Missbrauch

Spanier protestieren gegen Freilassung des „Rudels“

„Es reicht!“, skandieren die Frauen bei den Protesten immer wieder.

„Es reicht!“, skandieren die Frauen bei den Protesten immer wieder.

Foto: SUSANA VERA / REUTERS

In Spanien haben fünf Männer eine Frau vergewaltigt. Sie kommen nun gegen Kaution frei. Dagegen protestieren Zehntausende Spanier.

Pamplona.  Zwei Wochen vor Beginn des weltberühmten Stiertreibens im nordspanischen Pamplona wird die Stadt von einer großen Protestwelle überrollt. Aber nicht wegen des Stierspektakels, das jedes Jahr die Kritik der internationalen Tierschutzbewegung auf sich zieht, sondern wegen der Freilassung von fünf verurteilten Straftätern: Eine Gruppe junger Männer, die sich in sozialen Netzwerken den Namen „Rudel“ gaben, und die 2016 während des Stierfestes in Pamplona über eine 18-Jährige herfielen.

„Nein heißt Nein“, rufen Tausende Frauen auf Pamplonas Rathausplatz – dort, wo am 6. Juli wieder die traditionelle Stierfiesta eröffnet werden wird. Ihr „Nein“ gilt jenem frauenfeindlichen Macho-Verhalten, das immer noch Spaniens Gesellschaft prägt. Und es gilt jenen sexuellen Aggressionen, die in der Vergangenheit immer wieder zu schweren Übergriffen auf Pamplonas Stiervolksfest führten.

Fünf Männer vergewaltigen eine Frau

Die Frauen skandieren: „Es reicht!“ Ein Ruf, der sich in ganz Spanien ausbreitet. In Madrid, Barcelona, Valencia, Sevilla oder Palma de Mallorca: Überall gehen derzeit die Frauen (und auch viele Männer) wegen der Freilassung der „Rudel“-Vergewaltiger auf die Barrikaden.

Hinter der Tat des „Rudels“ verbirgt sich einer der schlimmsten Sexangriffe, an den man sich in Pamplona erinnern kann. Es geschah am frühen Morgen des 7. Juli 2016. Fünf junge Männer aus der südspanischen Stadt Sevilla, alle Mitte 20, vergewaltigen in einem Hausflur eine 18-jährige Festbesucherin aus Madrid. Einer von ihnen filmt die Tat mit seinem Handy. Später brüsten sie sich mit der Untat in ihrer WhatsApp-Gruppe. Das Land war geschockt, als herauskam, dass sich unter den Tätern auch ein Berufssoldat und ein Polizist in Ausbildung befanden.

Nur wenige Tage später wurden die fünf festgenommen. Im April 2018 verurteilte sie das Landgericht Pamplona zu jeweils neun Jahren Gefängnis. Aber nicht wegen Vergewaltigung, sondern wegen sexuellen Missbrauchs.

20 Jahre Haft gefordert

Die Begründung sorgte für Polemik: Die Richter sahen auf dem 90 Sekunden dauernden Beweisvideo keine Gewalt der Männer und keine körperliche oder verbale Gegenwehr des Opfers. Die Staatsanwältin hatte derweil keine Zweifel am Tatbestand der Vergewaltigung und hatte mehr als 20 Jahre Haft für jeden Täter gefordert.

Nach diesem Urteil kam es zu einer ersten landesweiten Demonstrationswelle. Feministische Organisationen sprachen von einer „patriarchalischen Justiz“, die auch in der Rechtsprechung durch männliche Vorurteile geprägt sei. Es sei empörend, dass dem Vergewaltigungsopfer angekreidet werde, die Tortur klaglos ertragen und sich nicht gewehrt zu haben.

Auch der Prozessverlauf sorgte für einen Skandal: Die Anwälte der Beschuldigten hatten mit Privatdetektiven das Leben der vergewaltigten Frau ausspioniert, um ihre Glaubwürdigkeit zu erschüttern. Und um die Verteidigungsbehauptung zu untermauern, dass sie aus freien Stücken Sex mit der Gruppe gesucht habe oder zumindest eine Mitschuld trage. Eine Einschätzung, die bei den Richtern offenbar durchaus auf Verständnis stieß. Deswegen liest man nun auf vielen Protestplakaten empörter Frauen den an das Opfer gerichteten Spruch: „Ich glaube dir!“

Neue feministische Regierung kritisiert das Urteil

Am Freitag geschah dann, was bei vielen Menschen in Spanien das Fass überlaufen ließ: Das Landgericht in Pamplona gab dem Antrag der Anwälte statt, das „Rudel“ aus der Haft zu entlassen. Sie dürfen zurück in die Freiheit, bis über eine Berufung, die sie gegen ihre Verurteilung einlegten, entschieden ist. Da die Gesichter der Vergewaltiger bekannt seien, bestehe weder Wiederholungs- noch Fluchtgefahr, befanden die Richter.

Bei Spaniens neuer feministischer Regierung, die aus elf Ministerinnen, sechs Ministern und dem Chef Pedro Sánchez besteht, kam diese Richterentscheidung nicht gut an. Regierungssprecherin Isabel Celaá zeigte sich persönlich entsetzt. Sie kündigte an, dass die neue sozialistische Regierung mit aller Kraft gegen Diskriminierung und sexuelle Gewalt in Spanien kämpfen werde.