Naturphänomen

Kanadisches Dorf unter Millionen Eintagsfliegen begraben

Ein dicker Teppich toter Insekten: Das kanadische Gimli in der kanadischen Provinz Manitoba erlebte ein gruseliges Naturphänomen.

Ein dicker Teppich toter Insekten: Das kanadische Gimli in der kanadischen Provinz Manitoba erlebte ein gruseliges Naturphänomen.

Foto: Tracy Martin

Sie sind einfach überall, und tot stinken sie bestialisch: Die Eintagsfliegen in einem kanadischen Dorf sind nichts für zarte Gemüter.

Winnipeg.  2000 Einwohner, Abermillionen von großen Eintagsfliegen: Eine Plage biblischen Ausmaßes hat der kleine kanadische Ort Gimli in den vergangenen Tagen erlebt. Die Fischfliegen, wie die Einheimischen am Westufer des Lake Winnipeg in der Provinz Manitoba sie nennen, waren da – und das in unvorstellbaren Scharen. Wenn die Tiere Hochzeit gehalten haben, liegen die Kadaver der Insekten zentimeterhoch.

Auch an den Großen Seen und größeren Flüssen in Nordamerika gibt es viele Exemplare der „Hexagenia limbata“. Schon Ende Juni verbreitete ein Meteorologe aus dem US-Bundesstaat Michigan Aufnahmen des Wetterradars, auf denen eine Wolke aus dem Nichts entsteht: Die Eintagsfliegen sind aus dem See gestiegen. Aber kein Ort wurde so heimgesucht wie das kleine kanadische Gimli.

Fürchterlicher Gestank

Gibby Finnbogason von der örtlichen Parkverwaltung berichtete dem TV-Sender CBC, sie habe so etwas in 41 Jahren noch nicht gesehen. 42 Müllsäcke voller toter Insekten seien an einem Tag gesammelt worden, sagte er. Ein Video aus der Nacht zeigt, wie ein Auto in langsamem Tempo auf einer mit Fliegen übersäten Straße fährt, man hört es bei jedem Schritt knacken und knirschen unter den Schuhen der filmenden Frau.

Dazu kommt der Gestank. „Ein Geruch wie vergammelnder, saurer Fisch“, schilderte Anwohnerin Tracy Martin die Zustände unserer Redaktion. Auf ihren Fotos der „matschigen, öligen Masse“ seien die meisten Tiere noch am Leben gewesen. „Und ich trug Flip-Flops, und hatte sie zwischen den Zehen.“ In der Nacht davor sei sie mit dem Fahrrad gefallen: „Beide Reifen rutschten unkontrollierbar weg.“

Fliegenschar Beleg für gute Wasserqualität

Ekelhaft mag man das finden. „Ehrlich, natürlich mag sie niemand“, kommentiert auch Einwohnerin Caroline Woytowich in der örtlichen Facebook-Gruppe. Aber sie seien schließlich ein Indikator, dass es dem See gut geht. Die Art reagiert sehr empfindlich auf Wasserverschmutzung und war vor einigen Jahren noch selten. Und: Die Eintagsfliegen-Plage gehe naturgemäß sehr schnell vorüber. „Sie beißen auch nicht und verschwinden so schnell, wie sie gekommen sind. Ein kleiner Preis dafür, dass man die anderen 51 Wochen des Jahres in Gimli lebt.“ Geschäfte im Ort warnen auf Schildern, dass sie ihre Außenbeleuchtung in der Fischfliegen-Saison nicht anschalten.

In der lokalen Facebookgruppe wird diskutiert, ob die Gemeinde die Situation durch neue LED-Beleuchtung verschlimmert hat – aber auch das voller Gelassenheit. Und die 46-jährige Tracy Martin kann sich erinnern, dass es früher schlimmer gewesen sei. „Betagte Einwohner haben mir erzählt, dass früher auch mal Radlader eingesetzt werden mussten.“

Eintagsfliegen sind zwei Jahre alt

Wenn es zum Massensterben kommt, dann haben die Tiere vorher in der Regel zwei Jahre als Larven im Wasser gelebt und sich mehrfach gehäutet. Wenn die Wassertemperatur einen gewissen Wert erreicht, verwandeln sich die Larven massenhaft und gleichzeitig in „Jungfliegen“. Nach ein bis zwei Tagen haben sie die „Pubertät“ durchlaufen, häuten sich noch einmal für den einzigen Sex ihres Lebens. Riesige „Hochzeitsschwärme“ von Männchen sind dann unterwegs, in die die Weibchen zur Begattung hineinfliegen. Danach ist es auch schon vorbei: Für die Männchen ganz schnell, die Weibchen fliegen mit Glück noch zur Ablage von jeweils rund 4000 Eiern aufs Wasser. Die meisten werden dann von den Fischen gefressen. Aber es bleiben immer noch sehr viele übrig. In Gimli können sie das bestätigen.