Berlinale

Isabelle Huppert hält die „#MeToo“-Debatte für überfällig

Bei den Internationalen Filmfestspielen in Berlin stand am Samstagabend die Welturaufführung des französischen Streifens "Eva" auf dem Programm. Isabelle Huppert spielt in dem Film um eine Edelpr...

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Isabelle Huppert, Meisterin der Frauenfiguren, spielt in „Eva“ eine Edelprostituierte. Bei der Berlinale spricht sie über „#MeToo“.

Berlin.  Wer das perfekte Auftreten einer Diva lernen möchte, sollte Isabelle Huppert zusehen. Mit einem Tross von Mitarbeitern tritt sie bei der Berlinale wie eine Grande Dame aus dem Aufzug des Luxushotels. Es ist zehn Uhr morgens, sie trägt – bevor sie am Abend zum Glitzerjackett wechselt – einen grauen Kashmirpullover zur schwarzen Hose. Und eine Sonnenbrille, die sie beim Interview abnimmt. Als sie über ihren Film spricht, verliert sich die Strenge in ihrem Gesicht. Huppert (64), die Ikone des französischen Kinos und seit Paul Verhoevens „Elle“ – dem Drama einer vergewaltigten Frau – auch ein Gesicht Hollywoods, spielt in Benoit Jacquots Film die Edelprostituierte „Eva“. Es geht um moralische Abgründe in der Welt der Reichen und Schönen.

Madame Huppert, wie würden Sie die Rolle beschreiben?

Isabelle Huppert: Auf der einen Seite ist Eva komplex, auf der anderen Seite doch relativ simpel. Sie ist eine Frau, die sich gelegentlich prostituiert, aber verheiratet ist und die für Bertrand (gespielt von Gaspard Ulliel, Anm. d. Red.) wie eine Art Spiegel ist. Er ist fasziniert, er fühlt sich angezogen von ihr. Auch weil ihm die Dinge, die sie nonchalant macht, schwerfallen. Den Plot allerdings auf ,Gigolo trifft Prostituierte‘ zu komprimieren, wäre falsch. Im Grunde ist „Eva“ ein Film über Identitäten, der jedes Klischee hinter sich lässt.

Gab es einen Film, der Ihre Karriere beflügelt hat? Ein Film, durch den sich Ihr Leben verändert hat?

Huppert: Nein, für mich nicht. Es gibt aber sicherlich Filme, die die Wahrnehmung des Zuschauers von mir verändert haben. Michael Hanekes „Die Pianistin“ oder auch „Elle.“

Was denken Sie über die vielen Serien, die zur Zeit gedreht werden? Interessiert Sie das Format als Zuschauer und auch als Schauspielerin?

Huppert: Ich schaue eigentlich keine Serien, obwohl ich relativ spät einschlafe und nachts wach bin, was eigentlich eine gute Voraussetzung dafür wäre. Doch neulich habe ich dann doch „Big Little Lies“ entdeckt, die Serie mit Reese Witherspoon und Nicole Kidman. Ich fand sie absolut fantastisch.

Wäre das etwas für Sie?

Huppert: Oh, ich habe gerade eine abgedreht. „The Romanoffs“ mit Matthew Weiner, dem Regisseur von „Mad Men“. Sie ist acht Folgen lang und kommt in diesem Jahr heraus.

Die Berlinale steht sehr unter dem Zeichen der „#MeToo“-Debatte. Sie hatten zur Verleihung der Golden Globes wie alle Schauspielerinnen aus Solidarität mit der Bewegung ein schwarzes Kleid an. Was ist Ihr Beitrag zu dieser Debatte?

Huppert: Die Debatte um Frauenfeindlichkeit war überfällig und sie ist sehr nötig. Frauenfeindlichkeit ist überall. Es war Zeit, sich damit zu beschäftigen. Allerdings muss sie jetzt auch so weit gehen, dass wir über die Unterschiede, die zwischen Männern und Frauen gemacht werden, generell sprechen. Vor allem über die unterschiedlichen Gehälter. Dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer.

Haben Sie während Ihrer Karriere Frauenfeindlichkeit erlebt?

Huppert: Frauenfeindlichkeit habe ich immer gespürt. Und die geht nicht nur von Männern aus, sondern ist auch unter Frauen sehr verbreitet. Ich habe in meinem Leben genauso viele Anfeindungen von Frauen erfahren wie von Männern. Bei Frauen sind es die kleinen indirekten Dinge. Unterschwellige Angriffe, Gesten, Verhaltensweisen. Als Schauspielerin habe ich mich durch die Auswahl meiner Rollen dagegengestellt. Ich habe Filme gemacht, die von der Perspektive der Frau ausgehen oder sie einnehmen. Ich habe Frauenrollen gespielt, die nicht hinter der männlichen Hauptrolle verschwinden.

Was sagen Sie zu der Replik Ihrer Filmkollegin Catherine Deneuve zu „#MeToo“? In ihrem Gastbeitrag in der französischen Zeitung „Le Monde“ hatten Deneuve und mehr als 100 weitere Frauen einen neuen „Puritanismus“ durch die „#MeToo“-Debatte beklagt. Nach dem Motto, Flirten sollte bitte erlaubt bleiben.

Huppert: In dieser Debatte erfordert jeder Beitrag Mut und sollte respektiert werden. Weil die Vielfalt der Beiträge wichtig ist. Ich möchte mich deshalb nicht gerne auf eine Seite schlagen.