Jahrestag

Winnenden – Was zehn Jahre nach dem Amoklauf bleibt

März 2009: Noch während der Ermittlungsarbeiten durch die Polizei legten Schüler Blumen nieder zum Gedenken an ihre ermordeten Mitschüler. Ein 17-Jähriger hatte bei einem Amoklauf 15 Menschen und sich selbst getötet. Foto: Matthias Graben

März 2009: Noch während der Ermittlungsarbeiten durch die Polizei legten Schüler Blumen nieder zum Gedenken an ihre ermordeten Mitschüler. Ein 17-Jähriger hatte bei einem Amoklauf 15 Menschen und sich selbst getötet. Foto: Matthias Graben

Foto: MATTHIAS GRABEN / WAZ (Archiv)

Insgesamt 16 Menschen verloren am 11. März 2009 beim Amoklauf in Winnenden ihr Leben. Ein Rückblick zum zehnten Jahrestag der Tat.

Berlin. Beim Amoklauf im baden-württembergischen Winnenden vor zehn Jahren starben 15 Menschen und der 17-jährige Schütze, zahlreiche weitere Menschen wurden verletzt. Ein Schüler hatte in seiner ehemaligen Schule um sich geschossen.

Ein Überblick, wie es Betroffenen heute geht und was die Politik seitdem unternimmt, um vergleichbare Taten zu verhindern.

Was geschah am 11. März 2009 in Winnenden

Der ehemalige Schüler Tim K. war damals in die Albertville-Realschule eingedrungen und hatte mit der Pistole seines Vaters um sich geschossen. Er ermordete acht Schülerinnen, einen Schüler und drei Lehrerinnen während des Unterrichts.

Auf seiner Flucht erschoss der 17-Jährige drei weitere Menschen und anschließend sich selbst. Die Tatwaffe hatte sein Vater, ein passionierter Sportschütze, unverschlossen im Schlafzimmerschrank aufbewahrt.

Welche direkten Folgen hatte der Amoklauf?

Der Vater von Tim K. wurde 2013 wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz und wegen fahrlässiger Tötung zu 18 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt.

Es folgten bis Frühjahr 2017 weitere zivilrechtliche Verfahren: Zwei Millionen Euro gingen von der Versicherung des Vaters Jörg K. an mehr als 30 Opfer und Hinterbliebene, 400.000 Euro an die Stadt Winnenden.

Eine Klage auf Schadensersatz gegen das Klinikum Weinsberg, das Tim K. wegen psychischer Probleme vor der Tat behandelte, verlor der Vater. Nach einem gerichtlichen Vergleich erklärte sich Jörg K. bereit, 500.000 Euro für einen Teil der Behandlungskosten von Opfern und Hinterbliebenen der Tat zu zahlen.

Wie geht die Albertville-Realschule mit dem Amoklauf um?

In den drei Taträumen findet kein regulärer Unterricht mehr statt: Ein Klassenzimmer wurde zu einer Bibliothek umgewandelt, ein ehemaliger Chemiesaal wird für eine Schülerfirma genutzt.

Das Klassenzimmer, in dem sechs Menschen starben, ist zum Gedenkraum geworden. 15 kleine, kniehohe Pulte stehen dort, auf jedem ist der Name eines Verstorbenen geschrieben.

Viele, vor allem jungen Schüler, wüssten oft nur, dass sie auf einer besonderen Schule sind, „auf der mal was Schlimmes passiert war“, erklärt der evangelische Religionslehrer Johannes Herter. Wenn sie sich dann intensiver mit dem Amoklauf beschäftigten, bekämen manche etwas Angst, hier seien die Lehrer pädagogisch gefordert.

Der „Expertenkreis Amok“ schlug Alarmsysteme extra für Amok und sichernde Drehknöpfe in Schulen vor - so dass Türen nicht mehr von außen geöffnet werden können. Weil das Handy-Netz damals unter einer Vielzahl von Anrufen zusammenbrach, sollten Schulleiter künftig Funkruf-Geräte (Pager) bei sich tragen. Die Pager sind in einer Verwaltungsvorschrift in Baden-Württemberg seit 2012 verbindlich vorgeschrieben - Türverschlusssysteme dagegen zum Beispiel nicht.

Wie gedenkt Winnenden der Opfer am zehnten Jahrestag?

Um 9.33 Uhr – dem Zeitpunkt, als am 11. März 2009 der Amoklauf an der Albertville-Realschule begann – läuteten alle Kirchenglocken der Stadt. Anschließend lasen Mitglieder des Jugendgemeinderates die Namen der Getöteten vor.

Oberbürgermeister Hartmut Holzwarth (CDU) sagte: „Zum zehnten Mal stehen wir am Jahrestag zusammen, erinnern und spenden uns gemeinsam Trost.“ Amoklauf, Terror, Krieg – jede Gewalttat auf dieser Erde mache den Menschen in Winnenden besonders zu schaffen, betonte der Bürgermeister. Auch der baden-württembergische Innenminister Thomas Strobl und Kultusministerin Susanne Eisenmann – beide CDU – nahmen an der Gedenkfeier teil.

Vor der öffentlichen Gedenkfeier gab es wie in den Jahren zuvor ein internes Gedenken in der Schule, das aus Respekt vor den Betroffenen und Opferfamilien nichtöffentlich war.

Zum Abschluss bildeten Schüler und alle Teilnehmer der privaten Feier eine Menschenkette von der Schule bis zum Stadtgarten. Nach der Gedenkfeier war ein ökumenischer Gedenkgottesdienst geplant, den Schüler der Albertville-Realschule mitgestalten sollten. Für den Abend waren eine Lichterkette und zwei weitere Gedenkgottesdienste vorgesehen.

Welche Konsequenzen hat die Politik aus dem Amoklauf gezogen?

Einige Monate nach dem Amoklauf gab es eine bundesweite Waffenamnestie, bei der unangemeldete Waffen straffrei abgegeben werden konnten. 2017 wurde eine weitere Amnestie angeboten.

Laut dem Regierungspräsidium Stuttgart wurden von 2009 bis Ende 2017 in Baden-Württemberg über 200.000 Waffen abgegeben, etwa ein Viertel davon waren illegal besessene Waffen.

Eine Verschärfung des Waffenrechts 2009 sorgte dafür, dass das Mindestalter für das Training mit großkalibrigen Sportwaffen auf 18 Jahre angehoben wurde. Zudem wurden mehr verdachtsunabhängige Kontrollen eingeführt, bei denen überprüft wird, ob Waffenbesitzer ihre Pistolen und Gewehre vorschriftsmäßig aufbewahren.

Bei einer weiteren Änderung des Waffengesetzes im Jahr 2017 wurden unter anderem die Sicherheitsstandards für Waffenschränke angehoben. Eine aktuelle Studie der Universität München zeigt, dass sich ein strenges Waffenrecht lohnt: Je strikter die waffenrechtlichen Bestimmungen in einem Land, desto geringer die Zahl der mit Schusswaffen verübten Morde und Suizide.

In den zehn Jahren seit der Amoktat in Winnenden sind nach Angaben der Initiative „Keine Mordwaffen als Sportwaffen!“ deutschlandweit mindestens 80 Menschen mit Schusswaffen von Sportschützen getötet worden. Seit 1990 seien sogar mehr als 250 Menschen mit Sportwaffen erschossen worden, sagte der Sprecher der Initiative, Roman Grafe.

Welche Kritik gibt es an den Maßnahmen?

Die Änderungen am Waffengesetz nach dem Amoklauf gehen einigen nicht weit genug. Angehörige der Opfer gingen 2009 mit dem „Aktionsbündnis Amoklauf“ in die politische Offensive. Sie forderten auch ein schärferes Waffengesetz. „Unsere Maximalforderung ist nicht durchgegangen und das wird sie auch nie: das Verbot großkalibriger Waffen“, sagt Gisela Mayer, Vorsitzende der „Stiftung gegen Gewalt an Schulen“ – dem Nachfolger des Bündnisses.

Als Reaktion auf Winnenden wurden aber verdachtsunabhängige Kontrollen bei den rund 960.000 registrierten Waffenbesitzern (Stand 31.12.2018) in Deutschland ermöglicht. Waffenkontrollen oder Alarmübungen seien eine Daueraufgabe, mahnt Udo Andriof, Vorsitzender des 2009 eingerichteten „Expertenkreis Amok“. Aber künftige Taten ließen sich nicht komplett ausschließen.

So sieht es auch die Kriminologin Britta Bannenberg: „Ein Amoklauf ist sehr selten und kann überall passieren.“ An Justus-Liebig-Universität Gießen, wo Bannenberg arbeitet, gibt es seit 2015 eine Telefonberatung für diejenigen, die eine Amoktat fürchten. Rund 200 Anrufe seien dort bislang eingegangen.

Die Grünen fordern eine weitere Verschärfung des Waffenrechts. „Auch zehn Jahre nach dem schrecklichen Amoklauf von Winnenden hat die Bundesregierung immer noch nicht die notwendigen Konsequenzen gezogen und den privaten Besitz von Schusswaffen schärfer reglementiert“, sagte die innenpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Irene Mihalic, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland.

Waffen in privatem Besitz müssten stärker eingeschränkt werden. Jährlich verschwänden Tausende Waffen aus privaten Beständen, „und keiner weiß, wohin“, sagte die Politikerin. Sie mahnte: „In diesem für die öffentliche Sicherheit so sensiblen Bereich brauchen wir endlich ein erkennbares Problembewusstsein der Bundesregierung.“ (dpa/epd/mein)