Katastrophe

Brasilien: Zahl der Todesopfer steigt nach Dammbruch auf 84

Mit Schlamm bedeckte Demonstranten hinterlassen Schlamm-Handabdrücke auf einer Scheibe vor dem Hauptsitz des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale in Botafogo. Mit ihrer Aktion erinnern sie an die mindestens 84 Todesopfer des Dammbruchs an einer Eisenerzmine von Vale in Brumadinho.

Mit Schlamm bedeckte Demonstranten hinterlassen Schlamm-Handabdrücke auf einer Scheibe vor dem Hauptsitz des brasilianischen Bergbaukonzerns Vale in Botafogo. Mit ihrer Aktion erinnern sie an die mindestens 84 Todesopfer des Dammbruchs an einer Eisenerzmine von Vale in Brumadinho.

Foto: Fabio Teixeira / dpa

Nach dem Bruch des Staudamms wälzten sich die Schlammmassen durch eine Eisenerzmine und ein Wohngebiet in Brasilien.

Brumadinho.  Nach dem Dammbruch an einer Eisenerzmine in Brasilien ist die Zahl der Toten weiter gestiegen. 84 Todesopfer wurden bestätigt, 276 Menschen werden immer noch vermisst.

Feuerwehrsprecher Pedro Aihara geht davon aus, dass die Todeszahlen noch weiter steigen werden. „Die Chance, noch Überlebende zu finden, ist sehr gering», sagte er dem Nachrichtenportal G1.

Auch der Minister für regionale Entwicklung, Gustavo Canuto, zeigte wenig Hoffnung: „Es sind viele Vermisste. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie tot sind, ist erheblich gestiegen“, sagte er.

Schlamm breitete sich auf einer Fläche von 400 Fußballfeldern aus

Der Damm an der Mine Córrego do Feijão nahe der Ortschaft Brumadinho im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais war am Freitag gebrochen. Eine Schlammlawine rollte über Teile der Anlage und über benachbarte Siedlungen hinweg und schlug eine Schneise der Zerstörung. Menschen, Tiere und Häuser wurden unter dem Schlamm begraben.

Insgesamt breiteten sich zwölf Millionen Kubikmeter Schlamm auf einer Fläche von rund 290 Hektar aus – das entspricht einer Fläche von gut 400 Fußballfeldern.

Polizei nahm zwei Mitarbeiter des TÜV Süd fest

Auf der Suche nach Verantwortlichen hat die Polizei unter anderem zwei Mitarbeiter des Münchner Unternehmens TÜV Süd festgenommen. „Wir können zum jetzigen Zeitpunkt bestätigen, dass zwei Mitarbeiter von TÜV Süd in Brasilien verhaftet wurden“, teilte die Firma am Dienstag der Deutschen Presse-Agentur mit.

„Aufgrund der laufenden Ermittlungen können wir zurzeit keine weiteren Auskünfte geben. Wir unterstützen die Ermittlungen vollumfänglich.“ Der TÜV Süd hatte im vergangenen Jahr die Dämme an der Mine geprüft.

Welche Staatsangehörigkeit die Festgenommenen haben, blieb offen. Dem Auswärtigen Amt lagen nach eigenen Angaben keine Hinweise vor, dass sich deutsche Staatsangehörige unter den Verhafteten befinden.

Durchsuchungen bei der Betreiberfirma

Zudem nahm die Polizei drei Mitarbeiter der Betreiberfirma Vale fest, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte. Der Bergbaukonzern erklärte, das Unternehmen arbeite mit den Behörden zusammen. „Vale wird die Ermittlungen weiterhin unterstützen, um die Fakten zu klären“, hieß es in einer Stellungnahme.

Die Polizei durchsuchte zudem die Niederlassung von Vale in Nova Lima und Geschäftsräume eines externen Dienstleisters in São Paulo. Das Umweltministerium kündigte eine Strafe in Höhe von 250 Millionen Reais (58 Millionen Euro) gegen den Konzern an.

Vale selbst kündigte weitreichende Konsequenzen an. Das Unternehmen werde alle Dämme von der Bauart wie in Brumadinho und Mariana abreißen, sagte Konzernchef Fabio Schvartsman.

Demonstranten in Rio de Janeiro geht das nicht weit genug. Sie legten sich rotbraun beschmiert vor das Hauptquartier des Bergbaukonzern und hinterließen ihre Handabdrücke an einer Glaswand.

Israelische Soldaten helfen bei der Suche im Schlamm

Am Katastrophenort selbst gestalten sich die Rettungsmaßnahmen als schwierig. Am Sonntag mussten sie komplett ausgesetzt werden, da ein weiterer Damm vorübergehend zu brechen drohte.

Unterstützt wurden die lokalen Rettungskräfte von 136 israelischen Soldaten, die an die Unglücksstelle gereist waren. Sie brachten unter anderem Geräte zur Ortung von Handysignalen im Schlamm mit.

Während der Schlamm langsam trocknete, kämpften sich die Einsatzkräfte an bislang unzugängliche Stellen vor. Mit Stäben sondierten sie den Untergrund und gruben nach Verschütteten.

Rund 200 Feuerwehrleute und 13 Hubschrauber waren an den Such- und Bergungsarbeiten nahe der Ortschaft Brumadinho im Bundesstaat Minas Gerais beteiligt.

Im Jahr 2015 gab es in Minas Gerais schon ein ähnliches Unglück. Bei der „Tragödie von Mariana“ kam es in einem Eisenerzbergwerk zu einem Dammbruch an einem Rückhaltebecken. Damals kamen 19 Menschen ums Leben. Das Betreiberunternehmen Samarco gehörte ebenfalls Vale sowie dem australisch-britischen Konzern BHP.

Harsche Kritik von Umweltorganisationen

„Diese neue Katastrophe ist die traurige Konsequenz davon, dass die brasilianische Regierung und die Bergbauunternehmen nichts dazugelernt haben“, sagte Nilo D’Ávila von der Umweltorganisation Greenpeace. „Das ist kein Unfall, sondern ein Umweltverbrechen, das bestraft werden muss.“

In dieselbe Kerbe schlug die Naturschutzorganisation WWF, die gezielt deutsche Unternehmen in die Verantwortung nahm. „Der Dammbruch zeigt, welch unfassbares Leid der Abbau von Rohstoffen verursachen kann“, sagte Jörg-Andreas Krüger vom WWF. „Auch deutsche Unternehmen tragen hierfür Verantwortung, wenn sie Rohstoffe aus solchen Bergwerken importieren.“ (dpa/les/aba/tki)