Reaktor

Neuer Sarkophag für die Atom-Ruine von Tschernobyl

Der neue Sarkophag über dem Reaktor vier am Atomkraftwerk in Tschernobyl wird als „größtes bewegliches Bauwerk der Welt“ gefeiert.

Der neue Sarkophag über dem Reaktor vier am Atomkraftwerk in Tschernobyl wird als „größtes bewegliches Bauwerk der Welt“ gefeiert.

Foto: Ebrd Photostream/Handout / dpa

Die alte Atom-Ruine in Tschernobyl bekommt einen neuen Sarg. Am 29. November soll der Bau der gigantischen Schutzhülle beendet sein.

Moskau.  Sein Anblick ist monumental. Wie ein gewaltiges außerirdisches Raumschiff kauert er silbern leuchtend über den Wäldern am Pripjet. Industrie-Alpinisten sind dabei, das 110 Meter hohe Gewölbe mit einer halben Million Schraubbolzen zu fixieren. Endmontage in Tschernobyl.

Nach sechs Jahren Bauzeit soll am 29. November die neue Schutzhülle für den Reaktor vier des Atomkraftwerks Tschernobyl vollendet werden. Er war im April 1986 explodiert und hatte den ersten GAU in der Geschichte der Atomindustrie verursacht. Das insgesamt 1,5 Milliarden Euro teure Bauwerk, dessen zwei Hälften wegen der Radioaktivität vor Ort in 250 Metern Entfernung montiert werden mussten, um dann über den Reaktor geschoben zu werden, gilt als „das größte bewegliche Bauwerk der Welt“, jubelt die ukrainische Presse. 94 Prozent der Kosten übernahm das Ausland.

Fläche von zwölf Fußballplätzen

In einem ersten Schritt muss unter der mächtigen Stahlglocke der bisherige Sarkophag abgebaut werden. „Für die Aufräumarbeiten sind im Inneren der neuen Hülle unter anderem zwei fast 100 Meter lange Brückenkransysteme montiert. Die Kräne rollen auf Schienen am Boden sowie auf parallel verlaufenden Schienen an der Decke“, schildern die Organisatoren. Der entstehende Müll soll endgelagert werden.

Die Metallhülle wiegt mit 25.000 Tonnen dreimal soviel wie der Eifelturm, mit Unterbau sogar 31.000 Tonnen, ihre Fläche von 86.000 Quadratmetern entspricht zwölf Fußballplätzen. „NBK“ lautet ihre offizielle Abkürzung: „Neues sicheres Containment.“ 100 Jahre lang soll die neue Hülle den Austritt radioaktiver Strahlen verhindern sowie vor Umwelteinflüssen wie Nässe schützen.

„Untoter“, der die Welt bedroht

Die Hülle wird „Sarkophag II“ oder einfach „neuer Sarkophag“ genannt, sie ist der Nachfolger des ersten Sarkophags aus Beton und Stahl, mit dem nach dem GAU todesmutige sowjetische Hubschrauberpiloten und Kranfahrer den heftig strahlenden Reaktor abgedichtet hatten.

„Der neue Sarkophag verschließt das AKW Tschernobyl für immer“, so titeln jetzt die Zeitungen im Land. Wobei es sich laut Experten um einen Irrtum handelt. Denn unter der Riesenabdichtung schlafe weiter ein „Untoter“, der die Welt bedroht, heißt es.

Strahlung im Maschinenraum ist lebensgefährlich

„Beim GAU sind fünf Prozent der radioaktiven Materie aus dem geschmolzenen Reaktorkern entwichen, sie haben große Teile Europas nuklear verschmutzt“, sagt Vince Novak, Atomsicherheitsexperte der Europäischen Bank für Wiederaufbau, die die Finanzierung organisierte. 95 Prozent der radioaktiven Materie aber steckten noch in Reaktor vier. Das seien geschätzte 193 Tonnen Uran, Strontium, Caesium und Plutonium, bei deren Zerfall zum Teil noch gefährlichere Isotope freiwerden. Die Halbwertszeiten dieses Gifteintopfs schwanken laut Experten zwischen 14 und 6537 Jahren.

Schon die Strahlung im Maschinenraum des Reaktors sei so hoch, dass die ukrainischen Techniker dort nur fünf Minuten arbeiten dürfen, genug, um ihre tägliche Höchstdosis von 2,5 Mikrosievert abzubekommen.

Frage nach den Kosten

Auch wenn die besten Spezialisten aus der Welt für die Nuklearsicherheit zuständig sind – vielen der 1500 AKW-Arbeitern droht Ähnliches wie den etwa 800.000 sowjetischen „Liquidatoren“, die in den ersten Monaten nach der Katastrophe von 1986 im Einsatz waren. Ein Viertel von ihnen ist inzwischen tot. Die meisten starben an Leukämie.

Schon bevor der neue Sarkophag offiziell eingeweiht wird, streiten Experten darüber, ob man sofort danach versuchen sollte, das Innere des Kernreaktors zu entsorgen. Doch es sei unklar, wer das bezahlen wird. Und wer die nötige Technologie besitzt.

„Noch weiß niemand auf der Welt, wie man mit diesen Brennstoffen umgehen soll“, sagt der Kiewer Kernwissenschaftler Anatoli Nowoski. „Seit Jahrzehnten heißt es, die Atomenergie stehe kurz vor dem Durchbruch“, bestätigt der Umweltschützer Alexei Pasjuk. „Aber seit 60 Jahren hat sich in der Branche technologisch nichts geändert.“

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