Armut

Kein Geld für Glühwein: Dieses Geständnis trifft einen Nerv

Ein Weihnachtsmarkt in Leipzig.

Ein Weihnachtsmarkt in Leipzig.

Foto: Sebastian Willnow / dpa

Die etwas andere Weihnachtsgeschichte: Eine Berlinerin bewegt Menschen mit dem Geständnis, dass sie sich keinen Glühwein leisten kann.

Berlin.  Ein Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt ist nicht drin? @MelissaPopissa, wie sich die 30-Jährige aus Berlin nennt, hat das ohne viel nachzudenken getwittert – und so manchen völlig unvermittelt mit Armut konfrontiert. Danach erlebte sie ebenso rührende Hilfsangebote wie kalte Verachtung.

Hier erzählt sie die Geschichte hinter ihrem Tweet – und wie schlecht viele Menschen damit umgehen können, wenn jemand offen gesteht, arm zu sein. Nicht so arm, dass sie hungern muss – aber so arm, dass es in der Weihnachtszeit besonders weh tut.

Das berichtet @MelissaPopissa:

„Mir geht’s heute nicht so gut“ habe ich früher als Ausrede benutzt, wenn Freunde mich mitnehmen wollten auf den Weihnachtsmarkt. Heute allerdings bin ich ehrlich und sage „Sorry, ich habe kein Geld dafür“. Glühwein ist unerschwinglich für mich.

Vor ein paar Tagen hat es mir gereicht. Ich schrieb den Tweet: „Wer noch nie Mitte des Monats überlegt hat, ob er sich nun ein Brot kauft oder nicht, weil das Geld knapp ist, versteht eben nicht, wie beschämend es ist zu sagen, man kann nicht mit auf den Weihnachtsmarkt, weil ein verkackter Glühwein zu teuer ist.“

Ich bin ein emotionaler Mensch und habe gelernt zu sagen, wenn etwas nicht stimmt. Ich ahnte da noch nicht, dass der Tweet den Nerv von Tausenden treffen würde.

Ausgegrenzt als Mensch am Existenzminimum

Für mich zeigt das auch, dass etwas mit dem System nicht stimmt. Weihnachtsmärkte verlangen teilweise Eintritt. Zutritt wird also nur denen gewährt, die es sich leisten können. Man wird ausgegrenzt als Mensch am Existenzminimum.

Es ist noch immer beschämend zu sagen, ich kann nicht mitgehen mit Freunden, weil ich eben nicht diese Summe aufbringen kann. Und es ist auch beschämend, dann eine Einladung anzunehmen, ohne gleich in Tränen auszubrechen. Es ist peinlich zuzugeben, dass man kein Geld hat und sich diesen kleinen Luxus nicht gönnen kann.

Nach meinem Tweet haben mir fremde Menschen Essenspakete schicken wollen oder auch etwas Geld. Ich habe auch Einladungen auf einen Glühwein bekommen, allerdings war das zu weit weg. Manche haben nicht verstanden, dass ich alles habe, was ich brauche, ich habe zu essen. Ich kann mir nur keinen Glühwein kaufen.

Man kann mich einladen, keine Frage, aber ich will nicht, dass man es aus Mitleid tut. Meine Freunde wissen das, und sie lassen mich spüren, dass sie mich gerne dabei hätten. Man kann einfach sagen: „Ein Weihnachtsmarktbesuch ohne dich wäre nicht so schön, ich lade dich ein!“. Ich revanchiere mich oft mit selbstgebackenen Plätzchen.

Es geht vielen wie mir

Ich bin aber sehr froh zu wissen, dass es viele dieser Menschen gibt, die ohne Zögern völlig Fremden helfen wollen. Du fühlst dich plötzlich nicht mehr so alleine, und es zeigt auch, dass man sich nicht schämen muss, kaum Geld zu haben. Es geht vielen wie mir. 13,5 Millionen Menschen leben an der Armutsgrenze.

Bei mir hat sich eine alleinerziehende Mutter gemeldet, die ihre Kinder immer vertrösten muss, dass sie nicht auf den Weihnachtsmarkt können, weil es einfach zu teuer sei. Das berührt mich sehr. Wie traurig, dass auch die Kleinsten unter den hohen Preisen leiden müssen. Und wie sollen die verstehen, wieso ihre Freunde Karussell fahren können, sie aber nicht?

Mutter hat Kochen ohne Fertigzeug gelehrt

Und dann gibt es Menschen, die mir schreiben, ich sei zu gut und zu hübsch gekleidet, um arm zu sein. „Wer sich optisch noch so rausputzen kann, dem geht es nicht schlecht.” Laut solchen Internet-Idioten muss ich hässlich sein und darf mich weder schminken noch gut kleiden?

Kleider machen Leute, das ist Fakt. Ich kaufe gerne Sachen ein, wie jede Frau. Allerdings shoppe ich im Sale und trage dann eben einen Wintermantel aus der letzten Saison, was auch gar nicht auffällt. Meinem Geldbeutel allerdings schon.

Ich könnte öfter heulen, wenn ich im Supermarkt mit dem Taschenrechner stehe und überlege, ob ich mir jetzt das Gemüse leisten kann oder nicht. Meistens leiste ich es mir, dafür lasse ich dann die Schokolade weg. Ich bin meiner Mutter sehr dankbar, dass sie mir das Kochen ohne Fertigzeug und Tüte beigebracht hat. Zutaten sind oft günstig, und ich kann mehrere Tage davon essen.

Vollzeit Arbeiten mit Hartz IV

Dann soll ich mir eben einen weiteren Job suchen, hieß es in Kommentaren. Das schreiben Leute schnell dahin, ohne irgendetwas über die Betroffenen und deren Situation zu wissen. Ich studiere an einer Hochschule im Zuge meiner Ausbildung zur Kauffrau für Büromanagement einige Semester und mache kommendes Jahr meinen Abschluss. Das Ganze wird vom Jobcenter finanziert. Ich bekomme somit nur den ALG-II Satz, obwohl ich Vollzeit arbeite und studiere. Da bleibt kein Platz für einen weiteren Job.

Kurz vor Weihnachten werde ich 31. Es ist immer schwierig, ohne viel Geld zu feiern oder eine Party zu schmeißen, da es genau Mitte des Monats und das Geld knapp ist. In den vergangen Jahren habe mich immer mit Freunden auf dem Weihnachtsmarkt getroffen, um zusammen zu feiern. Ich wurde eingeladen und habe dann doch immer noch etwas Weihnachtsmarkt-Feeling bekommen.

Dieses Jahr allerdings hat der Buchladen, in dem ich arbeite und mein Praktikum im Rahmen der Ausbildung absolviere, die Weihnachtsfeier genau auf meinen Geburtstag gelegt, damit ich ihn mit anderen feiern kann.

Lichtermeer statt Flimmerkiste

Natürlich kann man sich es auch zu Hause bequem machen mit Glühwein aus dem Supermarkt. Aber sind wir mal ehrlich: Es geht doch um das Ganze, das Ambiente. Es ist doch viel schöner, zwischen all den bunten Lichtern, dem Duft von Bratapfel und gebrannten Mandeln zu stehen, als daheim vor dem Fernseher zu hocken.

Nächstes Jahr werde ich voll ins Berufsleben einsteigen können, ich werde mir dann leichter etwas gönnen können. Aber ich habe gelernt, wie es ist, wenn man sorgsam mit Geld umgehen muss und werde das nicht vergessen. Alle Welt pocht immer auf ein Miteinander, aber für manche Menschen lassen die hohen Preise das fast nicht zu.