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Astronaut Kelly: „Der Weltraum riecht wie Wunderkerzen“

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Wie lebt es sich auf der ISS? Ziemlich übel, wenn man Scott Kelly fragt. Der Astronaut hat ein Buch über sein Jahr im All geschrieben.

München.  Der US-Astronaut Scott Kelly verbrachte 2015/16 fast ein ganzes Jahr auf der Raumstation ISS – er ist mit 520 Tagen im All der erfahrenste Astronaut der Nasa. Nur zehn Tage nach seiner letzten Landung kündigte er an, die Raumfahrtbehörde mit sofortiger Wirkung zu verlassen. Über sein Leben im All hat Kelly jetzt ein 480 Seiten starkes Buch geschrieben. „Endurance“ (Ausdauer) liest sich vielfach wie ein spannender Krimi. Dabei spart Kelly nicht mit Kritik.

Der heute 54-Jährige flog viermal ins All – zunächst für Reparaturen zum Weltraumteleskop Hubble, dann dreimal zur Internationalen Raumstation ISS. Wie aktuell der deutsche Astronaut Alexander Gerst war er dort zeitweise Kommandant. Auch Kellys sechs Minuten älterer eineiiger Zwillingsbruder Mark flog für die Nasa ins All. Die beiden waren 1996 das erste Zwillingspaar, das es beim Astronautencasting bis in die letzte Runde schaffte.

Zurück auf der Erde fühlt sich Kelly wie ein alter Mann

In seinem Buch geht Kelly auf seinen Werdegang zum Astronauten ein, das Miteinander von Raumfahrern, die Arbeit auf der ISS sowie auf Ereignisse aus seinem Privatleben. Auch Träume während seines letzten ISS-Aufenthalts beschreibt er – und die Qualen nach seiner Rückkehr: Fix und fertig sei er gewesen und habe sich wie ein alter Mann gefühlt, mit grausamen Schmerzen in den angeschwollenen Beinen, Übelkeit und brennender Haut.

Vielen Menschen sei nicht klar, mit welchen Kosten und Risiken ein Aufenthalt im All verbunden sei, ist Kelly überzeugt. Kelly liefert Unmengen an Informationen zum Betrieb der Raumstation ISS. Zu den maßgeschneiderten Sitzen der Sojus, die nach Gipsabgüssen der Körper gefertigt werden, erklärt er, dass dies nicht etwa der Bequemlichkeit diene – die für die Russen keine besondere Priorität habe – sondern der Sicherheit und der Einsparung von Raum. Es habe keinen Sinn, mehr Platz für Sitze zu verschwenden als unbedingt notwendig.

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Dauerlärm und Gestank

Er beschreibt, dass es schon beim Flug der Sojus zur ISS so laut ist, dass die Raumfahrer Mühe haben, ihre Stimmen zu hören – und es fortan für ihn und seinen ebenso lange ausharrenden russischen Kollegen Michail Kornijenko ein Jahr lang kein Leben ohne Lärm mehr geben wird. Auf der ISS seien das Geräusch der Ventilatoren und das Summen der Elektronik unentrinnbar. Auch auf den Geruch geht Kelly ein: Der Weltraum rieche nach verbranntem Metall – wie Wunderkerzen oder als ob etwas geschweißt werde.

Die ISS wiederum rieche vor allem nach den Ausgasen der Geräte, vergleichbar mit dem, was „wir auf der Erde als ,Neuwagengeruch‘ bezeichnen“. Hinzu komme der Körpergeruch und der des Abfalls, der zwar möglichst hermetisch isoliert, aber eben nur alle paar Monate entsorgt werde, wenn eine Versorgungsrakete ankomme und danach als Müllabfuhr dienen könne.

Kelly beschreibt, dass die Ankunft auf der ISS bei ihm gemischte Gefühle hervorgerufen habe: „Ich erschauere bei der Erkenntnis: Ich werde hier oben ein ganzes Jahr verbringen. Worauf habe ich mich da bloß eingelassen! Einen Augenblick lang kommt es mir vor, dass es sich um eine der dümmsten Sachen handelt, die ich jemals angestellt habe.“ Einzuschlafen gelingt ihm am ersten Abend nur mithilfe eines Schlafmittels. „Während ich unruhig in einen Dunstschleier hinübergleite, kommt mir in den Sinn, dass dies das erste von 340 Malen ist, dass ich hier oben Schlaf finden muss.“

Der Leser erfährt, dass das Team der ISS keineswegs ständig zusammenarbeitet, sondern die US-Astronauten den größten Teil ihrer Zeit im amerikanischen Segment verbringen und die Kosmonauten im russischen Teil.

Sehnsucht nach Regenwald-Geräuschen und Vogelrufen

Es wird deutlich, wie leicht in der ISS etwas abhandenkommt. Oft schicke das Kontrollzentrum E-Mail-Anfragen mit Bildern von abhandengekommenen Objekten, ähnlich den Fahndungsfotos des FBI. „Die Rekordzeit zwischen Verschwinden und Wiederauftauchen eines Objekts liegt bei acht Jahren.“

Ganz zentral sei auch die Sehnsucht nach irdischen Dingen: „Jemandem, der hier oben nicht gelebt hat, ist nur schwer zu erklären, wie sehr wir die Natur zu vermissen beginnen. In der Zukunft wird es einmal ein Wort für die besondere Art unseres nostalgischen Verlangens nach Lebendigem geben.“ Alle Raumfahrer hörten sich Aufnahmen aus der Natur an – etwa Regenwald-Töne, Vogelrufe, Windrauschen in den Bäumen.

Beschrieben wird von Kelly, wie ramponiert das Äußere der Station ist, auf die seit vielen Jahren Mikrometeoriten und winziger Weltraumschrott einprasseln. Dass es neben einem umfangreichen Medikamentensortiment auch Schwangerschaftstests und einen Leichensack an Bord gibt.

Wasser ist nicht selbstverständlich

Und dass die Toilette zu den Einrichtungsgegenständen gehört, denen ISS-Raumfahrer einen großen Teil ihrer Aufmerksamkeit widmen müssen. Großartig fand Kelly nach seinem Jahr im All, wieder Erdenluft zu schnuppern und in einen Pool springen zu können. „Ich werde Wasser nie wieder für eine Selbstverständlichkeit halten.“ (dpa)