Frankophilie

Italiener wird nach Gehirnerkrankung zum „Franzosen“

Nach einer Gehirnerkrankung ist ein Italiener wie besessen von der französischen Sprache und Kultur. Seine eigentliche Muttersprache hat er aber nicht vergessen – anwenden will er sie trotzdem nicht.

Nach einer Gehirnerkrankung ist ein Italiener wie besessen von der französischen Sprache und Kultur. Seine eigentliche Muttersprache hat er aber nicht vergessen – anwenden will er sie trotzdem nicht.

Foto: imago stock&people / imago/GEPA

Gelegentlich kommt es vor, dass Menschen plötzlich eine andere Sprache sprechen. Der Fall eines Italieners geht weit darüber hinaus.

Berlin.  Plötzlich war all sein Wissen wieder da. Vor mehr als 30 Jahren paukte ein heute 50-jähriger Italiener das letzte Mal französische Vokabeln, bevor er sie nach seiner Schulzeit in die tiefen Windungen seines Gehirns schickte und seitdem nie mehr anwenden sollte. Bis vor vier Jahren. Denn seit einer überstandenen Hirnerkrankung scheint es fast so, als könnte er nichts anderes mehr machen, außer Französisch zu sprechen, zu essen und sich wie ein geborener Franzose zu verhalten. Und das, obwohl er seine eigentliche Muttersprache noch perfekt beherrscht.

Für die behandelnden Ärzte wirft der Fall Fragen auf. Wie sie im Fachmagazin „Cortex“ berichten, sei der Mann wegen einer Gefäßerweiterung am Gehirn operiert worden. Nach dem Eingriff beobachteten sie, wie merkwürdig sich der Italiener plötzlich verhält. Auf einmal interessiert sich der Mann für französische Filme und Bücher, kauft französisches Essen oder redet Französisch auf dem Jahrzehnte zuvor erlangten Schulniveau. „Er spricht das mit einer übertriebenen Intonation und verhält sich wie die typische Karikatur eines französisches Mannes“, beobachten die Mediziner.

Doch die Verhaltensauffälligkeiten des 50-Jährigen gehen noch weiter: Nicht nur, dass er mit jedem, der ihm zuhört, Französisch spricht. Plötzlich fängt der Mann auch damit an, unglaubliche Mengen an Brot zu backen, Französisch-Kurse anzubieten und jeden Morgen ein lautes „Bonjour“ aus dem Fenster zu rufen. Zudem fällt seiner Frau auf, dass er auf immer schrägere Ideen kommt und langsam größenwahnsinnig und zwanghaft wird.

Wie kommt es zu dem Phänomen?

Dass Menschen plötzlich anfangen, eine andere Sprache zu sprechen, wird von Medizinern als Fremdsprachen-Akzent-Syndrom bezeichnet. Weltweit leiden rund 60 Menschen nach einer Gehirnerkrankung daran, wie der „Independent“ berichtet. Sind Bereiche eines Gehirns aus unterschiedlichen Gründen blockiert, versucht es, Verbindungen zu anderen Arealen zu knüpfen und benutzt dabei bereits erlernte Kentnisse. Beim Italiener war es das in der Schule erlernte Französisch. In einem anderen Fall konnte eine Chinesin 2015 zum Beispiel plötzlich nur noch Englisch sprechen. Oder eine Deutsche, die 2013 nach einem Schlaganfall mit schweizerdeutschem Dialekt sprach. Aus medizinischer Sicht unmöglich ist dagegen, auf einmal eine komplett unbekannte Sprache zu sprechen.

Warum verhält sich der Mann so merkwürdig?

Offenbar leidet der Italiener seit der Gehirnerkrankung an Durchblutungsstörungen. Diese wiederum sollen den Forschern zufolge dafür gesorgt haben, dass sich bei ihm eine Manie entwickelt hat, was wiederum das zwanghafte Verhalten und sein plötzliches Ideenreichtum sowie die Frankophilie, also die Liebe für alles Französische, erklären würde.

Während den Medizinern die genauen Details des Phänomens noch unbekannt sind, berichtet die Familie des Italieners, dass er sich immer mehr wie ein echter Franzose verhält. Sie hätten mittlerweile aufgegeben, ihn von seinem Verhalten abzubringen.