Nasa-Projekt

Ein Jahr leben wie auf dem Mars – So lief das Experiment

Simulation auf dem Vulkan: Christiane Heinicke vor dem Versuchslabor, in dem sie mit fünf weiteren Wissenschaftlern gelebt hat.

Simulation auf dem Vulkan: Christiane Heinicke vor dem Versuchslabor, in dem sie mit fünf weiteren Wissenschaftlern gelebt hat.

Foto: Verlagsgruppe Droemer Knaur

Ein Jahr lang war Christiane Heinicke in einem Versuchslabor. „Die psychische Belastung war enorm“, sagt die 53-jährige Physikerin.

Berlin.  Im Auftrag der Nasa sind sechs Wissenschaftler für ein ganzes Jahr in ein Habitat mit elf Meter Durchmesser gezogen – mitten auf einem Vulkan auf Hawaii. Dort, in der HI-SEAS-Station, haben sie einen bemannten Flug zum Roten Planeten simuliert. Kontakt zur Außenwelt hatten sie nur per E-Mail, ihre Unterkunft durften sie nur in Raumanzügen verlassen. Die 31-jährige Physikerin Christiane Heinicke war die einzige deutsche Teilnehmerin an dem Forschungsprojekt.

Frau Heinicke, Sie haben mit fünf weiteren Wissenschaftlern ein ganzes Jahr unter extremen Bedingungen in der Isolation verbracht. Seit einigen Monaten sind sie zurück. Vermissen Sie etwas an Ihrer Mars-WG?

Gelegentlich habe ich schon mal ein bisschen „Heimweh“ nach unserem Habitat. Zum einen, weil mir die Menschen fehlen, mit denen sich enge Freundschaften entwickelt haben. Zum anderen die Eindrücke: Wenn wir dort aus dem Fenster geschaut haben, konnten wir Dutzende Kilometer weit bis zum Horizont sehen – bis zum Dunst über dem Pazifik. Wir hatten auch viele Außeneinsätze, um die Vulkanlandschaft mit ihren Höhlen zu erkunden. Wenn ich in Deutschland zur Tür herausgehe, steht vor mir das nächste Haus. Und ein Zaun.

Erinnern Sie sich noch an Ihre ersten Gefühle zurück in der Zivilisation?

Es war schön, wieder richtig draußen zu sein, ohne Raumanzug – die Sonne und den Wind auf der Haut zu spüren. Was mich aber richtig überrascht hat, war, dass ich meine eigenen Schritte hören konnte. Das war wie Musik in meinen Ohren. Der Raumanzug isoliert ja jedes Geräusch von außen. Dazu kommt, dass man das Surren des Ventilators für die Luftversorgung im Ohr hat und ab und zu das Funkgerät. Aber sonst nichts. Anfangs habe ich mich auch über jedes Stück frisches Obst gefreut, das ich in die Finger bekommen habe.

Hat Sie das Experiment verändert?

Ich glaube, ich bin deutlich stressresistenter geworden und nicht mehr so leicht aus der Ruhe zu bringen. Wenn wir im Habitat eine E-Mail geschrieben haben, hat es mindestens 40 Minuten gedauert, bis wir Antwort bekommen haben. Mal zehn Minuten auf den Zug warten, fällt da heute überhaupt nicht ins Gewicht.

Ihr Duschrekord im Habitat lag bei 30 Sekunden. Machen Sie das zu Hause auch?

Nein, aber ich muss nicht mehr jeden Tag duschen. Ich gehe jetzt noch einmal bewusster mit Ressourcen um. Mir ist klarer, wie viel Aufwand und Kosten damit verbunden sind, dass wir Trinkwasser zur Verfügung haben.

Die zentrale Frage des Langzeitexperiments war, wie Sie unter extremen Bedingungen als Gruppe miteinander klarkommen. Wie hat das funktioniert?

Es klingt vielleicht banal. Aber die gute Nachricht ist, dass wir es alle bis zum Ende ausgehalten haben. Es hat keiner zwischendurch aufgegeben oder wurde rausgemobbt. Es gab bei anderen Missionen – Stichwort Meuterei bei Schiffsreisen – auch schon Leute, die nicht zurückgekehrt sind. Insofern war der Zusammenhalt schon eine beachtliche Leistung für uns.

Und die schlechte Nachricht?

Das Zusammenleben war manchmal äußerst spannungsgeladen, die psychische Belastung enorm. Man ist extrem weit weg von der Menschheit und muss als Gruppe miteinander klarkommen. Man braucht die anderen, um zu überleben oder – in unserem Fall – um das Jahr zu überstehen. Der Verzicht auf Komfort und die Einschränkungen haben das natürlich noch verschärft.

In Ihrem Buch beschreiben Sie die Konflikte teilweise sehr detailliert. Da geht es um unterschiedliche Auffassungen von Sicherheit und Komfort und manchmal nur darum, dass einer seine Kaffeetassen überall rumstehen lässt.

Meiner Meinung nach ging es nicht konkret um diese Themen. Wenn bei der Sicherheit alles in Ordnung gewesen wäre, hätten wir ein anderes Thema gefunden, Streit vom Zaun zu brechen. Das Grundproblem war, dass wir unterschiedliche Einstellungen hatten, was man auf so einer Marsmission eigentlich machen sollte. Manche waren schon lange in den Bergen unterwegs und fanden gar nichts dabei, auf dem Vulkangestein herumzulaufen. Andere haben sich da extrem unsicher gefühlt. Das hat zu Diskrepanzen geführt.

Gab es Momente, in denen Sie am liebsten alles hingeworfen hätten?

Uns wurde vertraglich zugesichert, jederzeit ohne Angaben von Gründen gehen zu können. Aber alle, auch die beteiligten Wissenschaftler, haben ja viel Zeit und Energie in das Experiment gesteckt und hofften darauf, dass wir das durchziehen. Der Abbruch war also nur eine theoretische Möglichkeit.

Sollte man für einen echten Ausflug ins All nicht lieber Menschen auswählen, die besser zusammenpassen?

Ich glaube, das kriegt man nie ganz homogen hin. Jeder hat eine andere Kindheit und unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Es gibt immer Bereiche, in denen man nicht so gut harmoniert. Wichtig ist, dass man den gegenseitigen Respekt behält.

Was gehört Ihrer Erfahrung nach dazu, ein guter Marsianer zu sein?

Anpassungsfähigkeit, Toleranz und Kompromissbereitschaft. Vor allem auch, dass man mit Konflikten rational umgehen kann. Dass man so früh und ruhig wie möglich die Probleme angeht – bevor der Geduldsfaden reißt.

Sie schreiben auch von einem weiteren großen Problem: Langeweile.

Ja, da waren wir vorgewarnt worden. Einige haben sich deshalb Aufgaben mitgebracht oder Herausforderungen gestellt, an denen sie wachsen konnten. Bei mir waren das wissenschaftliche Experimente, andere haben eine Sprache oder ein Musikinstrument gelernt. Es ging ja nicht darum, mal ein paar Tage auszuspannen und die Seele baumeln zu lassen. Es ging darum, dass man über Monate hinweg nicht ausgelastet ist und sich beschäftigen muss. Diejenigen, die sich gelangweilt haben, mit denen war es am schwersten auszukommen.

Wie nah an der Realität waren Sie als Versuchskaninchen?

Natürlich gab es Kompromisse bei der Technik – allein schon aus Kostengründen. Und wenn wir aus dem Fenster gesehen haben, war der Himmel blau, und es gab natürlich auch keine Schwerelosigkeit. Wir wussten auch: Wenn wir den Helm abnehmen, sterben wir nicht. Aber die psychischen und teilweise physischen Herausforderungen waren denen der Raumfahrt recht nah.

Können Sie sich vorstellen, tatsächlich mal ins All zu fliegen?

Ich hoffe auf eine Ausschreibung der Europäischen Raumfahrtbehörde Esa. Da würde ich mich bewerben. Ich finde es spannend, die Erde aus einem anderen Blickwinkel zu sehen – und kenne ja jetzt auch die Schattenseiten. Und ob ein Jahr oder drei Jahre – da ist der Unterschied dann auch nicht mehr so groß.

Am Mittwoch erscheint das Buch „Leben auf dem Mars“ von Christiane Heinicke, Verlag Knaur HC, 320 Seiten, 16, 99 Euro