Journalismus-Ikone

Sonia Mikich: „Journalistin ist man bis zum Grab“

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Anne Diekhoff
Lange Karriere beim WDR: Sonia Seymour Mikich.

Lange Karriere beim WDR: Sonia Seymour Mikich.

Foto: Annika Fußwinkel / WDR

Sie war Kriegsberichterstatterin, ARD-Frau in Moskau und zuletzt WDR-Chefredakteurin. Jetzt die Rente? Von wegen!

Berlin/Köln.  Risikobereitschaft und Neugier: Das sind optimale Voraussetzungen für eine Journalistin. Bei Sonia Mikich zeigte sich beides offenbar schon als Kind. So erzählt sie es bei einem Telefongespräch über ihr bewegtes Berufsleben.

Offiziell ist sie im Herbst, mit 67 Jahren, als Chefredakteurin Fernsehen des WDR in den Ruhestand gegangen. Im Dezember gab es die Auszeichnung für ihr Lebenswerk von der Branchenzeitschrift „Medium Magazin“. Sie sei eine „Ikone im Journalismus“, hieß es in der Begründung. Also alles bereit für ein gemütliches Dolce Vita, oder?

Allein bei dem Gedanken daran lacht sie herzlich. „Nein“, sagt sie. „Das ist bei mir ausgeschlossen, und auch bei den anderen Kollegen, die ich kenne. Journalistin ist man eigentlich bis zum Grab. Ich werde immer interessiert sein am Weltgeschehen, ich werde immer etwas dazu zu sagen haben.“

Sonia Mikich folgte als Kind interessanten Leuten

Wie fing das eigentlich an? Eine Anekdote aus ihrer Kindheit in London lässt es erahnen: „Als ich acht oder neun war“, erzählt Mikich, „bin ich immer von zu Hause ausgebüxt und durch die Gegend gestromert. Und wenn ich Leute interessant fand, bin ich denen gefolgt.“

Eine Inderin in ihrem Sari habe sie so sehr fasziniert, dass sie sie gebeten habe, ihr etwas zu erzählen. Bis in deren Wohnung sei sie mitgegangen. Ihre Eltern riefen die Polizei, weil sie verschwunden war. „Ich dachte mir aber nichts dabei. Das war eine unglaubliche Neugier.“ Und diese sei auch nicht verboten oder entmutigt worden. Nur – mit Fremden nach Hause gehen, das sollte sie dann nicht mehr.

Der Vater Jugoslawe (bis die Kriege kamen und Jugoslawien zerfiel, 1992 schrieb sie in der „Emma“: „Und plötzlich bin ich halbe Serbin.“), die Mutter Deutsche, der Kindheitsort eine Metropole – da steckt schon eine Menge Weltläufigkeit in ihrer Biografie. Und Politik: „Stalin, Tito, Hitler, der zweite Weltkrieg und große Geschichte“ seien zu Hause ständig Thema gewesen. „Es wurde abends heftig politisch diskutiert, und ich hörte gebannt zu.“

Mit zehn kam Mikich von London nach Herne

Mit zehn eine Zäsur, die Eltern trennten sich. Sonia Seymour Mikich, wie sie vollständig heißt, zog nach Herne, in die Heimat der Mutter. Sie konnte kein Deutsch, die Eltern hatten sie englischsprachig aufgezogen.

„Ich war erst mal die Fremde in der Klasse und wurde nicht nur nett behandelt“, erzählt sie. Das habe sich aber schnell geändert, als auch Deutsch ihre Sprache wurde. „Ich habe bis heute so eine sehr weiche Stelle im Herzen für das Ruhrgebiet“, sagt Mikich, „weil ich da grundehrliche, bodenständige, solidarische Menschen kennengelernt habe.“

Mikich: „Die 80er-Jahre im Journalismus, das war nicht nur schön“

Von Herne aus zog sie wieder in die Welt. 1982 – da hatte sie bereits bei einer Tageszeitung volontiert, Politologie und Soziologie studiert und als schreibende Journalistin gearbeitet – entdeckte Mikich das Fernsehen als Medium. Bilder, Ton, Musik, diese Möglichkeiten! Noch ein Volontariat, jetzt beim WDR. Eine männlich dominierte Umgebung.

„Die 80er-Jahre im Journalismus in den Sendern, das war nicht nur schön“, sagt sie trocken. Ab 1992 war sie Korrespondentin in Moskau, leitete ab 1996 das ARD-Studio dort, dann das in Paris. Sie berichtete von Krisen und Kriegen, aus Tschetschenien, dem Kosovo.

Und dort, unter Kriegsberichterstattern, sei es einfacher geworden: als sie beansprucht habe, genau so gut, schnell und risikobereit zu sein wie die Männer. „Irgendwann pendelte sich das so ein, dass ich völlig respektiert wurde als Profi.“

Erstes Projekt im sogenannten Ruhestand: Gesprächsreihe im Theater

Sonia Mikich war ein Millionenpublikum gewöhnt. Ob als Reporterin, als Leiterin des Politikmagazins „Monitor“ oder als Tagesthemen-Kommentatorin. Und seit 2014 war sie Chefredakteurin – ein großer Gestaltungsspielraum. Das erste Format danach fällt kleiner aus.

Im Schauspielhaus Bochum lädt sie zu einer politischen Gesprächsreihe, die unzweideutig „Ausreden – Zuhören!“ heißt. Zwei Runden gab es schon. „Das war so toll“, sagt Mikich. „Ich saß zwischendurch da und fing an, breit zu lächeln, weil das Gespräch so wunderbar hin- und herfloss.“

Sonia Mikichs Lust auf die Welt ist ungebrochen

Wer diskutiert denn da miteinander? „Wissenschaftler, Kreative, Schriftsteller, interessante Einzelpersonen“, so umreißt sie die Gästeliste. Was sie nicht will, ist „dieses platte Pro und Contra, Schwarz und Weiß zwischen Journalisten oder Parteipolitikern.“

Am 3. Februar geht es um die Frage: „Wer bin ich – und wer sagt mir das?“ Geschlecht, soziale Schicht, Herkunft: „Was ist kulturell geformt, was ist von vornherein in die Wiege mitgegeben?“, das interessiert sie.

Sonia Mikich hat nur wieder das Medium gewechselt, die Lust am Weltentdecken ist dieselbe. Ihr Zuhause hat die Weitgereiste dabei längst in Köln gefunden, dort lebt sie mit ihrem Mann, einem Künstler. „Meine Studentenzeit-Liebe“, sagt sie. Man traf sich zweimal im Leben.