Ruthenium-106

Strahlung in Europa: Höchster Messwert nicht in Russland

Russland hat nun vielfach erhöhte Messwerte in der Nähe einer Atomanlage eingeräumt.

Russland hat nun vielfach erhöhte Messwerte in der Nähe einer Atomanlage eingeräumt.

Foto: Screenshot Google Maps

Bei einer russischen Atomanlage gab es erhöhte Werte von radioaktivem Ruthenium-106 – aber nicht den Rekordwert.

Braunschweig/Moskau.  Greenpeace spricht nach den europaweit auffälligen Werten eines radioaktiven Stoffs von der möglichen Vertuschung eines Atomunfalls in Russland. Dortige Behörden haben nun eine 1000-fach erhöhte Konzentration von Ruthenium-106 bestätigt. Der staatliche Atomkonzern hatte erhöhte Werte abgestritten. Als möglicher Verursacher wird eine Atomanlage diskutiert, an der sich vor Jahrzehnten einer der schwersten Atomunfälle der Geschichte ereignet hat. Von dort kommt aber ein Dementi.

Wochen nach mitteleuropäischen Diensten hat Russlands Wetterdienst Daten vorgelegt, die Ruthenium-106 in der Luft im Südural bestätigen. Das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) hatte bereits Anfang Oktober erklärt, anhand der Zeitfolge der Messungen die Quelle auf den südlichen Ural eingrenzen zu können. Aus Russland war das zurückgewiesen worden. Die nun veröffentlichten russischen Werte liefern weitere Hinweise.

In Deutschland wurde in Görlitz gemessen

Der höchste Wert in Russland wurde im Zeitraum vom 25. September bis zum 1. Oktober im 10.000-Einwohner Ort Argajasch gemessen. Er lag fast 1000-mal höher als im Monat zuvor, der russische Dienst nennt das eine „extrem hohe Verschmutzung“. Die Strahlendosis insgesamt würde damit aber immer noch nur um Promille höher liegen als natürlich.

Was noch ein Rätsel ist: Der russische Wetterdienst gibt den Wert in Arjagasch mit 76,1 Millibecquerel/Kubikmeter an. Im 3000 Kilometer entfernten Rumänien ist aber laut französischer Strahlenschutzbehörde ein doppelt so hoher Wert von rund 150 Millibecquerel je Kubikmeter Luft gemessen worden. Darauf hatten russische Stellen frühzeitig verwiesen.

Nur Spezialgeräte können Spuren messen

Das Bundesamt für Strahlenschutz hat für den höheren Wert dort keine Erklärung, das Land scheide aber als Quelle aus. Ein Sprecher sagte unserer Redaktion: „Die neuen Werte stützen unsere bisherigen Annahmen. Es kann ausgeschlossen werden, dass die Quelle weiter westlich als im Ural liegt.“ Auszuschließen sei das wegen der Wetterlage in diesem Zeitraum.

Möglich ist der Nachweis des Stoffes in den gemessenen Konzentrationen nur durch Spezialgeräte mit Luftstaubsammlern, die große Mengen Luft durch Filter leiten. Solche Geräte sind aber auch in Europa selten, im riesigen Flächenstaat Russland ist das Netz nach Informationen des BfS sehr weitmaschig.

In Deutschland war laut BfS Ruthenium-106 an sieben Stationen mit einem Maximalwert von fünf Millibecquerel registriert worden. Experten in Deutschland und anderen europäischen Ländern hatten die Werte aber völlig unbedenklich genannt. Die Dosis in Deutschland sei 100.000 mal kleiner gewesen als der Wert, an dem Maßnahmen zum Schutz der Bevölkerung ergriffen werden müssen.

Russischer Spitzenwert in der Nähe von Atomanlage

Arjagasch, an dem der Spitzenwert gemessen wurde, liegt in der Region Tscheljabinsk, die international bekannt wurde durch den vielfach gefilmten Meteoritenhagel 2013. Keine 40 Kilometer nördlich von Argajasch ereignete sich aber auch genau 60 Jahre vorher der erste schwere Atomunfall der Geschichte. Der Kyschtym-Unfall vom 27. September 1957 gilt heute als zumindest drittschwerster Zwischenfall nach Tschernobyl und Fukushima. Anders als in Tschernobyl war die von der Kerntechnischen Anlage Majak freigesetzte Radioaktivität aber kaum in die Atmosphäre gelangt, die Sowjetunion hatte das Unglück mehr als 20 Jahre lang vertuschen können.

Der Betreiber des heute als Wiederaufbereitungsanlage genutzten Komplexes weist aber in einem Statement zurück, mit der aktuellen Freisetzung etwas zu tun zu haben. „Die im Bericht von Roshydromet angegebene atmosphärische Verunreinigung durch das Isotop Ruthenium-106 hängt nicht mit den Aktivitäten der Anlage zusammen.“ Seit vielen Jahren werde auch kein Ruthenium-106 mehr dort gewonnen.

Reaktorunfall scheidet aus

Einen Unfall in einem Kernkraftwerk hatte auch das BfS als Ursache ausgeschlossen: In einem solchen Fall würden mehrere verschiedene Stoffe freigesetzt. Ruthenium-106, das in Kernreaktoren gewonnen wird, wird auch als Strahlenquelle für die Krebstherapie zur Behandlung von Tumoren am Auge eingesetzt, kommt aber auch in einigen Einheiten zur Energieversorgung von Satelliten vor.

Greenpeace Russland schließt in einer Stellungnahme nicht aus, dass ein anderes Unternehmen Verursacher ist. Die Umweltschützer fordern in einer Stellungnahme den staatlichen Konzern Rosatom auf, „gründliche Untersuchungen zu den Ereignissen im Mayak Chemical Combine oder bei anderen Unternehmen“ durchzuführen. Die Staatsanwaltschaft soll Greenpeace zufolge dem Verdacht einer möglichen Verschleierung eines Strahlenunfalls nachgehen.