten. Aufgeklebte Schuh-Silhouetten auf dem Boden zeigen, wie’s geht. Abstand halten fällt ziemlich leicht – Touristen sind kaum noch da.

Kulturschock am Flughafen München

Während für Zehntausende gestrandete Reisende in anderen Ländern schon die Rückholaktion der Bundesregierung anläuft, steigen wir in Bangkok in einen der letzten Linienflüge nach Deutschland. Wir hatten Glück und mussten nicht um unsere Rückkehr bangen.

Zwölf Stunden später folgt der Kulturschock. Ob jemand auf dem Flug Symptome entwickelt hat, interessiert am Flughafen München niemanden. Auf Schildern steht, man möge doch anderthalb Meter Abstand halten. An der Passkontrolle ist im Gedränge vom Ernst der Lage nichts mehr zu spüren. Oder am Gepäckband. Hier landen Koffer von drei gleichzeitig eingetroffenen Flügen. Hunderte Urlauber stehen dicht an dicht. Während das Band nebenan stillsteht.

Seit diesem Tag ist aber auch in Thailand alles anders. Premierminister General Prayut Chan-o-cha hat den Ausnahmezustand verhängt, als die offizielle Zahl der Infizierten die Marke von 800 überschritt. Schulen, Einkaufszentren und Restaurants bleiben geschlossen – in Deutschland sind an diesem Tag schon fast 50-mal so viele Menschen erkrankt.

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