Männer

Elternzeit: Wie ein Vater die Kinderbetreuung meistert

Rudi Novotny nahm ein halbes Jahr Elternzeit.

Rudi Novotny nahm ein halbes Jahr Elternzeit.

Foto: privat/Novotny

„Es gab nie eine bessere Zeit, ein Mann zu sein“, sagt Rudi Novotny. Er entschied sich dafür, sechs Monate in Elternzeit zu gehen.

Berlin. Dieser Text erscheint im Jahr 2019, und so ist es (immer noch) ungewöhnlich, dass ein Mann, der einen Posten als Führungskraft hat, plötzlich Sätze sagt wie: „Der Papa macht nur schnell Ham-ham. Nicht weinen.“

Rudi Novotny (39), Journalist und Autor, sitzt in seiner Küche. Und da ist keine Mutter zugegen. Keine, die ihn am Fensterbrett ablösen könnte, weil das Kind versucht darauf zu stehen. Es schaut ja so gern aus dem Fenster, abgestützt von zwei elterlichen Händen.

Sein Tag wird durch das Baby strukturiert. Novotny singt „krabbelgruppenöffentlich“ – wie er es nennt, wechselt Windeln, füttert, liest vor, geht spazieren. Ein Eis isst er nachmittags am Elbufer in Dresden, wenn die Tochter im Kinderwagen schläft. Das ist seine Pause. Abends hofft er auf das Klick-Klack des Türschlosses und widersteht dem Reflex, der heimkehrenden Mama, einer Tänzerin an der Semperoper, das Baby nach zehn Stunden als Solo-Kinderbetreuung in die Arme zu drücken und endlich duschen zu gehen.

Novotny war halbes Jahr in Elternzeit

Ein halbes Jahr war Novotny in Elternzeit – und ist damit fast einsame Spitze. Laut dem jüngsten „Väterreport“ des Bundesfamilienministeriums aus dem Jahr 2018 entscheiden sich 60 Prozent der Männer, die Elterngeld beziehen, für die Mindestbezugszeit von zwei Monaten. Für drei bis neun Monate sind es rund 21 Prozent, zehn bis zwölf Monate nehmen nur noch rund 15 Prozent in Anspruch.

Im Jahr 2015 sagte der ehemalige Bahn-Chef Hartmut Mehdorn (76) im „Spiegel“ über einen Vater, der drei Monate Elternzeit genommen hatte: „Wenn ein Mann, der Karriere machen will, so lange Elternzeit nimmt, dann muss er sich danach wieder hinten anstellen.“

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Auch Rudi hat wie viele (Frauen) Angst, beruflich den Anschluss zu verlieren. „Ich checke die Mails der Redaktion. Jungredakteure laden zum Netzwerken ein. Ich fühle mich alt. Kollegen entwickeln ein Elternheft. Ich fühle mich ignoriert. Der Chefredakteur kündigt neue Korrespondenten an. Ich fühle nichts mehr“, schreibt er in seinem Buch „Work-Love-Balance“ (DuMont).

Er beschreibt, wie der Leiter einer Krabbelgruppe ihm lange zuhört und sagt: „Lieber aufrecht hinterm Kinderwagen als gebückt am Schreibtisch.“ Der ratlose Vater nickt. Am Ende der Zeit wird Rudi Novotny sagen, dass es bei allen Strapazen kaum etwas Innerlicheres, Entschleunigteres gibt, als einem Säugling stundenlang beim Krabbeln zu assistieren.

Versorgung des Kindes ist weiblich konnotiert

Laut der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO), einer Sonderorganisation der Vereinten Nationen, sind Männer wie Novotny die wichtigste gesellschaftliche Veränderung des 21. Jahrhunderts. „Man kann ja schon den Eindruck bekommen, dass sich etwas grundlegend gewandelt hat – weil man mehr Väter mit Kinderwagen sieht“, sagt Katja Sabisch, Expertin für kritische Männlichkeitsforschung an der Uni Bochum.

Die Aufteilung der Familienarbeit bei der Versorgung des Kindes sei aber „immer noch ganz klar weiblich konnotiert“. Die Frage sei nicht, wer ab und zu mal eine Windel wechselt – sondern wer in Elternzeit und in Teilzeit geht. „Das sind in der Regel noch die Frauen.“

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Rudi Novotny drückt das noch drastischer aus. „Wer als Partner nicht in Elternzeit geht, dem sind die Karriere und die Träume seiner Partnerin auch ein Stück weit egal.“ Die Frage, ob ein Vater die Mutter ersetzen kann, beantwortet der Autor mit einem klaren „Ja“. Dabei beruft er sich auf Studien des renommierten Väterforschers Michael Lamb. Laut ihm können beide Eltern, unabhängig davon, ob die Mutter stillt oder nicht, dieselbe Innigkeit geben.

Novotny: „Es gab nie eine bessere Zeit, ein Mann zu sein“

Ebenso hadert Novotny mit dem klassischen Rollenmodell. Kann ein Mann, der Versorger, in der Papa-Rolle aufgehen? Ja, entscheidet Rudi und stellt sogar fest: „Es gab aufgrund aufweichender Geschlechterklischees nie eine bessere Zeit, ein Mann zu sein.“ Auch für sich selbst. Allerdings sei es auch für viele Mütter nicht leicht, abzugeben, fällt Forscherin Sabisch auf. „Es ist nicht so, dass die Männer das anordnen. Das ist zum Teil selbst gewählt. Frauen wollen diesen Aufgabenbereich manchmal nicht abgeben, sie sagen: ,Ich mache die Elternzeit, ich kann das besser’.“

Novotny plädiert dafür, sich die Frage zu stellen, ob Selbstverwirklichung nicht auch aus Verantwortung entstehen könne. Und ob mancher Verzicht nicht auch ein Gewinn sein kann.