Nachruf

Schimon Peres ist tot – Engagement für Frieden geht weiter

Der ehemalige israelische Staatspräsident Schimon Peres ist gestorben.

Der ehemalige israelische Staatspräsident Schimon Peres ist gestorben.

Foto: imago

Israels ehemaliger Staatspräsident Schimon Peres ist tot. Aber sein Engagement für Frieden im Nahen Osten muss dennoch weitergehen.

Tel Aviv.  Was sollte er nun machen? Damals im Sommer 2014. Das Ende seiner politischen Karriere war gekommen, nach 70 Jahren im Dienst des israelischen Staates. Im Stile eines Barack Obama, der für seine humorvollen Auftritte bekannt ist, drehte er ein Video. Es zeigt den früheren israelischen Präsidenten dabei, wie er sein Büro leer räumt, auf dem Arbeitsamt sitzt und eine neue Aufgabe sucht. Tankwart, Kassierer, Sicherheitsmann und schließlich Fallschirmsprung-Trainer. Alles, was in diesem Video gesagt wird, ist voller Humor und hat eine doppelte Bedeutung. Kurz bevor Peres mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springt, macht er seinem Schüler noch Mut: „Die Zukunft gehört denen, die etwas wagen!“ Dann springt der alte Mann und fliegt.

Dieses Video wurde ein Hit im Internet und schon mehr als 700.000 Menschen haben sich diese besondere Botschaft angeschaut. Schimon Peres konnte keine Ruhe geben. Er glaubte an den Frieden, an eine Lösung des Nahostkonflikts. Auch wenn die Gegenwart diese Hoffnung nicht nährte, so schaute er in die Zukunft und versuchte mit diesem Video die Jugend zu erreichen.

Bis zum Tag des Schlaganfalls „voller Kraft“

Schimon Peres starb nun am Mittwochmorgen an den Folgen eines Schlaganfalls. Seine Familie war in seinen letzten Stunden bei ihm. Sein Schwiegersohn und Leibarzt Rafi Walden sagte, sein Schwiegervater sei ohne Schmerzen gestorben. Bis zum Tage des Schlaganfalls vor zwei Wochen sei er noch „voller Kraft“ gewesen. Als letzten Beitrag für andere Menschen habe Peres die Hornhäute seiner Augen gespendet.

Noch im März dieses Jahres empfing er US-Vizepräsident Joe Biden. Die beiden trafen sich im Peres-Friedenszen­trum in Tel Aviv. Biden reiste in einer angespannten diplomatischen Lage zwischen den USA und Israel an. Kurz vor seinem Besuch hatte Netanjahu eine Einladung von US-Präsident Barack Obama ausgeschlagen. Wie passend und unpassend zugleich war es da, dass es am Abend von Bidens Besuch in Tel Aviv wieder zu blutigen Angriffen gekommen war. Dabei griff ein Palästinenser mit einem Messer einen amerikanischen Touristen an und tötete ihn. Danach verletzte der Palästinenser noch zwölf weitere Menschen, bevor er von der Polizei erschossen wurde. Die Gewalttat ereignete sich nur wenige Minuten vom Friedenszentrum.

Spirale der Gewalt dreht sich schneller

Diese Episode in Peres Leben zeigt, wie der 93-Jährige bis zum Schluss an seiner Vision von Frieden zwischen Israelis und Palästinensern festhielt. Sie zeigt aber auch, wie nötig sein Engagement bis heute ist und dass es weit über seinen Tod hinausweisen wird.

Israel erlebt seit fast einem Jahr eine neue Welle der Gewalt. Immer wieder werden jüdische Israelis von Palästinensern angegriffen, die Täter sind meist junge Palästinenser. Umgekehrt verüben jüdische Extremisten Attentate auf Araber. Die Spirale der Gewalt dreht sich schnell, der Friedensprozess ist unter Ministerpräsident Netanjahu und seiner rechtskonservativen Regierung ausgesetzt. Viele Regierungsmitglieder sprechen sich offen gegen die Zwei-Staaten-Lösung aus. Und damit gegen das politische Erbe von Schimon Peres.

Schimon Peres hatte eine bessere Welt vor Augen

Schimon Peres war bis 2014 sieben Jahre lang Israels Staatspräsident. Er zählt zu den Gründungsvätern des Staates, er entwickelte das israelische Atomprogramm und war zweimal Regierungschef und mehrmals Minister.

Peres’ Ansehen wuchs im In- und Ausland mit jedem seiner Lebensjahre. Vor allem in den letzten zehn Jahren war jeder seiner Auftritte von einer Aura begleitet: der Aura des „elder statesman“, dem die Weisheit des Erlebten etwas Unangreifbares verleiht. 2010 hielt er im Deutschen Bundestag eine bewegende Rede zum Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. Er erinnerte dabei auch an seinen Großvater, der von den Nationalsozialisten ermordet wurde, verbrannt in einer Synagoge. Damals betonte er, dass die Freundschaft zwischen Deutschland und Israel einzigartig sei, die Freundschaft aber nicht dazu führe, „dass wir die Shoa vergessen“. Er sei sich „der Finsternis, die im Todestal der Vergangenheit herrschte“, bewusst, auch angesichts der „gemeinsamen, klaren Entscheidung, unseren Blick nach vorne zu richten – zum Horizont der Hoffnung und in eine bessere Welt“. Diese bessere Welt hatte er immer vor Augen, auch wenn dazu gehörte, die Feinde Israels mittels der Atombombe abzuschrecken.

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Das Land Israel und die Welt müssen nun Abschied nehmen von einem der großen Politiker unserer Zeit. Schimon Peres, am 2. August 1923 in Wiszniewo in Polen geboren, erlebte Mitte Oktober 1994 seine Sternstunde. Er erhielt gemeinsam mit dem damaligen israelischen Regierungschef Jitzchak Rabin und PLO-Chef Jassir Arafat den Friedensnobelpreis. Lohn für diplomatische Mühen: Die drei hatten in Washington unter Aufsicht von US-Präsident Bill Clinton die palästinensische Autonomieverwaltung ausgemacht, die später im Abkommen von Oslo mündete. Es bestand damals die Hoffnung auf eine Lösung des Nahostkonflikts.

Heute scheint diese in weite Ferne gerückt zu sein, nahezu unmöglich. Zuletzt kritisierte Peres die eigene Regierung für ihr mangelndes Engagement. „Regierungen sind nicht für die Ewigkeit gewählt. Sie sind temporär. Die einzige ewige Person ist der Messias, und der ist noch nicht gekommen“, sagte er im Januar dem Magazin „Spiegel“. Er prophezeite, dass es langfristig keinen Platz für eine „diskriminierende Politik“, wie sie Regierungschef Netanjahu ausübe, gebe.

Peres glaubte immer an die Menschen

Auch nach einem der schwärzesten Tage Israels gab Peres nicht auf. Als Ministerpräsident Rabin am 4. November 1995 in Tel Aviv ermordet wurde. Dieses Attentat war nicht nur für Peres ein schwerer Rückschlag auf dem Weg zum Frieden, es ist für das ganze Land bis heute traumatisch. Auch wenn Peres noch vor einem Jahr – am 20. Jahrestag der Ermordung Rabins – seinem Weggefährten von einst zurief: „Sie haben dich getötet, aber der von dir eingeschlagene Weg bleibt lebendig.“ Das Ziel war nie mehr so nah wie vor dem Attentat.

Als Peres sich einmal fragte, was in seinem Leben schiefgelaufen sei, sei er zu einem überraschenden Ergebnis gekommen: „Meine Träume waren zu klein. Und ich war ein ziemlicher Träumer. Es ist viel mehr möglich, als man denkt.“

Schimon Peres war von 1945 bis zu ihrem Tod im Januar 2011 mit Sonja Peres verheiratet. Zurück bleiben nun eine Tochter, Tsiviea und zwei Söhne, Yoni und Chemi.