Preisverleihung

Oscars 2020: Darum trat Eminem 18 Jahre zu spät auf

Brad Pitt, Laura Dern und Joaquin Phoenix staubten bei den Oscars ab. Für Überraschung sorgte Eminem mit einem alten Hit.

Washington/Los Angeles. 
  • Eminem war bei den Oscars der Überraschungsgast und performte seinen Hit „Lose Yourself“
  • Die Auflösung dafür gab er nach der Verleihung auf seinem Instagram-Account
  • Auf YouTube ist der Auftritt von Eminem in einem Video zu sehen
  • In die Geschichtsbücher eingehen wird der Film „Parasite“, der als bester Film ausgezeichnet wurde
  • Eine emotionale Rede hielt Joaquin Phoenix, der als bester Schauspieler geehrt wurde

Der Lautstärke-Pegel im Dolby Theatre von Los Angeles war nicht zufällig schon überdurchschnittlich hoch, als Sonntagabend die Oscars 2020 für das beste Original-Drehbuch, den besten internationalen Film und die beste Regie an die Macher von „Parasite“ überreicht wurden.

Der südkoreanische Kapitalismusknacker von Regisseur Bong Joon-ho hatte die Herzen vieler Kino-Fans im vergangenen Jahr wegen seiner Originalität und präzisen Gesellschaftskritik im Sturm genommen. Der vielleicht cleverste, lustigste und zugleich traurigste Film im Wettbewerb sollte wenige Minuten später (noch mehr) Geschichte schreiben.

Oscars 2020: „Parasite“ als bester Film geehrt

Nach drei Auszeichnungen heimste das Werk, das sich um das Leben zweier ungleicher Familien im Moloch Seoul dreht, gegen alle Traditionen auch in der Königs-Kategorie – bester Film – die kleine Gold-Statue ein.

Und die Euphorie im Saal kannte keine Grenzen mehr. Zum ersten Mal hat mit „Parasite” ein außerhalb Amerikas gedachter und gemachter Film den begehrtesten Oscar gewonnen. Zum Publikumsliebling avancierte Bong Joon-ho, der seine Arbeit mit demütiger Geste in die Tradition großer US-Kollegen wie Martin Scorsese und Quentin Tarantino, beide gingen leer aus, stellte.

„Ich werde bis zum nächsten Morgen trinken“, sagte Joon-ho mit Tränen vor Glück in den Augen. Der Siegeszug für seine blutige, bittere Sozial-Parabel hatte bereits im vergangenen Mai bei den Filmfestspielen in Cannes mit der „Goldenen Palme“ begonnen.

Joaquin Phoenix wird bester Schauspieler – und hält besondere Dankesrede

Die übrigen Top-Preise gestern – beste männliche Hauptrolle: Joaquin Phoenix für „Joker“, beste weibliche Hauptrolle: Renée Zellweger für ihre Interpretation von Judy Garland in „Judy“ – waren ebenso verdient wie erwartet gewesen.

Bemerkenswert fiel die Dankesrede (abseits von sozialen Themen und der Sorge vor der Zukunft des Planeten) von „Bösewicht” Phoenix aus, die ein selten offen stehendes Fenster zur Seele dieses nicht einfachen Mannes zeigte: „Ich war ein Halunke in meinem Leben. Ich war selbstsüchtig. Ich war manchmal grausam. Es war schwer mit mir zu arbeiten. Ich bin dankbar dafür, dass so viele hier in diesem Saal mir eine zweite Chance gegeben haben.“

Darum singt Eminem bei den Oscars „Lose Yourself“

Für den Überraschungsauftritt des Abends sorgte allerdings kein Schauspieler – sondern Rapper Eminem. Der 47-Jährige sang auf der Bühne des Dolby Theatre seinen Hit „Lose Yourself“, mit dem er 2003 in der Kategorie bester Song („8 Mile“) einen Oscar erhalten hatte.

Eminem mit Auflösung auf Instagram und Twitter

Eminem, der mit bürgerlichem Namen Marshall Bruce Mathers III heißt, hatte damals nicht dabei sein können. Auf Twitter teilte er seinen verpassten Oscar-Moment und entschuldigte sich dafür, dass er so lange Jahre gebraucht habe, um bei den Oscars aufzutreten:

„Lose Yourself“ von Eminem bei den Oscars im Video

Im Saal kam die Nummer gut an, viele Stars rappten mit und am Ende gab es Standing Ovations. Ein Video vom Eminem-Auftritt finden Sie hier:

YouTube-Video vom Eminem-Auftritt bei den Oscars

Oscars 2020 im Überblick:

  • Was bleibt sonst von der 92. Verleihung der weltweit begehrtesten Film-Preise?
  • „Lasst uns das Beste aus diesem schönen Tag machen”, sang Janelle Monae ganz am Anfang aus einem Medley des Tom Hanks-Film „A Beautiful Day in the Neighborhood“. Energiegeladender und mitreißender hätte der musikalische Auftakt der Leistungsshow der Filmbranche kaum sein können. Eine kleine, schwarze Frau singt und tanzt dem weißen Hollywood den Marsch. Standing Ovations.
  • Der zuerst verliehene Oscar – bester Nebendarsteller – geriet mit Preisträger Brad Pitt für seinen Part als alternder Stuntman in Tarantinos „Once Upon a Time in Hollywood“ auch gleich zum politischsten. Bei seiner Dankesrede machte Pitt geltend, dass ihm mit 45 Sekunden mehr Redezeit zugestanden worden wären als John Bolton, Ex-Berater von Donald Trump, sie im Amtsenthebungsverfahren bekommen habe. (Bolton sagte gar nichts, weil die Republikaner seine Vorladung verhinderten.). Pitt fing den etwas schwer geratenen Moment wieder ein, als er seinen allerersten Oscar als Schauspieler seinen Kindern widmete: „Ich verehre euch!“
  • Ebenfalls familiär wurde es bei der Verleihung des Preises beste Nebendarstellerin: Laura Dern, die an diesem Montag 53 wird, nahm ihren ersten Oscar für „Marriage Story“ entgegen, in dem sie mit kurzen, wirksamen Strichen eine findige Scheidungsanwältin gibt. Anrührend und von Herzen kommend fiel ihre Dankesrede an ihre berühmten Schauspieler-Eltern Diana Ladd und Bruce Dern aus.
  • Donald Trump wird schäumen: Sein ihm verhasster Vorgänger Barack Obama hat jetzt – indirekt – auch einen Oscar. In der Sparte bester Dokumentarfilm gewann „American Factory“; die Geschichte eines Chinesen, der in Ohio eine zum Sterben verurteilte Autofabrik revitalisiert. Obama und Gattin Michelle gehört die dahinter stehende Produktionsfirma Higher Ground. „Die Dinge werden besser, wenn die Arbeiter der Welt sich vereinigen“, heißt ein Satz aus dem Film. Auch das wird dem Anti-Gewerkschaftler Trump nicht schmecken.
  • Die Abwesenheit eines Moderators (schon im zweiten Jahr in Folge) wurde mehr als wettgemacht durch kleine Preziosen bei der Anmoderation einzelner Preise. Hier geht der Sonder-Oscar (wenn es denn einen gäbe) ohne Zweifel an die aus dem Eheschließungs-Dramolett „Bridesmaids“ bekannten Komikerinnen Maya Rudolph und Kristen Wiig. Was die beiden bei den Preisen für Produktdesign und Kostüme gestisch, mimisch und gesanglich vom Stapel ließen, war Kunst in ihrer unterhaltsamsten Dosierung. Nur eine hatte es nicht auf Anhieb verstanden, wie ihr Gesichtsausdruck verriet: Billie Eilish. Dafür hatte die Grammy-Siegerin später eine Gänsehaut erzeugende Version der Bettler-Hymne „Yesterday” parat. Wow!
  • Cynthia Erivo, die Hauptdarstellerin aus „Harriet“, sang mit so glockenhell klarer Stimme „Stand Up“, den Titel-Song des Sklavenbefreierinnen-Dramas (ab 23.4. in Deutschland zu sehen), dass man sofort versteht, warum die Britin mit nigerianischen Wurzeln sehr bald schon in einem Biopic die Soul-Diva Aretha Franklin verkörpern wird.
  • DeAndre Arnold, ein junger Teenager, wurde wegen seiner Dreadlock-Frisur daran gehindert, an der Abschlussfeier seiner Highschool teilzunehmen. Die Regisseure des Oscar-Gewinners „Hair Love“ (animierter Kurzfilm), in dem es um die Kultur schwarzer Haarpracht geht, nahmen den jungen Mann kurzerhand zur Preisverleihung mit.
  • USA-Reisende, die langfristig planen, verdanken Überschauspieler Tom Hanks einen taufrischen Tipp. Das neue Museum der Film-Akademie, Hollywoods erster Platz für Filmkunst, wird am 14. Dezember in Los Angeles eröffnet.

Mehr zu den Oscars:

Wer die Nacht nicht vor dem Fernseher verbracht und sich die Oscar-Verleihung angesehen hat, kann hier nachlesen, wer Siegertränen vergoss und wer leer ausging: „Oscars 2020 im Liveblog: Alle Sieger, alle Aufreger“. Und noch einmal für den Überblick: Diese Filme und Schauspieler waren nominiert.