Politiker-Mord

Mordfall Lübcke: Verdächtiger will neues Geständnis ablegen

Neonazi Stephan E. steht in Verdacht, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet zu haben.

Neonazi Stephan E. steht in Verdacht, den Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke ermordet zu haben.

Foto: Uli Deck / dpa

Der Verdächtige im Mordfall Lübcke hat ein neues Geständnis angekündigt. Auch soll es Hinweise auf einen weiteren Mittäter geben.

Kassel. Im Falle des ermordeten Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke hat der Verdächtige Stephan E. angekündigt, ein neues Geständnis ablegen zu wollen. Gegenüber dem ARD-Politikmagazin „Panorama“ äußerte sich der Rechtsradikale erstmals zu öffentlichen Aspekten des Falles.

In Interviews mit mehreren Medien hebt der Anwalt des mutmaßlichen Lübcke-Mörders zudem hervor, es gebe Hinweise auf einen weiteren Mittäter, der in der Nacht am Haus des CDU-Regierungspräsidenten gewesen sei.

Der Rechtsradikale E. sitzt seit fünf Monaten in Untersuchungshaft, nachdem er im Juni den Mord an Lübcke gestanden hatte. Im Juli hatte E. das Geständnis allerdings widerrufen.

Lübcke-Mord: Verdächtiger fühlt sich falsch dargestellt

Der Verdächtige erklärte, er wolle öffentlich Fragen beantworten, da das Bild über ihn, „das in der Öffentlichkeit aufgebaut wurde, so nicht richtig“ sei. E. erklärte zudem seine Abneigung gegenüber Lübcke. Demnach sei er bei einer Veranstaltung gewesen, bei der der Regierungspräsident radikale Gegner einer geplanten Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge zurechtgewiesen hatte.

Gegenüber „Panorama“ sagte E.: „Ich war empört. Ich konnte es nicht fassen, dass ein Politiker weiten Teilen der Bevölkerung nahelegt, das Land zu verlassen, weil sie anderer Meinung sind zu dieser Thematik.“ Den mutmaßlichen zweiten Täter habe E. nicht benennen wollen. Allerdings beschrieb er das Verhältnis zu Neonazi Markus H. aus Kassel als „entscheidendes Verhängnis.“

Markus H. soll E. die Mordwaffe vermittelt haben und sitzt wegen des Verdachts auf Beihilfe zum Mord ebenfalls in Untersuchungshaft.

Bisher keine Hinweise auf weitere Person am Tatort

Details geben weder der Anwalt von Stephan E. noch der mutmaßliche Rechtsterrorist selbst bekannt. Bisher aber führt die Generalstaatsanwaltschaft zwei weitere Ermittlungsverfahren wegen Beihilfe zu dem Mord – nicht wegen Mittäterschaft.

Das zeigt: Bisher haben die Ermittler keine Hinweise oder konkreten Indizien dafür, dass eine weitere Person am Tatort war, als Stephan E. Anfang Juni Walter Lübcke auf der Terrasse seines Hauses in der Nähe von Kassel erschossen haben soll. Zwar gab es nach Informationen unserer Redaktion die vage Aussage eines Anwohners, er habe zur Tatzeit neben dem VW Caddy, der E. zugeordnet werden konnte, noch ein zweites Fahrzeug wegfahren sehen. Doch diese Spur blieb bisher offenbar ohne Ermittlungserfolge.

Zumal in der Nacht wenige Meter vom Tatort entfernt ein Volksfest stattgefunden hatte – gut möglich, dass der Zeuge das Auto eines Besuchers gesehen hat. Und nicht ein weiteres Tatfahrzeug.

Neue Aussagen wohl Teil der Verteidigungsstrategie

Auch alle DNA-Spuren am Tatort wie Fingerabdrücke oder Hautpartikel dürften mittlerweile ausgewertet und zugeordnet sein. Hätte hier eine DNA-Probe auf einen weiteren Täter hingewiesen, wäre durch die Bundesanwaltschaft sehr wahrscheinlich ein Haftbefehl wegen Mittäterschaft erhoben worden.

Die jüngsten Aussagen des Anwalts von Stephan E. bleiben daher wenig konkret. In den Sicherheitsbehörden werten Ermittler die Hinweise auf weitere Mittäter vor allem als Verteidigungsstrategie, um E. als allein agierenden Täter zumindest in Teilen zu entlasten. Stephan E. hat als Beschuldigter zudem jederzeit die Möglichkeit, neue Angaben zu Mittätern oder Tathergang zu machen.

Hass-Attacken auf Politiker nehmen zu

Walter Lübcke war am 2. Juni dieses Jahres vor seinem Wohnhaus durch einen gezielten Kopfschuss ermordet worden. Rechtsextremist Stephan E. wurde zwei Wochen später festgenommen und sitzt seitdem in Untersuchungshaft. Hass-Attacken auf Politiker nehmen immer weiter zu. Erst kürzlich erhielt CDU-Politiker Mike Mohring Morddrohungen, Grünen-Politiker Cem Özdemir steht auf der „Todesliste“ eines Neonazi-Netzwerks.

(lhel/cu)