Ermittlungen

Tödlicher Schuss auf Mutter in Schönberg bleibt ein Rätsel

Polizeibeamte stehen in Schönberg an der Stelle, an der eine 39 Jahre alte Frau in der Silvesternacht von einem Schuss getroffen wurde.

Polizeibeamte stehen in Schönberg an der Stelle, an der eine 39 Jahre alte Frau in der Silvesternacht von einem Schuss getroffen wurde.

Foto: Carsten Rehder / dpa

Eine Mutter stirbt an Silvester. Erst gilt Feuerwerk als Ursache, die Obduktion ergibt aber: Es war ein Schuss. Die Polizei rätselt.

Schönberg.  Sie will nur kurz vor die Tür treten, um sich das Silvesterfeuerwerk anzusehen. Doch dann fällt in der ruhigen Reihenhaussiedlung in Schönberg an der Ostsee ein Schuss – so jedenfalls rekonstruiert es die Kriminalpolizei Tage später. Nina D., 39 Jahre alte Mutter dreier Kinder, sackt zusammen und stirbt am Morgen des 1. Januar im Krankenhaus. Im Kopf der Frau werden Metallsplitter gefunden.

Seitdem ist in dem kleinen Badeort unweit von Kiel nichts mehr, wie es war. Statt „Strandlust & Kultur“ – so heißt der Schönberger Werbeslogan – dominieren Angst und Unsicherheit. Der Bürgermeister des Ortes, Peter Kokocinski, appellierte am Mittwoch an den Täter, sich zu stellen. „Es wäre für die betroffene Familie, aber auch für alle Menschen im Ort wichtig zu erfahren, was wirklich passiert ist“, sagte Kokocinski den „Kieler Nachrichten“.

Konkrete Hinweise auf einen Mord gibt es nicht

Warum musste Nina D. sterben? Wurde sie ermordet? Oder wurde sie Opfer eines verantwortungslosen Schützen, der den Lärm der Silvesternacht nutzte, um mit seiner Waffe ziellos herumzuballern? Die Polizei will sich da derzeit nicht festlegen.

„Wir ­ermitteln im Hinblick auf das Tötungs­delikt in alle Richtungen. Eine fahrlässige Tat ist ebenso denkbar wie ein Mordgeschehen“, sagte der Kieler Oberstaatsanwalt Axel Bieler dem „Hamburger Abendblatt“. Konkrete Hinweise auf eine Mordtat gibt es jedoch nicht. Diese denkbaren Varianten seien von Beginn der Ermittlungen an Teil der Arbeitshypothese gewesen, so Bieler.

Die Ermittler gehen davon aus, dass der Täter oder die Täterin mit einer „kleinkalibrigen Waffe“ geschossen hat. Ob es sich um einen Revolver, eine Pistole oder ein Gewehr gehandelt hat, sei nach wie vor unklar.

Belohnung von 3000 Euro wurde ausgelobt

Im näheren Umfeld des Tatortes hat die Polizei bereits die Menschen mit Waffenscheinen überprüft. Gleichwohl stünden nicht alle Waffenbesitzer unter Generalverdacht, so Bieler. Die Nachbarn der Getöteten seien befragt worden. Eine Belohnung von 3000 Euro sei ausgelobt worden. Man wolle den „Ermittlungsdruck erhöhen“, so Bieler.

Nach der Tat hatten die Beamten zunächst vermutet, dass illegale Feuerwerkskörper die tödlichen Kopfwunden verursacht haben könnten. Doch nach der Obduktion war die Kieler Staatsanwaltschaft überzeugt, dass die Frau an den Folgen einer Schussverletzung verstarb.

Bei den Metallsplittern handelt es sich um die Überreste eines vermutlich beim Eintritt in den Schädel zersplitterten Projektils – ein Geschoss, das nach erster Einschätzung beim Kontakt mit Gewebe auch zersplittern soll.

Angehörige kümmern sich um Hinterbliebene

Zu den Projektilen, die eine so zerstörerische Wirkung entfalten, gehören Teilmantelgeschosse, wie sie zur Tötung bei der Jagd auf Wild eingesetzt werden. Die Kugel ist hier nicht komplett ummantelt, sondern liegt im Bereich der Geschossspitze frei.

Beim Auftreffen auf ein Ziel kann sich die Spitze deformieren, oder das Geschoss zerlegt sich vollständig oder teilweise. Wie das „Hamburger Abendblatt“ aus Polizeikreisen erfuhr, gehen die Ermittler der Mordkommission nicht von einem gezielten Tötungsdelikt aus.

Zur Situation der Hinterbliebenen sagte der Polizeisprecher Matthias Felsch, die Familie der getöteten Frau werde „nicht alleingelassen“. Angehörige kümmerten sich um den Vater und die Kinder, eine Tochter (7) und Zwillinge (1).

Mehrere ähnliche Fälle in Deutschland

Ähnliche Fälle ereigneten sich bereits mehrfach in Deutschland. So feuerte in Hamburg in der Neujahrsnacht 1997 ein Unbekannter auf den Familienvater Saban T. (37), vermutlich mit einem Gewehr. Der Werftarbeiter starb kurz darauf im Krankenhaus.

In der Silvesternacht 2017 hatte ein 69-Jähriger in Salzgitter mit seiner Pistole auf ein zwölf Jahre altes Mädchen geschossen. Das Kind erlitt einen Rippendurchschuss, überlebte aber. In Unterschleichach (Unterfranken) erschoss ein 54-Jähriger eine Elfjährige in der Silvesternacht 2015 aus Wut über die Böllerei. Ein Gericht verurteilte den Schützen wegen Mordes zu zwölfeinhalb Jahren Haft.

Bundes- und europaweit hatte es Silvester mehrere Tote und Verletzte gegeben. Häufig waren die Urachen unsachgemäßer Umgang mit Feuerwerk und illegale Ware.