Ur-Volk

Nach Tod von US-Missionar: Ermittlungen zu gefährlich

Der 27-Jährige John Chau hatte seine Reise nach Indien mehrere Jahre geplant. Dort wollte er ein Ur-Volk missionieren – und starb.

Der 27-Jährige John Chau hatte seine Reise nach Indien mehrere Jahre geplant. Dort wollte er ein Ur-Volk missionieren – und starb.

Foto: SOCIAL MEDIA / REUTERS

Bei dem Versuch ein Ur-Volk zu missionieren ist ein Amerikaner ermordet worden. Die Polizei steht bei der Ermittlung vor einem Dilemma.

Mumbai/Washington.  Bewohner einer entlegenen Insel töten einen Missionar: Die Geschichte von John Chaus’ Tod mutet wie eine Erzählung aus den Zeiten von Christoph Kolumbus an – und doch ist sie ganz aktuell. Der 27-jährige US-Bürger wollte eines der isoliertesten Völker der Erde, die Sentinelesen, missionieren.

Von angeheuerten Fischern ließ er sich auf die Nord-Sentinel-Insel bringen – Teil der Inselkette der Andamanen, die zu Indien gehört. Nach Angaben der Fischer wurde Chau nach seiner Ankunft auf der Insel von den Sentinelesen mit Pfeilen beschossen. Außerdem wollen sie beobachtet haben, wie die Inselbewohner den leblosen Körper Chaus über den Strand zogen.

Niemand versteht die Sprache der Sentinelesen

Nun stellt der Fall Ermittler vor ein Dilemma: Sollen sie versuchen, die Leiche zu bergen? Wie sollen sie in dem Todesfall ermitteln, wenn sie sich den einzigen Zeugen nicht nähern dürfen – und ohnehin niemand deren Sprache versteht?

Es sei ein schwieriger Fall, sagt der Polizeichef der Inselgruppe, Dependra Pathak. Einerseits gebe es eine Anzeige wegen Mordes, der nachgegangen werden müsse. Andererseits gelte in Bezug auf die Ureinwohner die Vorgabe „Finger weg“.

John Chau kannte das Risiko seines Plans. Seine Mutter hat die letzten Briefe, die ihr Sohn schrieb, veröffentlicht. Darin heißt es unter anderem: „Ihr haltet mich vielleicht für verrückt, aber ich denke, das alles ist es wert, um diesen Leuten Jesus zu verkünden.“

Chau wusste um die Möglichkeit seines Todes

Schon vor dem offenbar tödlichen Zwischenfall hatte Chau versucht, auf die Insel zu kommen. In einem Brief berichtet er, er sei von bewaffneten Sentinelesen angeschrien worden. Er sei blitzschnell weggepaddelt, gebe aber nicht auf. Dann schreibt Chau: „Bitte seid weder ihnen noch Gott böse, falls ich getötet werde.“

Auch Chaus Familie hat inzwischen den Wunsch geäußert zu erfahren, was genau mit dem 27-Jährigen passiert ist. Selbst Gerüchte, Chau könnte doch noch leben, halten sich wacker.

Die Bergung sei laut Experten ein hohes Risiko

Die indische Polizei ist seit dem Vorfall vor knapp zwei Wochen zweimal mit der Küstenwache vor den Strand der Insel gefahren, habe aber nun vorerst die Suche nach Chaus Leiche eingestellt. Es ist fraglich, ob noch ein weiterer Versuch gestartet wird. Der örtliche Polizeichef Dependra Pathak erklärte: „Wir können dort nicht eindringen. Wir wollen ihnen nicht schaden.“

Eine Bergungsaktion wäre „unglaublich gefährlich“, für die Inselbewohner ebenso wie für die Besucher von außen, erklärte auch die britische Organisation Survival International, die sich für den Schutz indigener Völker einsetzt.

Stephen Corry, Leiter der Organisation, warnte dabei auch vor dem Risiko gefährlicher Viren und Krankheiten, die den Ureinwohnern bei einem Kontakt mit Außenstehenden drohten. „Wir sollten die Leiche nicht bergen“, sagte Corry. (mit dpa)