Hollywood-Star

Grenzgänger, Killer, Psychopath – Christopher Walken wird 75

Foto: Getty Images / Getty Images Entertainment/Getty Images

Christopher Walken gehört zu den Meistern seines Fachs in Hollywood. Die Spezialität des Oscar-Preisträgers: zerrüttete Charaktere.

Essen.  Wenn Christopher Walken im Film lächelt, fröstelt einen. Die blasse Haut, die wässrig grünen Augen, die sein Gegenüber fixieren, der kaum merklich hin und her wippende Kopf, diese brettharte Sturmfrisur, als habe er einen ganzen Tag im Gegenwind verbracht, und dann dieses Lächeln, das selten Gutes verheißt.

Das Gesicht hat sich über die vergangenen 40 Jahre ins kollektive Filmgedächtnis eingebrannt, denn der Schauspieler aus New York hat so viele markante Figuren auf die Leinwand gezaubert, dass man ihn nicht vergisst. Christopher Walken, der fast 130 Spielfilme in seiner Hollywood-Karriere gedreht hat, wäre auch immer eine verlässliche Besetzung für den nächsten eigenen Albtraum. Heute wird er 75 – und wer weiß schon, dass seine familiären Wurzeln im Ruhrgebiet liegen?

Vater lehrte Christopher Walken eine Ruhrpott-Tugend

Vater Paul Wälken war einer von drei Gelsenkirchener Bäckerbrüdern. 1929 wanderte er nach New York aus, heiratete wenig später eine Schottin namens Rosalie und wurde sesshaft. „Mein Vater hat immer gesagt, tue alles, was du tust, mit Leidenschaft oder lass es ganz“, hat Walken einmal in einem Interview erzählt und hinzugefügt, das sei wohl eine typische Ruhrpott-Tugend. Und etwas anderes verriet er: Die streng nach hinten gekämmte Löwenfrisur, die später sein Markenzeichen wurde, verpasste ihm einst der Vater, als er in der Kindheit in der Backstube aushalf.

Kontakt nach Deutschland hat Walken nicht mehr, Dennis Wälken (42), Rosalies Großneffe aus Gelsenkirchen, besuchte die Familie in New York vor elf Jahren zum 100. Geburtstag seiner Großtante. „Wir waren in einem superschicken Restaurant, da war er natürlich umzingelt, und wir haben nicht viel miteinander geredet“, erinnert er sich, „aber natürlich kenne ich fast alle seine Filme, die ersten hab ich als Zehnjähriger gesehen, da war er unter anderem der Gegenspieler von James Bond.“

„Normale Typen zu spielen, fällt mir schwer“

Christopher Walken hat den Ratschlag seines Vaters ernst genommen. Er ist ein Meister seines Fachs geworden und immer dann besonders gut, wenn seine Rollen eine leise Gefahr verströmen, die jederzeit zur Katastrophe führen kann. Zerrüttete Charaktere an den Abgründen ihre Existenz, unberechenbare Grenzgänger, Killer, Psychopathen. „Es fällt mir schwer, normale Typen zu spielen“, räumt er ein. Walken bemüht dazu keinen mimischen Hokuspokus, er pflegt einen schauspielerischen Minimalismus, dessen Kraft sich aus seiner Präsenz speist: Wer wissen will, wie man ohne Aufwand Unheimlichkeit verströmt, der sollte bei Christopher Walken genau zusehen.

Dabei ist er mit einer Sensibilität in den Details ausgestattet, die man vor allem in seinem frühesten Erfolg, „Die durch die Hölle gehen“, bewundern kann. Als US-Soldat, der als Gefangener des Vietcong zum russischen Roulette gezwungen wird und sich davon auch als Heimkehrer nicht mehr erholen wird, spielte er 1978 auch den damals noch brillanten Robert De Niro an die Wand. Er gewann den Oscar. Die tragische Komponente hinter der Fassade verlieh vielen seiner Rollen eine spannende Doppelbödigkeit, Walken war nie einfach nur der platte Schurke aus der Schwarz-Weiß-Denkfabrik.

„Heaven’s Gate“ und „Pulp Fiction“

Seine tänzelnden Bewegungen zeugen von seiner zweiten Leidenschaft: Walken ist ein erstklassiger Tänzer. Mehrere Regisseure ließen dem schlanken Mann mit den langen Beinen extra Tanzszenen ins Drehbuch schreiben, bis es ihm selbst zu viel wurde. Schon als kleiner Junge steppte er in Varieté-Shows im Fernsehen. Als junger Bursche ergatterte er eine Broadway-Rolle, das Mädchen, das seine Freundin in einer Tour-Produktion der „West Side Story“ spielte, wurde seine Frau und ist es bis heute.

„Wenn ich nicht drehe, werde ich schnell unruhig“, räumt Christopher Walken ein, es ist die Schattenseite seiner Dauerbeschäftigung: Neben Meisterstücken wie „Pulp Fiction“, „King of New York“ oder „Heaven’s Gate“ mischte er in Produktionen mit, die sein Engagement nicht verdient hätten. Dabei ist es die Rastlosigkeit und nicht die Gier, die ihn treibt. Besitz habe ihn nie interessiert, sagt er, Bekleidung sammele er stets nach den Dreharbeiten ein, ums sie privat zu tragen. Manche seiner Filme wurden nicht einmal beendet, weil plötzlich kein Geld mehr da war.

Allerdings gelang es ihm immer wieder, selbst kleine Auftritte wie als Mafioso in „True Romance“ so nachhaltig zu veredeln, dass man sich an seine Nebenrolle eher erinnerte als an die Hauptdarsteller. Und Filmemacher wissen noch immer, was sie an ihm haben, wenn sie ihn für solche Momente verpflichten. Walken lächelt sein Lächeln, und wir frieren gerne dazu