Drogen

75 Jahre LSD – Wie ein Schweizer per Zufall den Rausch fand

Knallige Farben, wirre Formen: Albert Hofmann entdeckte die LSD-Wirkung per Zufall.

Foto: dieKleinert / mauritius images

Knallige Farben, wirre Formen: Albert Hofmann entdeckte die LSD-Wirkung per Zufall.

Ein Schweizer entdeckte die Wirkung der psychedelischen Droge LSD. Sie beeinflusste Medizin, Kunst und Kultur. Dann wurde sie verboten.

Berlin.  54 Minuten dauert das akustische und visuelle Dauerfeuer. Wir fliegen durch Labyrinthe, stürzen in Fahrstuhlschächte, sehen Monsterfratzen und verbogene Ornamente. Flower-Power-Blumen öffnen sich, um dann als Feuerbälle vor den Augen zu kreisen. Wer Youtube-Videos wie „Psychill Psychedelic“ sieht, erlebt ein Gefühlschaos – hin- und hergerissen zwischen Wunderland und Horrorshow. Psychedelische Filme gibt es haufenweise im Internet, mehr als drei Millionen Treffer zeigt eine Suchmaschine.

Psychedelisch heißt, dass das Bewusstsein in einen rauschartigen Zustand versetzt wird. Und das haben die frühere psychedelische Plakatkunst, die mit kunterbunten Bildnissen für Konzerte warb, und die heutige Kunstform im Cyberspace gemein – ihre Schöpfer rühmen sich damit, die Werke unter dem Einfluss bewusstseinsverändernder Drogen, sogenannter Psychedelika, geschaffen zu haben. So entstand der Begriff LSD-Kunst.

Zwischen Horrortrip und tiefem Glück

Der enorme Einfluss der Droge auf Kunst und Musik war nicht vorherzusehen, als Albert Hofmann die Wirkung von Lysergsäurediethylamid, kurz LSD , vor 75 Jahren entdeckte. Auf der Suche nach einem Mittel zur Kreislaufstabilisierung entschied sich der Schweizer Pharmakologe im April 1943, Diethylamid LSD-25 herzustellen. Doch währenddessen überkam ihn Unwohlsein. Er brach die Arbeit ab, fuhr heim.

Hofmann beschrieb die Ereignisse jenes Tages bei einem Symposium in Basel zu seinem 100. Geburtstag 2006 – zwei Jahre vor seinem Tod: „Ich hatte das Gefühl, es passiert etwas mit mir. Ich fuhr mit dem Velo (Rad) nach Hause, legte mich hin und hatte ein wunderbares Erlebnis. Was immer ich mir vorstellte, war bildhaft vor mir, tief beglückend. Es dauerte drei, vier Stunden, und dann verschwand es.“ Vermutlich hatte er über seine Fingerspitzen etwas von dem Stoff aufgenommen.

Einige Tage später nahm Hofmann bewusst LSD ein – aber eine viel zu große Dosis. „Ein Horrortrip“, sagte er später. „Ich dachte, jetzt hast Du eine große Erfindung gemacht, und jetzt musst Du gehen.“ Vertraute Möbelstücke hätten in seiner Wahrnehmung groteske Formen angenommen. Und die Nachbarin sei ihm wie „eine bösartige Hexe mit einer farbigen Fratze“ erschienen. Nach Stunden ließ die Wirkung nach.

Zur Behandlung von Alkoholikern

Hofmanns Arbeitgeber, das Pharmaunternehmen Sandoz in Basel, machte aus der Substanz bald ein Medikament, das zum Einsatz in der Psychotherapie auf den Markt kam. LSD habe etwa psychisch Kranke gelöst, die vorher blockiert waren, sagte Hofmann. Sie hätten dann behandelt werden können. Ärzte setzten LSD bei der Behandlung von Alkoholikern ein, als Stimmungsaufheller bei Schizophrenen oder bei schweren Traumata.

Heute sehen Mediziner das anders. „Als Medikament kann und soll LSD derzeit nicht eingesetzt werden“, sagt Kurosch Yazdi, Leiter der Klinik für Psychiatrie mit Schwerpunkt Suchtmedizin im Kepler Universitätsklinikum im österreichischen Linz. „Es gibt ein paar wenige Studien zu LSD-ähnlichen Substanzen wie etwa Psilocybin bei Angst und Depression im Rahmen von lebensbedrohlichen Erkrankungen. Aus wissenschaftlicher Sicht steht man hier allerdings am Anfang“, sagt Yazdi. „Es gibt bisher mehr Fragen als Antworten.“

1963 wurde der „LSD-Papst“ gefeuert

In den 60er-Jahren berauschte LSD dann die Popkultur der USA. Mit Marihuana und Haschisch wurde „Acid“ (Säure), wie LSD im Slang hieß, zum Synonym für die drogenbejahende Alltagskultur der Blumenkinder – und deren Vorbilder. Die Beatles sangen „Lucy in the Sky with Diamonds“, und reiht man die Anfangsbuchstaben der Hauptworte aneinander, erhält man LSD. Der amerikanische Psychologie-Professor Timothy Leary forderte die Freigabe der Psycho-Droge. Er sah psychedelische Drogen als Mittel zur „Neu-Programmierung“ des Gehirns. 1963 wurde der „LSD-Papst“ von der renommierten Harvard-Universität gefeuert.

Der LSD-Konsum hatte mittlerweile erschreckende Ausmaße angenommen. Wegen zu hoher Dosen erlebten Menschen immer öfter Horrortrips. Verbrechen wurden im LSD-Rausch verübt, Selbstmorde. Prominente experimentierten mit der Wunderdroge: Doors-Sänger Jim Morrison etwa, der Schauspieler Cary Grant und der französische Philosoph Michel Foucault. 1966 wurde LSD in den USA verboten. Deutschland stufte den Stoff 1971 als nicht verkehrsfähig ein.

Entdecker Hofmann schrieb ein Buch über „LSD – mein Sorgenkind“. Er war tieftraurig darüber, dass die psychedelische Erfahrung zum Hippie-Vergnügen verkommen war. Bis zuletzt war er überzeugt, dass die Substanz bei kontrollierter Einnahme eine positive Bewusstseinserweiterung bedeute. „Es hat mir offene Augen und innere Empfindlichkeit für das Wunder der Schöpfung gegeben, und dafür bin ich meinem Schicksal dankbar“, sagte er an seinem 100. Geburtstag.

„Es handelt sich um drogeninduzierte Psychosen“

„Es gibt keine ,bewusstseinserweiternden‘ Drogen“, entgegnet Kurosch Yazdi. Der Begriff mystifiziere. „Das biochemische Durcheinander, welches sie im Gehirn auslösen, erweitert das Bewusstsein nicht, sondern das Bewusstsein wird verändert, am ehesten im Sinne von Verwirrtheit. Letztlich handelt es sich dabei um drogeninduzierte Psychosen“, so Yazdi. Neben LSD wurden und werden häufig auch andere Halluzinogene für diesen Zweck verwendet: Psilocybin, Mescalin, Ketamin oder hochpotentes Marihuana.

In der Partyszene spielt LSD heute eine eher kleine Rolle. 2015 wurden laut Drogenbericht des Bundeskriminalamts bei LSD 286 Neukonsumenten festgestellt, bei Ecstasy mehr als 2700, bei den Amphetaminen 11.765. Aber das medizinische Interesse an den Möglichkeiten von LSD ist wieder gestiegen. Der Schweizer Psychiater Peter Gasser durfte 2007 mit einer Ausnahmegenehmigung erforschen, wie LSD Patienten mit Krebs oder anderen tödlichen Krankheiten helfen kann. Kleinere Studien befassen sich auch immer wieder damit, wie die Substanz in der Psychotherapie wirkt. LSD ist zudem als Medikament für sogenannte Cluster-Kopfschmerzen im Gespräch.

Nach Ansicht von Yazdi sollte LSD aus suchtmedizinischer Sicht gar nicht eingesetzt werden. „Als Droge kann es langanhaltende Psychosen auslösen, die nur schwer zu behandeln sind“, warnt er. „Der Einsatz für medizinische Zwecke scheitert bisher daran, dass es noch viel zu wenig Daten gibt, um die Wirkweise zu verstehen und zu wissen, ob es für alle Menschen mit bestimmten Diagnosen geeignet ist.“

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