Psychologie

„Ich will einfach nur zu Mama!“ Was tun, wenn Heimweh quält

Das erste Mal weg von Zuhause: Heimweh trifft fast jedes Kind.

Das erste Mal weg von Zuhause: Heimweh trifft fast jedes Kind.

Foto: Shutterstock / gabczi

Die erste Übernachtung auswärts heißt auch: Das erste Mal weg von zu Hause. Was tun, wenn die Sehnsucht kommt? Mit Heimweh-Tipps vom Experten.

Bochum. An das erste schlimme Heimweh erinnert sich Sofia noch ganz genau. Damals war sie fünf und das erste Mal eine ganze Woche lang ganz allein bei ihrer Oma. 500 Kilometer weit entfernt von zu Hause, Mama, Papa und der kleine Babybruder schienen unerreichbar.

„Das war schlimm“, erinnert sich die Zehnjährige. „Ich wollte unbedingt zu Mama und hab auch geweint. Die Oma hat gesagt, das geht weg, aber es ging nicht weg. Die ganze Woche nicht.“

Heimweh: Extrem starke Sehnsucht nach Hause

Fast jedes Mädchen, jeder Junge hat mindestens einmal im Leben Heimweh auf einer Ferienfreizeit, bei einer Klassenfahrt oder eben bei den Großeltern. „94 bis 95 Prozent“, sagt Peter Zimmermann, Professor für Entwicklungspsychologie an der Bergischen Universität Wuppertal. Jedes fünfte Kind hat sogar eine extrem starke Sehnsucht nach Hause. „Aber auch Erwachsene können noch Heimweh haben.“

Dabei war es für Sofia keineswegs schrecklich bei der Oma. Wenn sie dieses bedrückende Gefühl gedanklich wegschiebt, erinnert sie sich auch an den Zoobesuch, an die Einkaufstour und an morgendliches Fernsehen im Bett (was sie Zuhause nie darf, wie sie verschmitzt zugibt).

Inzwischen geht Sofia in die fünfte Klasse. Ihre erste Klassenfahrt im vergangenen Schuljahr hat sie bereits hinter sich. „In den ersten Tagen hatte ich da gar kein Heimweh“, erzählt sie, „ich musste meine Freundin trösten. Bei der war es ganz schlimm. Sie war die ganze Zeit in der Hütte, hat geweint und ist nur zum Essen rausgekommen. Aber am dritten Abend, da wollten wir Marshmallows über dem Lagerfeuer braten, eigentlich was total Schönes, da habe ich mich auf mein Bett geschmissen und nur noch geweint. Ich wollte zu Mama. Meine Klassenkameraden haben versucht, mich zu trösten. Aber ich wollte einfach nur bei Mama sein oder ihre Stimme hören.“

Zuhause anrufen durfte auf dieser Klassenfahrt aber keiner. So hatte es die Klassenlehrerin schon vorab auf einem Elternabend festgelegt. „Anrufe machen das Heimweh nur noch schlimmer“, hatte sie erklärt und von einer früheren Klassenfahrt erzählt, bei der sie an einem Abend 25 weinende Kinder, die mit ihren Eltern telefoniert hatten, trösten musste.

Heimweh ist unabhängig von Geschlecht und Alter

Ob mit fünf oder mit zehn Jahren, geändert hat sich dieses schwer zu beschreibende Gefühl des Heimwehs bei Sofia in all den Jahren nicht: „Ich möchte dann einfach nur ganz doll zu Mama“, sagt sie, wenn man sie fragt, wie sich Heimweh anfühlt.

Dass Sofia das Gefühl schwer in Worte fassen kann, sich Heimweh schwer beschreiben lässt, liege auf der Hand, sagt der Psychologe Peter Zimmermann, der über Bindungsstörungen in der Kindheit und Jugend forscht und wie Menschen ihre Emotionen regulieren: „Heimweh ist ein unspezifisches negatives Gefühl, bei einer anstehenden oder bestehenden Trennung, bei der die Betroffenen sich in einer neuen unbekannten Umgebung unwohl oder überfordert fühlen, verbunden mit der Sehnsucht nach zu Hause, den Eltern oder auch dem Haustier“, definiert er.

Sprich: Eine fremde Umgebung ist eine besondere Herausforderung und eben manchmal eine Überforderung, die dann negative Gefühle auslöst und den normalen Wunsch nach Sicherheit in einer vertrauten Umgebung nach sich zieht. Allerdings können Eltern ihre Kinder auch auf eine Reise ohne sie oder ein Ferienlager vorbereiten.

„Betroffene sind in einer solchen Situation mit dem Gefühl konfrontiert, dahin zu wollen, wo sie wissen, wie alles funktioniert und wo sie sich wieder sicher fühlen“, erklärt Peter Zimmermann.

Heimweh ist wie eine kleine Trauer und kann körperlich krank machen

Das Phänomen Heimweh wird deshalb auch mit einer „Minitrauer“ verglichen. Wie bei der Trauer sind an Heimweh Leidende damit konfrontiert, die Situation nicht ändern zu können. Das könne dann auch körperliche Beschwerden wie Bauchschmerzen oder ein auffälliges Verhalten nach sich ziehen, auch wenn das Kind sonst nicht dazu neigt: Wenn das Heimweh intensiv ist, denkt es dauernd darüber nach, fühlt sich hilflos, überfordert. Es kann dann zu einer depressiven Stimmung neigen oder aggressiv werden, beschreibt Zimmermann.

Abgeholt werden musste Sofia, wenn sie nicht zu Hause schlief, erst ein Mal. Da hatte sie zusammen mit ihrer Mutter eine befreundete Familie nachmittags im Schwimmbad getroffen. Deren Kinder überredeten Sofia, mit zu ihnen zu kommen, gemeinsam „Die Eisprinzessin“ zu schauen und dann zu übernachten. „Aber ich war da noch nie abends und wir haben dann gar nicht den Film, sondern irgendwas für Erwachsene im Fernsehen geschaut, und die haben uns die ganze Zeit mit Süßigkeiten vollgestopft“, erinnert sie sich.

Sofia musste sich dann – offensichtlich überfordert von der Situation – übergeben und sich von ihrer Mutter abholen lassen. Sonst sei eine Übernachtung bei einer Freundin nie schwierig für sie gewesen, sagt sie. „Ich glaube, weil ich mich da wohlgefühlt habe.“ Geholfen hat ihr bei Oma damals übrigens ein Schal ihrer Mutter: „Ich habe an dem Schal gerochen und Mama war irgendwie da.“

Lesen Sie auch zum Thema Heimweh: Wie Erwachsene damit umgehen und warum, so viele Ostdeutsche in ihre alte Heimat zurückkehren. Eine andere Sehnsucht verspürte die Autorin Anna Schatz. Sie wünschte sich so sehr ein Baby, dass sie es nicht mehr ertrug, glückliche Mütter zu sehen. Sie sagt: „Wenn ich noch eine glückliche Mami sehe, muss ich kotzen.“ Auch Star-Autorin Meike Winnemuth packte die Sehnsucht. Und zwar nach dem Grün und der Natur. Lesen Sie hier, warum.