Attentat

Erinnerung an Bombenanschlag quält noch immer BVB-Spieler

Der frühere BVB-Trainer Thomas Tuchel kommt als Zeuge im Landgericht in den Gerichtssaal.

Der frühere BVB-Trainer Thomas Tuchel kommt als Zeuge im Landgericht in den Gerichtssaal.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Der ehemalige BVB-Trainer Tuchel sieht durch den Bombenanschlag seine Karriere beeinträchtigt. Auch die Spieler haben danach gelitten.

Dortmund.  Sie haben keine Sekunde vergessen. Erinnern sich noch genau an die Explosion, die Schreie, die Angst und den Schrecken. Knapp ein Jahr nach dem Anschlag auf den Mannschaftsbus des Fußball-Bundesligisten Borussia Dortmund sagten gestern mehrere Spieler und der damalige Trainer Thomas Tuchel im Prozess gegen den mutmaßlichen Bombenleger Sergej W. aus.

Erstmals sprachen sie über Angstzustände, über die gravierenden Folgen des Bombenattentats vom April 2017, und ermöglichen eine genaue Rekonstruktion der Ereignisse. Viele Spieler leiden bis heute unter den Folgen der Tat. Und fast alle sind sich im Nachhinein einig: „Wir hätten nicht so schnell wieder Fußball spielen dürfen.“

Logenplatz für etwas, das man nie sehen will

Sven Bender hat am Tatabend einen Logenplatz für etwas, das er nie sehen wollte. Hinten sitzt er, als der Bus die Mannschaft vom BVB -Teamhotel zum Champions-League-Spiel gegen Monaco im Dortmunder Stadion bringen soll. Bender trägt keine Kopfhörer und starrt auch nicht auf sein Handy, wie es viele andere im Bus machen. „Ich fokussiere mich auf dem Weg ins Stadion immer, indem ich aus dem Fenster schaue“, sagt der 28-Jährige. An diesem Abend aber kommt er gar nicht bis ins Stadion.

Noch bevor der Bus von der Hotelzufahrt auf die Hauptstraße abbiegt, hört Bender einen lauten Knall, sieht „ein grelles Licht“ und dann „Teile der Hecke wegfliegen“. Die Wucht der Explosion drückt ihn nach links. Ein paar Spieler liegen auf dem Boden. „Man hat die Angst in den Gesichtern gesehen“, wird Marcel Schmelzer später aussagen. Und während Trainer Thomas Tuchel vorne im Bus im ersten Augenblick noch fürchtet, man habe jemanden überfahren, ahnt Bender, was passiert ist. „Jungs, hier ist gerade eine Bombe hochgegangen.“

Scheiben sind zersplittert oder drohen zu bersten. Physiotherapeutin Swantje Thomßen robbt durch den Gang, um dem am Arm verletzten Marc Bartra Erste Hilfe zu leisten. Zwischen den Sitzen herrscht Panik. Auch der Fahrer weiß nicht, was er machen soll. „Fahr den Scheiß-Bus weiter“, brüllt Bender. Außer Bartra wird zum Glück niemand im Bus verletzt. Zumindest nicht äußerlich. Aber die Bomben hinterlassen Spuren.

Spieler schrecken bei lauten Geräuschen auf

In den ersten Tagen habe er große Schwierigkeiten gehabt, einzuschlafen, berichtet Bender. Fast allen seiner Mannschaftskameraden geht es genauso. Beim kleinsten Lärm sei er zusammengezuckt, erinnert sich der derzeit an die TSG 1899 Hoffenheim ausgeliehene Felix Passlack. Marcel Schmelzer kennt das. „Bei plötzlichen lauten Geräuschen geht der Puls immer noch hoch“, räumt er ein. „Ich versuche, es wegzuschieben. Aber es gibt immer wieder Momente, in denen man denkt, was für ein Glück wir hatten.“ Und Ersatztorwart Roman Weidenfeller, in der Fußballszene nicht als besonders empfindlich bekannt, sagt, dass er seitdem „unheimlich schreckhaft“ sei und auf psychologische Hilfe zurückgegriffen habe. „Das war ein Anschlag auf das Leben. Das hat mein Leben verändert.“

Im Nachhinein findet es Sven Bender „unglücklich“, dass der BVB bereits am Tag nach dem 11. April 2017 das Champions-League-Spiel gegen AS Monaco nachholen musste. „Ich glaube, wir haben alle einen Fehler gemacht.“ Das glaubt Schmelzer mittlerweile auch: „Es wäre richtig gewesen, nicht zu spielen.“ Roman Weidenfeller nennt die schnell neu aufgelegte Partie „unverständlich“: „Wir sind doch keine Maschinen.“ Natürlich, sagt der inzwischen für Leverkusen spielende Sven Bender, habe sein Vereinswechsel im Sommer 2017 vor allem sportliche Gründe gehabt. Aber wie der BVB mit dem Anschlag umgegangen sei, habe Einfluss auf seine Entscheidung gehabt.

Tuchel gibt Anschlag Mitschuld an seinem Aus

Ihm sei der Anschlag bis heute nicht so nahegegangen wie vielen anderen, sagt der damalige Trainer Tuchel dann am Nachmittag. Er habe sich jedenfalls am nächsten Tag bereit gefühlt, das Spiel gegen Monaco zu coachen. „Aber der Zustand der Mannschaft war so, dass es keinen Sinn gemacht hat, zu spielen.“ Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke sah das anders. Tuchel spricht von einem „großen Dissens“ und einer „völlig anderen Herangehensweise“ Watzkes an das Problem. Und der Fußballlehrer hat dafür auch eine ganz simple Erklärung: „Ich saß im Bus, er nicht.“ Auf die Frage, ob er glaube, ohne den Anschlag heute noch Trainer des BVB zu sein, antwortet Tuchel: „Ja, davon würde ich ausgehen.“

Der Prozess wird fortgesetzt.