Pickup-Artists

Reporter war dabei: Das erzählt ein Aufreißer-Trainer

Warten auf den Einlass in den Konferenzraum: 150 Männer und eine Frau lauschten in Berlin den Tipps der Anbagger-Schule.

Warten auf den Einlass in den Konferenzraum: 150 Männer und eine Frau lauschten in Berlin den Tipps der Anbagger-Schule.

Foto: Lars Wienand

Unser Reporter saß inkognito beim Anbagger-Vortrag einer umstrittenen Firma: Aufreißer-Kurs in den Zeiten von #MeToo – wie passt das?

Berlin.  Mist, der Ehering! Macht man sich damit verdächtig im Kreis von rund 150 Männern, die in dem fensterlosen Konferenzraum von einem Pickup-Artist mehr über erfolgreiches Anbaggern lernen wollen? Ich bin schlecht im Lügen, und der Mann da vorne ist Weltspitze darin, in seinen Mitmenschen zu lesen.

Der Mann ist der Kanadier Madison und er ist einer der bekanntesten Aufreißer-Trainer der Welt. Dating ist reine Wissenschaft, sagt er, und das hier ist seine Vorlesung und seine Werbeshow für Trainings mit ihm. Ich sitze inkognito als Journalist in Reihe vier nahe am Mittelgang, um zu erleben, wie berechtigt die riesige Empörung über Madisons Branche 2014 war.

„Du kannst mit Frauen fast alles machen, so lange sie lachen“

Der Ehering ist nicht das einzige Problem: Madison hat schon Zuhörer angesprochen, wenn die sich Ratschläge von ihm notiert haben. Ich sitze in der vierten Reihe nahe am Mittelgang und schreibe möglichst verstohlen mit, wenn er seine Meinung kundtut über Feminismus, über Harvey Weinstein und über Grenzen. „Du kannst mit den Frauen fast alles machen, so lange sie lachen“, wird er nachher zu einem Video über Anbaggern in freier Wildbahn sagen.

Madison ist von der Firma Real Social Dynamics, gegen die vor drei Jahren in vielen Ländern Petitionen gestartet wurden: Der Appell „Keine Vergewaltigungs-Promo in Deutschland“, bei der Plattform Avaaz bekommt immer noch täglich Unterschriften. In Berlin wurde gegen ein geplantes Seminar demonstriert, in Frankfurt beschloss der Magistrat, keine Räume dafür zu vermieten und auf die Hotels einzuwirken. Die „Grüne Jugend“ forderte, ein Verbot zu prüfen.

Madisons damaliger Kollege Julian Blanc hatte Späße gemacht über sexuellen Missbrauch, hatte in einem Lehr-Video die Köpfe von Frauen in seinen Schoß gedrückt und einen Würgegriff propagiert. Missglückte PR und seine Art Humor, behauptete der nun als „Rape-Coach“ bekannte Schweizer. Er sei nicht so, bat er unter dem Druck weltweiter Empörung auf CNN um Entschuldigung.

Geheimhaltung im Vorfeld um Details zum Termin

Nun ist #MeToo großes Thema in allen Medien, Frauen sprechen offen über sexuelle Belästigung – und Madison erzählt auf Europatour, wie Frauen zu manipulieren sind. Als ich die letzten Stufen aus der U-Bahn-Station vor dem Veranstaltungsort in Berlin nehme, halte ich Ausschau nach Demonstranten. 2014 wurde der Besuch solcher Veranstaltungen zum Spießrutenlauf.

Der Veranstalter hat sich darauf eingestellt. Die SMS mit dem genauen Ort war erst zwei Tage vorher gekommen. Keinesfalls im Hotel oder in der Nachbarschaft Frauen anflirten, wird in der Vorab-Info gemahnt. Und nirgendwo nach RSD fragen, nur nach dem Raum. Aber an dem Hotel ist diesmal niemand, der Ankommende zur Rede stellen will.

Um 18 Uhr sollte die Registrierung beginnen („Ausweis mitbringen“), um kurz nach 19 Uhr stehe ich immer noch dicht gedrängt im Gang und sehe mein erstes Vorurteil widerlegt. Das liegt an Stefan, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin. „Etwas komisch, dass die das bei der Debatte aktuell durchziehen", sagt er. Stefan wird sich als reflektiert, eloquent und kritikfähig herausstellen und sieht hier nicht alles nur positiv.

Im Publikum: Besucher mit Hemmschwelle

Die aktuelle Debatte in der Öffentlichkeit hat ihn dazu gebracht, mal an seinem Arbeitsplatz im Marketing eines Unternehmens bei den Kolleginnen nachzufragen: Ob die derben Sprüche überhaupt okay sind, die dort oft fallen. „Ich habe mir darum nie Gedanken gemacht. Aber wenn man aktuell so manche Reaktion mitbekommt, dann wird man unsicher …„ Schon okay, haben die Kolleginnen gesagt, und Stefan war erleichtert.

Redet so jemand, der Frauen mit fiesen Tricks aufs Kreuz legen will? Öfter mal eine kennenlernen wäre ja schon was. „Theoretisch weiß ich genau, wie man am besten vorgeht", sagt er. Er verfolgt dazu die Videos von RSD schon länger, er war auch schon bei einem Workshop eines anderen Anbieters. „Ich bekomme eben nur den ersten Schritt nicht hin, ich bin dann blockiert.“ So wie ihm ergehe es hier vielen, sagt er.

Mehrere große Facebook-Gruppen in Deutschland

Er ist in der geschlossenen Berliner Facebook-Gruppe von RSD-Anhängern mit 2000 Mitgliedern. Wer in die Gruppe will, kann nach der Veranstaltung einen Chris ansprechen. Facebook-Gruppen gibt es auch im Ruhrgebiet und in Köln, in Hamburg und in Bayern. Und Madison soll im Februar auch nach Frankfurt und im März nach Köln kommen, die Europatour geht noch Monate.

Madison zielt wahrscheinlich auf Leute wie Stefan, wenn er seinen Blick durch die Reihen schweifen lässt und sagt: „Weggehen ist scheiße. Ihr hasst es, wenn Ihr ehrlich seid. Man verlässt seine Komfortzone, man fühlt sich unter Druck." Passendes dazu hat Madisons niederländischer Assistent im Vorprogramm über sich erzählt: Beruflich erfolgreich sei er ja gewesen, aber fünf traurige Jahre lang habe er an Theken zu viele Biere und keine Frauen kennengelernt. Geändert hat sich das mit der Hilfe von Real Social Dynamics, natürlich …

Videogucken mit Erläuterungen für 270 Euro

Dieser Abend ist kostenlos, er dient der Akquise für die Bezahl-Angebote von Real Social Dynamics. Wer 270 Euro bezahlt, darf am Samstag, dem Tag gegen Gewalt an Frauen, viele Stunden lang der Analyse versteckt gedrehter Videos folgen, auf denen angeleitetes Anbagger-Training in freier Wildbahn zu sehen ist.

Für 2000 Dollar ist man selbst einer, der im Bootcamp beim begleiteten Pirschen vor der Kamera agiert und Anschauungsobjekt werden könnte. Dem stimmt man ebenso wie der Klausel zu, danach vier Jahre lang für keine Firma zu arbeiten, die beim Daten coacht. Das Berliner Bootcamp ist ausgebucht, aber Plätze beim Hotseat genannten Lernkreis mit alten Videos bewirbt Madison noch. „270 Euro für jemanden zu viel vor Weihnachten?„ Es gehen tatsächlich einige Arme zögerlich hoch. Der Instructor bietet Ratenzahlung und bittet dafür um Applaus.

Im Publikum saß auch eine Frau

Eine halbe Stunde zuvor ist der Jubel euphorischer: Madison stellt sich mit dem Rücken zum Publikum, hält das Smartphone hoch. Das Gejauchze auf Kommando ist ohrenbetäubend. Der Kanadier beansprucht den Beifallssturm aber nicht für sich alleine: „My penis is your penis!“

Ich merke jetzt, dass in der dritten Reihe links nicht mehr die Frau sitzt, über die wohl alle mal getuschelt haben. Ich kann mir nicht mehr erzählen lassen, warum sie hier war, ob die Veranstalter ihr Probleme gemacht haben und wie sie sich hier gefühlt hat. Frauen wollen gar nicht besser werden im „Game", sagt Madison.

„Game“ ist das, worum es hier geht, das Buch „The Game“ lieferte den Anstoß für die Pickup-Artist-Szene, auf deutsch heißt es „Die perfekte Masche“. Frauen hätten gar keine Motivation, an ihrer Masche zu arbeiten. „Sie sagen das, aber es ist genetisch gar nicht so angelegt. Sie müssen doch nur ein trauriges Gesicht aufsetzen und es kommt ein Typ und bringt ihnen ein Getränk." Einige lachen, ein paar nicken.

Coach: „Ihr seid nicht wegen der Frauen hier“

Madison erzählt von einer Frau, die ein Seminar mitgemacht und danach gestöhnt habe: Nie habe sie gedacht, wie schwer es ist, ein Typ zu sein. Aber unser Instructor ist ja da, um zu helfen. „Ich habe alles getestet, und Dating ist reine Wissenschaft."

Aber er überrascht: „Ihr seid nicht wegen der Frauen hier",sagt er. Er lässt Sekunden verstreichen, ehe er weiter spricht. Eigentlich seien alle hier, um sich dauerhaft besser zu fühlen, um andere Menschen zu werden. Dafür müssen die Hirne defragmentiert werden, sagt er.

Gerhinwäsche als Heilsversprechen

„Ich gehe in eure Köpfe und werfe den Mist raus. Ihr glaubt dann nicht mehr an den eigenen Mist." Er lasse nichts unberührt. Einen Moment später lacht jemand – „nichts unberührt“. Andere fallen ins Gelächter ein. Die Assoziation war ungeplant von Madison. Der Begriff Brainwashing fällt hier, und das scheint hier etwas Gutes zu sein, um so zu mehr Selbstbewusstsein und Charisma zu kommen. „Wenn sie glaubt, dass du ihre Probleme nicht lösen kannst, will sie dein Sperma nicht",sagt Madison. Steinzeitregel, weiter gültig?

Unser Referent selbst will 500 Bücher zur Persönlichkeitsentwicklung gelesen haben. Man nimmt ihm das ab. Vieles von dem, was er hier erzählt, könnte auch in Workshops zu Neuro-Linguistischem Programmieren oder auf Managerseminaren von anderen smarten Erfolgsmenschen vorgebetet werden.

Besser werden mit weniger Facebook

Madison spricht von „deep work", von totaler Fokussierung auf Aufgaben. Er empfiehlt etwa eine Browser-Erweiterung die Facebook stumm schaltet. „Zu viel Ablenkung." Zwei Nachfragen kommen, wie sie heißt. Newsfeed Eradicator. Ich bin endlich wieder nicht der einzige, der notiert.

Der Coach empfiehlt gelegentliches Aufstehen um 4 Uhr, um völlig ungestört an einem persönlichen Projekt zu arbeiten. „Und wann habt Ihr Euch zuletzt intensiv mit einem Buch befasst? Gelesen?„ Das alles sei dann auch ein gutes Training für das Outer Game, für das Verführen. „Die Frau kann das Maß an deep work spüren, das du für sie aufbringst." Sie mit allen Sinnen wahrnehmen, sich voll auf sie konzentrieren, ihr das Gefühl geben, immer zu wissen, was sie will – eigentlich keine schlechte Lektion. Notiz an mich selbst: Die beste aller Frauen hat davon auch mehr verdient.

Auch Frauen Profiteure vom Männer-Coaching?

Das ist auch das Credo der Pickup-Szene: Alle sind Gewinner, die Frauenwelt bekommt bessere Männer. Und es finden sich im Netz zuhauf Berichte von Teilnehmern, die sich so äußern. RSD habe ihr Leben in vielerlei Weise verändert, oft ist auch zu lesen von glücklichen Beziehungen mit einer tollen Frau. Auf Instagram hat er vor ein paar Wochen einen Dank eines Teilnehmers veröffentlicht.

Doch von der Menschenfreundlichkeit bleibt ein paar schöne Sätze später nicht so viel übrig, wenn Madison Kontakte als Gelegenheit zum Feilen an der eigenen Persönlichkeit reduziert: „Du machst einen Fehler, wenn du irgendeine Frau als eine Verschwendung menschlichen Lebens abtust“ – Gelächter im Publikum. „Wenn du dich auf sie einlässt, macht es dich zu einer besseren Persönlichkeit.“ Menschen, reduziert auf Trainingsobjekte. Aber noch weit entfernt von dem Auftritt eines Julian Blanc. Der fotografierte sich im T-Shirt „Diss fatties, bang hotties“.

Gutes in Feminismus – und Katholizismus

Feminismus liebe er eigentlich, sagt Madison – so wie er mal entstanden sei. Er führt das nicht näher aus. Der Feminismus, der ihm heute begegne, das sei ein Lose-Lose-Situation, alle seien Verlierer. Der RSD-Mann findet gewagte Vergleiche: Feminismus sei wie Katholizismus: „Nimmt man ein paar Bausteine davon, kommt eine gute Sache heraus.“ Immer schwerer werde es aber für Männer.

Der Coach kommt an bei einem heiklen Thema. In der Öffentlichkeit werde ja inzwischen fast der Eindruck erweckt, jeder Mann mit Einfluss sei ein Sexualstraftäter, beklagt sich Madison. Weinstein nennt er, Bill Cosby, Louis C.K., Donald Trump und Kevin Spacey – „ach nee, der ist ja schwul, da ist das ja okay“. Im Saal lachen manche an der Stelle, andere überlegen vielleicht kurz, ob das jetzt homophob ist.

Erklärungsversuche zum „lustigen Papa“ Bill Cosby

Der Pickup-Artist lässt offen, ob er die Prominenten für schuldig hält. Überall gelte man aber bis zum Beweis des Gegenteils als unschuldig. „Nur bei sexuellen Vorwürfen, da bist du schuldig, bis das Gegenteil erwiesen ist.“ Viele nicken. In der Reihe vor mir flüstert jemandem seinem Nachbarn „Kachelmann!“ zu, einer meldet sich, um von einer befreundeten Anwältin zu erzählen, die es wöchentlich mit Falschbeschuldigungen von Ex-Partnerinnen zu tun habe.

Bill Cosby wird in der Runde zur tragischen Figur: „Stelle dir vor, alle lieben dich, aber keiner will Liebe mit dir machen, weil du immer für alle der lustige Papa bist“, beschreibt Madison den Komiker, dem Dutzende Frauen Missbrauch vorwerfen. Wer nach oben komme und damit an sexueller Anziehungskraft gewinne, müsse auch etwas tun: „Sie steigen auf, aber sie arbeiten nicht an ihrem Game.“

Das sei so wichtig, sagt er, er wolle nicht, dass im Publikum jemand so etwas werde, so ein powerful pervert, ein Perverser mit Macht. Missbrauchsprävention, präsentiert vom Verführungskünstler?

Zum Abschluss Jagdbeobachtung im Video

Es ist inzwischen schon weit nach 22 Uhr, dem eigentlich angesetzten Ende. Madison macht länger, und er macht es auch spannend, bis er zum vermeintlichen Höhepunkt kommt. Was gleich zu sehen sein wird, sei sehr aufwendig produziertes Material. 8000 Dollar koste da die Minute. Und es ist ein exklusiver Einblick in das Material, das bei dem Hotseat gezeigt werden soll. Die Spannung steigt. Als die Bilder laufen, fühle ich mich zum ersten Mal an diesem Abend richtig unwohl.

Die versteckt gedrehten Bilder zeigen Madison und einen Bootcamp-Teilnehmer in einem Club, der junge Mann darf assistiert üben. Zuerst versagt er bei der fremden Blondine, „das Fenster hat sich wieder geschlossen", erklärt Madison anhand der Bilder: Sein Schüler hat den Moment verpasst, die neben ihm stehende Frau anzusprechen. Doch vor der Tür unternimmt er einen neuen Anlauf, eine Freundin der jungen Frau schreit plötzlich, „creepy",sagt Madison.

Zum Abschluss Selfies mit dem Meister

Er flüstert im Film seinem zum Jagen verurteilten Schüler etwas ins Ohr, redet mit der jungen Frau, beruhigt die Szene, umschließt alle mit seinen Armen. In einer weiteren Szene will der junge Mann mit ihr gehen, zieht sie an der Hand hinter sich her. Sie sträubt sich. Kann so nicht funktionieren, erklärt Madison. „Er muss sich doch ihr zuwenden, umdrehen, sie anschauen.“

In dem Video packt er sie schließlich und trägt sie auf den Armen in eine andere Richtung, als sie eigentlich will. Die junge Frau gibt unter Madisons beruhigenden Worten Widerstand auf, findet die Situation allem Anschein nach verrückt und lustig. „So lange eine Frau lacht, kannst du fast alles mit ihr machen“, sagt der Coach. Applaus brandet noch einmal auf. Mehr Anbagger-Anschauungsmaterial dann für 270 Euro, gleich können noch Selfies mit Madison gemacht werden. Ich überlege, welche Anmach-Attacken es nicht zu den Vorträgen schaffen, weil RSD sie lieber eilig löscht.

Video erschreckt mich

Vor dem Hotel sage ich Stefan, dass ich Journalist bin, dass ich ihn nicht mit seinem richtigen Namen nennen werde – und dass mich das Video erschreckt hat. Selbst wenn der psychologisch geschulte Verführungs-Guru mit feinen Antennen die Grenzen seiner Versuchskaninchen vielleicht kunstvoll erkennt, selbst wenn sich die Frauen in seiner Gegenwart sicher fühlen sollten: Was ist mit seinen aufgestachelten Schülern, mit unternehmenslustigen Bewunderern, die ihr „Game“ noch nicht verfeinert haben? Stefan überlegt kurz, dann stimmt er zu: „Du und ich und die meisten können mit so einem Video sicher umgehen. Aber hier waren 150 Leute.“