Teilhabe

Alt und benachteiligt – Womit ältere Menschen kämpfen

Wolfgang Thielbörger ist enttäuscht, weil ihm das Ehrenamt als Schöffe verweigert wurde.

Wolfgang Thielbörger ist enttäuscht, weil ihm das Ehrenamt als Schöffe verweigert wurde.

Foto: Harald Wenzel/ Göttinger Tageblatt / Göttinger Tageblatt

Ehrenämter, Kredite und Mietverträge: Viele Senioren fühlen sich im Alltag diskriminiert. Ein 84-Jähriger begehrt dagegen jetzt auf.

Göttingen/Berlin.  Wolfgang Thielbörger ist ein älterer Herr von 84, aber fitter als viele 60-Jährige. Er betreibt Leichtathletik, er verfolgt das politische Geschehen in seiner Heimatstadt Göttingen, und er möchte sich einsetzen für die Gesellschaft. Aber genau das darf Thielbörger nicht: Denn seine Bewerbung als ehrenamtlicher Schöffe hat die Stadt abgelehnt, weil er zu alt sei. „Ich bin entsetzt. Justizminister dürfte ich werden, aber den Schöffendienst am Gericht traut man mir nicht mehr zu“, ärgert er sich. Es ist nicht das erste Mal, dass sich Thielbörger vorkommt wie ein Aussätziger. „Wegen meines Alters bin ich auch aus der Vertreterversammlung der Volksbank geflogen.“

Nun hat er genug. „Es muss Schluss sein mit der Diskriminierung der Alten. Wer sich gut fühlt, muss an der Gesellschaft teilhaben können.“ Er möchte einen Verein gründen, der sich gegen die Ungleichbehandlung Jüngerer und Älterer einsetzen soll.

Altersrassismus – gibt es das wirklich? Klar, es gibt Prominente wie das Model Isabella Rossellini (66) oder die Schauspielerein Thekla Carola Wied (74), die in letzter Zeit beklagten, in ihrem Alter würden sie kaum noch gebucht. Aber werden auch ganz normale Senioren schlecht behandelt?

Ältere Dame darf nicht in Raten zahlen

Sebastian Bickerich glaubt, Alte seien eine vernachlässigte Minderheit. Er arbeitet bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS) und sagt: „Für Ältere ist es schon schwer, einen Kredit zu bekommen. Da werden willkürlich Altersgrenzen gezogen.“ Tatsächlich fühlen sich viele Menschen benachteiligt. Einer Forsa-Studie im Auftrag der ADS zufolge ist jeder Fünfte in Deutschland schon wegen seines Alters benachteiligt worden. Da wird 70-Jährigen die private Krankenzusatzversicherung verwehrt, weil sie als Kostenfaktor gelten. Oder sie bekommen keinen Mietvertrag, weil sich der Wohnungseigentümer einen „langfristigen Mieter“ wünscht.

Mitunter ist es eine Hürde, überhaupt eine Kreditkarte ausgestellt zu bekommen. Kürzlich verklagte eine 84-Jährige den TV-Shoppingsender HSE24, weil sie ihren Einkauf – Schmuck für 2000 Euro – nicht wie jüngere Kunden in Raten bezahlen durfte. Immer wieder müssen sich Gerichte auch damit befassen, ob Fluggesellschaften ihre Piloten ab dem 60. Lebensjahr pauschal ausmustern dürfen.

Ex-Bürgermeister mischt sich ein

„Es ist widersinnig, fitte Alte gegen ihren Willen in die Rente zu entlassen“, sagt der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf (79), der seit Langem für die Belange von Senioren streitet. Es sei aufgrund der demografischen Entwicklung nicht mehr zeitgemäß, an Tarifverträgen festzuhalten, die ein automatisches Ende der Beschäftigung mit Erreichen einer bestimmten Altersgrenze vorsehen, argumentiert Scherf.

Mehr Rücksicht, weniger Altersgrenzen – Wolfgang Thielbörger aus Göttingen hat viele Ideen, wofür sich sein neuer Verein einsetzen könnte. Er ist nicht allein. „So viel Unterstützung“, sagt er, „habe ich in meinem Leben selten erlebt.“