Unfruchtbarkeit

Männlich, erfolgreich, zeugungsunfähig – das große Tabu

Wenn Paare keine Kinder bekommen können, leiden Männer eher still.

Wenn Paare keine Kinder bekommen können, leiden Männer eher still.

Foto: laflor / iStock

Bleibt ein Paar kinderlos, leiden Männer genauso wie Frauen. Sie reden nur nicht darüber. Betroffene erzählen, was in ihnen vorgeht.

Berlin. Wäre das Leben von Christian Pfeiffer* (55) ein Werbespot für Anlageberatung, dann könnte er eine Menge Fotos auf den Tisch knallen, wenn er zufällig einen alten Schulfreund treffen würde. Wie in der legendären Werbung aus den 1990er Jahren („Mein Haus, mein Auto, mein Boot“) könnte er prahlen: „Mein Sportwagen, meine Weltreise, meine Ferienwohnung“.

Denn Christian Pfeiffer ist ein gut verdienender Manager. Ein Geschäftsmann mit ebenfalls beruflich erfolgreicher Ehefrau, der in London, Zürich und Prag zu Hause ist und graue Winterwochen in Thailand verbringt. Pfeiffer kokettiert mit seinem Lebensstil, der zeigt: „Mir geht es gut“. Aber hat er wirklich alles?

Bei dieser Frage wird Pfeiffer nachdenklich. Na ja, er und seine Frau hätten schon gerne Kinder gehabt, ist ja klar. Aber dann wurde bei ihm ein Tumor in der Blase gefunden, gutartig zwar, aber schwer zu operieren. Seitdem ist der Schließmuskel des Samenstrangs gestört; das Ejakulat fließt nach innen in die Blase, dort wird es von der Harnsäure zerstört.

Männer, die kinderlos bleiben: ein Tabuthema

„Da ist nichts mehr zu machen“, sagt Pfeiffer. Schon vor der OP habe ihm sein Arzt „ganz sachlich“ erklärt, was passieren könne. Nun sagt er lakonisch: „Es hat nicht sollen sein, und das ist dann eben so“. Ist das einfach nur Pragmatismus oder Schutz vor zu vielen Emotionen?

Tatsache ist: Die Unfruchtbarkeit eines Mannes wird nicht großartig thematisiert – dabei liegen die Ursachen der Kinderlosigkeit von Paaren zur Hälfte beim Mann. Die Gründe sind vielfältig: Hodenhochstand im Kindersalter, Leistenbruchoperationen, Verletzungen an Hoden oder Penis, Gendefekte, fehlender, fehlgeleiteter oder unzureichender Samen.

„Kinderwunschpatient ist nie die Frau alleine“, ist daher das Motto des Hamburger Reproduktionsmediziners Dr. Ulrich A. Knuth. Doch wenn es nicht klappe, dann würden die Ursachen erst mal bei der Frau abgeklärt, sagt er unserer Redaktion. „Die Unfruchtbarkeit des Mannes wird oft viel zu spät diagnostiziert“. Kostbare Jahre seien dann verstrichen, die eine Kinderwunschbehandlung dann erst recht schwierig machten.

Ab 25 sinkt bei Frauen bereits die Fruchtbarkeit , ab 40 wird es ein Lottospiel“, sagt Kluth. Zudem steige die Gefahr von Fehlgeburten. Er plädiert dafür, dass Paare, wenn sie regelmäßig Sex haben, sich bereits nach einem Jahr untersuchen lassen – und zwar beide. Idealerweise suchten sie sich Beistand bei einem Therapeuten und/oder Freunden und Familie, denn die Diagnose könne hart werden – vor allem für Männer.

Zeugungsunfähig: „Das ist ihre Samenprobe. Da ist nichts“

Das unterstreicht Paar- und Familientherapeutin Petra Thorn in ihrer Studie „Männliche Unfruchtbarkeit und Kinderwunsch“. Darin zitiert sie ihren Patienten Manuel, der sich an den Tag der Diagnose erinnert. „Da ist ihre Samenprobe. Da ist nichts“, habe der Arzt zu ihm gesagt. „Wieder einmal war ich wie vom Blitz getroffen und unendlich traurig, besonders über das fehlende Einfühlungsvermögen der Herren in Weiß.“

Reproduktionsmediziner Kluth klagt wiederum: „Betroffene Paare schweigen meist beide ihre Kinderlosigkeit tot. Männer aber fressen den Frust regelrecht in sich rein“ – denn die Unfruchtbarkeit werde als Versagen empfunden, „und das kann zu sexueller Unlust fühlen“.

So empfand etwa Martin, auch er von Petra Thorn zitiert: „Was Sex betraf, war ich sehr ambivalent. Ich hatte schon ab und zu Lust, aber eigentlich kam mir der Sex nach der Diagnose vor wie halber Sex, es konnte dabei ja nichts mehr passieren. Entsprechend langweilig war unser Sex dann auch.

Kinderwunschbehandlung: der hilflose, ohnmächtige Mann

Es ist wohl die Ohnmacht, der der Mann bei der Kinderwunschbehandlung gegenüber steht. Er kann ja nicht viel tun. Lässt sich sein Samen für eine künstliche Befruchtung aufbereiten, muss er lediglich seine Samenprobe abgeben, während seine Partnerin die Prozedur der hormonellen Stimulierung und Eizellenentnahme überstehen muss und dann auch noch – nach erfolgreicher Befruchtung – das Einsetzen in die Gebärmutter.

Alles in allem ein körperlich und seelisch äußerst belastender Vorgang, der mitunter Monat für Monat wiederholt wird – denn bei 35-jährigen Frauen stehen die Chancen, schwanger zu werden, bei 1:6. Mediziner Klutz zieht den Vergleich mit einem Würfel: „Wenn man eine Sechs würfeln will, muss man es mitunter sehr oft versuchen“, sagt er.

Von dieser Hilflosigkeit und Ohnmacht der Männer berichtet auch Petra Thorn und zitiert ihren Patienten Michael: „Ich war jemand, der Dinge aktiv anging, und jetzt war ich damit konfrontiert, dass ich gar nichts unternehmen konnte, um meine Situation zu verändern. Das war für mich kaum zu ertragen und ich glaube, dass auch ich in der Zeit kaum zu ertragen war“. Viele Männer leiden in dieser schweren Zeit sogar auch unter Depressionen.

Peter und Friederike: zehn Jahre alles versucht

Peter Klug* ging es ähnlich wie Michael. Er hat eigentlich genügend Spermien, doch sie sind nicht zielgerichtet und schwimmen in die falsche Richtung. Der Betriebswirt und seine Frau Friederike haben zehn Jahre lang alles versucht – von der einfachen Hormonhandlung bis zum Einspritzen eines aufbereiteten Spermiums in die Eizelle.

„Monat für Monat spritzte sich meine Frau selbst Hormone in den Bauch. Sie quoll auf, die Bauchdecke wölbte sich, weil sie so viele Eizellen produzierte“, erinnert er sich. Sie waren jung, ihre Chancen standen eigentlich gut, „doch Friederike wurde nicht schwanger“. Dabei habe die pharmatzeutisch-teschnische Assistentin bewusst auf ein Studium verzichtet, „weil sie lieber viele Kinder erziehen statt Karriere machen wollte“.

Zehn Jahre lang habe er mit seiner Frau nur organisierten Sex gehabt, der sei dann durch die künstlichen Befruchtungen abgelöst worden. „Zum Schluss lief gar nicht mehr“, erinnert er sich. Irgendwann habe Friederike nicht mehr gewollt. Sie war nun fast 40, verliebte sich in einen anderen Mann und verließ Peter. „Vielleicht hätten wir eine Paartherapie machen sollen“, sagt der heute 56-jährige selbstkritisch.

Christian und Beate: Der Schmerz kommt immer wieder

Christian Pfeiffer und seine Frau Beate haben sich nach der Operation, die zur Unfruchtbarkeit führte, im Kinderwunschzentrum beraten lassen. In Betracht kam nur eine Samenspende, „aber wir haben uns gegen diese Prozedur entschieden“. Schließlich zogen sie eine Adoption in Betracht. „Doch damals hätte einer von uns den Beruf aufgeben müssen, war die klare Aussage beim Jugendamt, das kam für uns nicht in Frage“.

Rund 20 Jahre ist das her. „Ich bin jetzt zufrieden, so wie es ist“, sagt Pfeiffer. Eingeholt von seinem Verlust wird er dennoch regelmäßig: Pfeiffer hat drei Geschwister, und die haben Kinder. Erstkommunion, 18. Geburtstag, Abitur: Seine drei Neffen und vier Nichten haben immer etwas zu feiern. Er ist meistens dabei und stellt fest: Kindergeschrei, Teenagerallüren, hektische Eltern, Familiengewusel eben – „das vermisse ich durchaus“.

*Name geändert

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