Geschichte

Wie Pakete zum Streitthema zwischen Ost und West wurden

Ein nach Dresden geschicktes Päckchen aus dem Jahr 1953.

Ein nach Dresden geschicktes Päckchen aus dem Jahr 1953.

Foto: N.N.

Zwischen Ost und West beschenkten sich die Menschen vor dem Fall der Mauer mit Millionen Paketen. Sie waren Teil des Systemwettstreits.

Berlin.  Sie sind millionenfach von West nach Ost und von Ost nach West geschickt worden: Päckchen und Pakete halfen den Menschen im geteilten Deutschland, in Kontakt zu bleiben. Doch ihr Inhalt wurde auch zum Politikum, zum Gradmesser für den Erfolg der Systeme und zum Ausdruck von Rollenmustern. „Nach der Wiedervereinigung entzündete sich am innerdeutschen Paketverkehr so mancher Streit“, weiß Kulturhistorikerin Konstanze Soch (29). Sie hat ein Buch zum Thema geschrieben, das im Juni erscheinen wird.

Frau Soch, wie viele Pakete wurden während der deutschen Teilung hin- und hergeschickt?

Konstanze Soch: Für den gesamten Zeitraum von 1949 bis 1989 kann man keine Anzahl nennen. Die Aktenlage ist nicht lückenlos. Zudem schwankt die Zahl je nach politischer Situation stark. Wichtig ist aber: Auch die Ostdeutschen haben viele Pakete in den Westen geschickt. Für die sechs Jahre von 1955 bis 1960 zum Beispiel halten sich die absoluten Zahlen mit 18,6 Millionen Sendungen aus der DDR und 19,8 Millionen aus der Bundesrepublik sogar fast die Waage.

Was haben die Ostdeutschen gen Westen geschickt?

Soch: Für sie wurde es mit den Jahren immer schwieriger, sich für die Westpakete zu revanchieren. Was schickt man einem, der im goldenen Westen wohnt, der angeblich alles hat? Vasen oder Bettwäsche durften die Menschen nicht mehr schicken, das war seit den 50er-Jahren verboten, weil die Regierung nicht wollte, dass Dinge gen Westen geschickt werden, die der Osten für Devisen selbst eingekauft hatte. Also haben sich viele Ostdeutsche Mühe gegeben, etwas Persönliches zu schicken. Sie haben Decken umhäkelt oder Taschentücher. Oder sie haben gebacken.

Und die Westdeutschen?

Soch: Die Pakete aus dem Westen haben sich anfangs an den Notwendigkeiten orientiert. Dabei ging es zunächst um Versorgung. Die erste Generation der Paketsender wusste, was Mangel bedeutet. Sie haben Krieg und Wiederaufbau erlebt und meist Standardpakete geschickt: Lebensmittel, Kaffee, Schokolade, Strumpfhosen. Schon deren Kinder, die mit der Teilung aufgewachsen sind, haben dann gern Markenprodukte geschickt, weil sie den Ostdeutschen eine Freude machen wollten. Für die nächste Generation, die Kinder der Kinder, war die Teilung dann Fakt. Sie hat oft Wünsche erfüllt und direkt gefragt, was sie Gutes tun kann.

Wie war das, als die Pakete bei den Menschen ankamen?

Soch: Auf Ostseite war das immer eine große Freude. Man hat sie meist im Kreise der Familie aufgemacht, auf Mutter, Vater oder Bruder gewartet, bis diese von der Arbeit oder aus der Schule nach Hause kamen. Manchmal ist man zum Auspacken extra in die gute Stube gegangen. Im Westen war die Freude geteilt. Viele Westler hatten ein schlechtes Gewissen. Die Menschen im Osten galten als bedürftig. Man wollte nicht, dass sie sich so viel Mühe machen oder Geld ausgeben. Gefreut haben sich vor allem die, die selber mal im Osten gelebt haben. Für sie war das selbst gebackene Honigkuchenpferd ein Stück Heimat.

Sie sagen, die Ost-West-Pakete seien auch ein Politikum gewesen.

Soch: Vor allem der Bundesrepublik war es wichtig, daran festzuhalten, dass die Deutschen zusammengehören. Deshalb wurde auch immer wieder dazu aufgerufen, den „Brüdern und Schwestern in der Zone“ zu helfen. Das wurde sogar vom Staat finanziell unterstützt, ohne dass groß darüber gesprochen wurde. Organisierte Massensendungen waren ja eigentlich verboten. Hilfsvereine bekamen trotzdem Geld für Paketaktionen. Und ab 1963 konnte man pro Jahr 30 D-Mark für Ostpakete von der Steuer absetzen. Man brauchte dafür nur die Paketkarte vom Postamt. Der Westen wollte unter dem Strich zeigen, dass die Versorgung in der Marktwirtschaft besser funktioniert.

Und im Osten?

Soch: Für den Osten war der Päckchen- und Paketverkehr zweischneidig. Zwar wurde vom Marktforschungsinstitut in Leipzig genau festgehalten, wie viele Tonnen Waren auf diesem Weg in die DDR kamen, weil sie für das System eine feste Wirtschaftsgröße waren und dabei halfen, Devisen zu sparen oder Versorgungsengpässe zu überbrücken. Andererseits wollte die Regierung den ideologischen Einfluss nicht zu groß werden lassen. Die Menschen sollten ja in der DDR bleiben und nicht dahin gehen, wo die schönen Produkte herkamen.

Wie wurde das gesteuert?

Soch: Seit 1954 gab es im Osten eine Geschenkpaketverordnung, die immer wieder aktualisiert wurde. An die musste sich auch der Westen halten. Da stand drin, was in welchen Mengen geschickt werden durfte. Die Einhaltung wurde von der Staatssicherheit und dem Zoll kontrolliert. Zunächst durchliefen die Pakete eine Anschriftenfahndung, dann wurden sie geröntgt, bei Bedarf geöffnet und wieder verpackt. Das war zu Hochzeiten des Paketverkehrs, etwa zu Weihnachten, natürlich ein riesiger Aufwand. Man muss aber sagen, dass auch der Westen massenhaft kontrolliert hat. Vor allem Literatur wurde auf geheime, verschlüsselte Botschaften untersucht, um Spione zu enttarnen. Dafür waren der Bundesnachrichtendienst und der militärische Abschirmdienst zuständig. Das wurde aber nicht publik gemacht, es hätte nicht ins Bild gepasst.

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Was sagt der Paketverkehr über das Selbstverständnis in Ost und West?

Soch: Die Rollen von Gebenden und Nehmenden haben sich verfestigt. Und damit waren nicht alle einverstanden. Die Ostdeutschen dachten manchmal: Was denkt sich der Westen eigentlich, kaputte Schulranzen oder Mehl zu schicken – so schlecht geht es uns auch nicht. Im Westen wiederum waren manche Menschen irritiert, dass sich die Ostdeutschen konkrete Markenprodukte wünschten. Sie dachten: Glauben die eigentlich, wir wohnen hier im Schlaraffenland?

Und nach der Wiedervereinigung?

Soch: In manchen Familien kam es zu einer Art Aufrechnungssituation. Der Wert von Personen wurde mit dem finanziellen Wert der Pakete bemessen. Im Westen dachten viele, der Osten habe sich nie richtig bedankt. Und manch Ostdeutscher war pikiert, dass der Kaffee aus den Paketen vom Discounter kam. Die Menschen fühlten sich deklassiert. Dass sie sich während der Zeit der Teilung über die Pakete gefreut hatten, trat in den Hintergrund.

Wie hätte man das verhindern können?

Soch: Kontakt halten, miteinander sprechen, Rollenmuster aushandeln, aufbrechen und diese überwinden. Man kann nicht abstreiten, dass das schon unter normalen Umständen schwierig ist, in der Sondersituation, dass Ost- und Westdeutsche anders sozialisiert waren, haben viele das nicht geschafft.

Was ist für Sie die wichtigste Erkenntnis Ihrer Forschung?

Soch: Die Pakete erzählen eine Beziehungsgeschichte, sie sind eine Sonde für die Befindlichkeiten in Ost und West. Und sie haben es geschafft, ein Loch in die Mauer zu reißen. Die mit ihnen verschickten Produkte waren handhabbar, mit ihnen konnte man teilnehmen am Leben der anderen. Plötzlich standen Teile von West und Ost in der Wohnstube.