Ermittlungen

Erste Spuren nach Säure-Anschlag auf Innogy-Manager

Der Tatort: Auf diesem Parkweg in einem Villenviertel bei Düsseldorf übergossen zwei Männer den Manager mit Säure.

Der Tatort: Auf diesem Parkweg in einem Villenviertel bei Düsseldorf übergossen zwei Männer den Manager mit Säure.

Foto: Bernd Thissen / dpa

Nach der Säure-Attacke auf den Düsseldorfer Innogy-Manager Günther, prüft die Polizei den Zusammenhang mit einem früherem Überfall.

Haan/Essen.  Auf dem Heimweg vom Brötchenholen lauern sie ihm in einem Park auf. Am Sonntagmorgen greifen zwei Männer Bernhard Günther (51) von hinten an, werfen ihn zu Boden und gießen ihm Säure ins Gesicht. Die ätzende Flüssigkeit frisst sich durch die Haut des Mannes. Schwer verletzt schafft er es, sich in sein zwei Minuten entferntes Haus zu schleppen, von wo aus er den Notruf wählt. Günther ist einer von Deutschlands Top-Managern, Finanzchef der auf Ökostrom spezialisierten RWE-Tochter Innogy. Sein Gesundheitszustand sei „unverändert schlecht, aber stabil“, sagt ein Sprecher der Düsseldorfer Polizei auf Anfrage.

Nach der Attacke hat die von der Polizei eingesetzte Mordkommission eine erste Spur. Die Ermittler werten Spurenmaterial aus, das sie am Tatort fanden. Mehrere Medien berichten, dass die Täter einen Handschuh und einen Behälter zurückließen, was die Beamten „aus ermittlungstaktischen Gründen“ weder bestätigen noch dementieren. Sie sichten zudem alte Akten: Günther ist schon einmal Opfer einer schweren Straftat geworden, vor mehreren Jahren soll er beim Joggen überfallen und zusammengeschlagen worden sein.

Angreifer sollen zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen sein

Über die Täter machen die Ermittler nur wenige Angaben. Die Beschreibungen stammen vom Opfer selbst. Zunächst hieß es, Günther habe davon gesprochen, dass es sich um Männer mit südländischem Aussehen handele. Mittlerweile relativiert die Polizei diese Beschreibung. Nach seiner Einlieferung in eine Spezialklinik sei eine ausführliche Befragung nicht mehr möglich gewesen, erklärt die Polizei.

Die Angreifer sollen zwischen 20 und 30 Jahre alt gewesen sein, sie waren Montagabend noch auf der Flucht. Ihr Motiv ist bislang unklar. Es kursieren mehrere Varianten, warum die Männer Günther in seinem Villenviertel im Düsseldorfer Vorort Haan attackiert haben. Hängt der Anschlag mit den Protesten gegen den RWE-Braunkohletagebau in Nordrhein-Westfalen zusammen? Innogy und RWE erklärten gestern, sich nicht an Spekulationen zu beteiligen. Gegen die Theorie spricht, dass von den Braunkohlegegnern keine auch nur annähernd vergleichbaren Taten bekannt sind. Es fand sich auch kein Bekennerschreiben. Und während sich gewaltsame Kohlegegner in der Regel vermummen, waren die Täter von Haan unmaskiert.

Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen für Führungskräfte

Auch andere Mutmaßungen, etwa über eine Erpressung oder aber den Versuch, den Aktienkurs des im MDax notierten Energieunternehmens zu beeinflussen und damit Spekulationsgewinne zu erzielen, lassen sich bislang nicht erhärten. Eine versuchte „Marktmanipulation nach unten“ wie beim Anschlag auf den Mannschaftsbus von Borussia Dortmund wäre auch ins Leere gegangen – die Aktien aller führenden Energieunternehmen legten am Montag sogar zu.

Fest steht: Alle großen Energiekonzerne, von Eon über EnBW bis zu RWE und Innogy, verstärkten nach der Nachricht vom Anschlag umgehend die Sicherheitsmaßnahmen für ihre Führungskräfte. Konzernbosse sind in den letzten Jahren einige Male Opfer von Angriffen geworden, 2008 wurde ein Lanxess-Manager in Südafrika ermordet. RWE-Chef Rolf Martin Schmitz erklärte: Unsere Gedanken sind jetzt bei Bernhard und seiner Familie. Wir wünschen ihm eine baldige Genesung.“

Konzern benennt kommissarischen Nachfolger

Die Polizei prüft indes auch einen Zusammenhang mit dem Privatleben des Familienvaters. Die Ermittler glauben nicht, dass es sich bei Günther um ein Zufallsopfer handelt. Wenn der Anschlag tatsächlich ihm galt, haben die Täter ihn offenbar gezielt abgepasst und vorher seine Gewohnheiten ausspioniert. Säure-Attacken sind vor allem aus dem Bereich der Beziehungstaten bekannt. Häufig geht es den Tätern darum, ihr Opfer zu verstümmeln und zu demütigen. Diese Taten – früher vor allem in Asien verbreitet – nehmen in Europa seit einigen Jahren zu. 2016 wurden allein in London 454 derartige Überfälle gezählt. Schwefelsäure kann in großen Mengen mühelos in Online-Shops bestellt werden.

In der Essener Konzernzentrale von Innogy und RWE sitzt der Schock ob der Grausamkeit der Tat tief. Gleichwohl bemühte sich der börsennotierte Konzern gestern, seine Handlungsfähigkeit unter Beweis zu stellen. Seine Bilanzpressekonferenz will Innogy wie geplant am kommenden Montag abhalten. Günthers Aufgaben übernimmt kommissarisch dessen Vorstandskollege Hans Bünting. Man sei jedoch, heißt es, „tief erschüttert“.