Anschläge

Tote und Verletzte durch Paket-Bomben – Austin in Angst

Durch Paketbomben sind im amerikanischen Austin mehrere Menschen getötet oder verletzt worden.

Durch Paketbomben sind im amerikanischen Austin mehrere Menschen getötet oder verletzt worden.

Foto: SERGIO FLORES / REUTERS

Mehrere Anschläge mit Paketbomben haben in Austin bereits drei Menschen das Leben gekostet. Die Polizei geht von einem Serientäter aus.

Washington.  Das Phänomen des einsamen Fanatikers, der anderen aus sicherer Entfernung Angst macht und aus eben dieser Angst seine Allmachtsgefühle speist, ist in Amerika untrennbar mit dem Namen Ted Kaczynski verbunden. Zwischen 1978 und 1995 sendete der hochintelligente Mathematiker 16 Briefbomben an Universitäten und Fluglinien. Drei Menschen starben, 23 wurden schwer verletzt.

Kaczynski, der „Una“-Bomber, wurde erst enttarnt, als er seine Botschaft unters Volk bringen konnte. Die New York Times druckte auf acht Seiten sein krudes Manifest gegen Kapitalismus und Technologie-Gläubigkeit ab. Einem Leser kam die Sprache bekannt vor. Es war Kaczynskis eigener Bruder.

Polizeichef appelliert: „Sprich mit uns“

In der texanischen Hauptstadt Austin wartet Brian Manley seit dem 2. März sehnlichst darauf, dass sich der bisher unbekannte Täter, der hinter den heimtückischen Bomben-Attentaten der vergangenen Tage steht, ebenfalls offenbart. „Wir glauben, er will uns eine Botschaft senden“, sagte der Polizeichef der 930.000 Einwohner-Metropole und appellierte etwas hilflos ins Blaue hinein: „Sprich mit uns, wir wollen Dir zuhören und Dich verstehen.“

Die Zeit drängt. Vier Sprengsätze sind bereits explodiert, zwei Menschen gestorben und vier weitere schwer verletzt worden. Eine weitere Bombe, die in einem Paket installiert und für einen Adressaten in Austin bestimmt war, ist laut Polizei am frühen Dienstagmorgen in einem Verteil-Lager der Spedition FedEx in der Nähe von San Antonio hochgegangen.

Eine Stadt in Angst

Austin, das ist in diesen Tagen eine Stadt in Angst. Vor drei Wochen verlor der 39-jährige Anthony Stephan House sein Leben, als er in seiner Wohnung am Haverford Drive ein dort abgestelltes Paket öffnete, in dem ein Sprengsatz deponiert war. Zehn Tage später erwischte es den 17 Jahre alten Draylen Mason. Seine Mutter (41) überlebte das Attentat nur knapp, als ihr Sohn auf der Veranda am Oldfort Hill Drive ein Paket öffnete.

Am gleichen Tag wurde Esperanza Herrera, eine 75-jährige Rentnerin, an der Gallindo Straße schwer verletzt – ebenfalls beim Öffnen einer anonym abgestellten Postsendung. Weil die Opfer Afro-Amerikaner sind und im Fall der älteren Frau Latino-Wurzeln haben, schließt die Polizei rassistische Motive („hate crime“) nicht aus, tappt aber nach eigenen Worten völlig im Dunkeln. Weder gibt es Bekennerschreiben noch belastbare Spuren, die zum Täter führen.

Polizei rät zu erhöhter Wachsamkeit

Um der aufkeimenden Panik in der Bevölkerung der liberalen Enklave zwischen Dallas und Houston zu begegnen, in der während der ersten Anschläge das Technologie-Festival „South by Southwest“ (SXSW) zigtausende Besucher aus aller Welt anzog, riet die Polizei zu erhöhter Wachsamkeit. Pakete, die nicht eindeutig auf eine Lieferung der Post oder einschlägiger Dienste zurückgehen, sollten nicht geöffnet, potenziell verdächtige Gegenstände im öffentlichen Raum gemieden werden.

„Auf keinen Fall anfassen“, warnte Bürgermeister Steve Adler im Lokalfernsehen, „rufen Sie sofort die Polizei.“ Inzwischen sind dort über 1000 Anrufe eingegangen. In über 200 Fällen gab es Kontakte zwischen Behörden, die insgesamt 500 Polizisten auf der Straße haben, und potenziell Verdächtigen. Bisher alles ohne Erfolg.

Seit Sonntagabend stehen auch hinter dieser Herangehensweise Fragezeichen. In einem anderen Teil der beliebten Universitätsstadt schoben zwei junge Männer ihre Fahrräder nach Hause, als ein wahrscheinlich durch einen Stolperdraht ausgelöster Sprengsatz am Straßenrand detonierte. Die Opfer, Anfang 20, überlebten schwer verletzt. Ob ein Zusammenhang zu den vorherigen Anschlägen besteht, ist noch nicht zweifelsfrei erwiesen. Die Behörden gehen aber nicht davon aus, dass es ein Trittbrettfahrer war.

Polizei spricht von Serientäter

Wie Experten der Lokalzeitung „American Statesman“ sagten, sei es wahrscheinlicher, dass der Ursprungstäter die Fahnder wie in einem Psychokrimi an der Nase herumführen will – „indem er seine Technik ändert und den Ort.“ Polizeichef Brian Manley sprach deshalb erstmals offiziell von einem „Serientäter“.

Fred Burton, ein Terrorismus-Experte der örtlichen Sicherheitsfirma Stratfor, ergänzt: „ein ausgekochter Serientäter“. Seine Theorie: Nach den ersten drei Paketbomben habe der Unbekannte den Behörden jede Menge forensisches Material hinterlassen, das irgendwann Rückschlüsse auf ihn zulassen würde. Mit einem ganz anders konstruierten Sprengsatz wolle der „Austin-Bomber“ den Fahndern entgehen und weiter Angst und Schrecken in der Bevölkerung verbreiten.

Um dem Spuk ein Ende zu machen, hat Polizeichef Brian Manley die Belohnung für Hinweise, die zur Festnahme des oder der Täter führen, auf 115.000 Dollar erhöht. Seine Ankündigung wurde live im TV übertragen. Wenige Stunden später gingen die beiden Bomben hoch, die beinahe zwei Radfahrer getötet hätten. „Der Täter“, sagte ein Kriminologe im Sender MSBNC, „guckt eindeutig Fernsehen.“