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Nach den schweren Unwettern bleiben Orte der Verwüstung

In Braunsbach (Baden-Württemberg) kam es zu schweren Schäden.

In Braunsbach (Baden-Württemberg) kam es zu schweren Schäden.

Foto: Marijan Murat / dpa

Gewitter und Starkregen haben in Deutschland für schwere Zerstörung gesorgt. Vier Menschen starben. Die Aufräumarbeiten haben begonnen.

Schwäbisch Gmünd/Braunsbach.  Vier Menschen sterben, Rettungswagen treiben wie Spielzeug durch die Straßen, Ortschaften bleiben von Schlamm und Geröll verwüstet zurück: Das ist die Bilanz nach den schweren Unwettern in Süddeutschland. Am schlimmsten traf es den Nordosten Baden-Württembergs.

In Schwäbisch Gmünd steht Oguzhan T. am Ufer der Rems, jenem kleinen Fluss, der jetzt ein reißender brauner Strom ist. Er zeigt auf ein Bündel Schuhe. Damit hatte das Unglück begonnen: mit Schuhen im Fluss. „Wir saßen hier abends, haben geraucht und Red Bull getrunken und plötzlich schwammen hier Tennisschläger, T-Shirts und Schuhe vorbei.“ Ein Freund rief an und sagte, dass die Scheibe beim „Sport-Schoell“ zerborsten sei. Da war es kurz vor 22 Uhr. „Ich hab noch Anil gesehen und seinen Cousin“, sagt er, „die wollten da auch hin, es war ja nicht weit.“ Als Oguzhan beim Sportgeschäft ankam, wurde Anil B. gerade von den Wassermassen weggezogen. „So etwas habe ich noch nie gesehen, das war kein reißender Strom, nicht so wie heute, das waren viele einzelne Strudel, Anil hatte gar keine Chance gegen das Wasser“, sagt er.

Leichen konnten erst am nächsten Tag geborgen werden

Der Auszubildende Anil B. wurde laut Informationen der Rettungskräfte bei einer Unterführung am Bahnhof in einen offenen Gully gerissen. Die Feuerwehr versuchte, den 21 Jahre alten Mann zu retten. Dabei kam ein 38-jähriger Feuerwehrmann ums Leben. Ein Sicherheitsseil, das seine Kollegen für ihn gespannt hatten, riss, er wurde in das gleiche Loch gezogen.

„Die Rettungsarbeiten waren durch das Wetter so gefährlich, dass wir erst am nächsten Mittag die Leichen bergen konnten“, sagt Markus Herrmann von der Stadt Schwäbisch Gmünd. Mehr als 650 Einsatzkräfte seien allein in dieser Nacht im Einsatz gewesen. „Unsere Nachbargemeinden sind ganz unkompliziert sofort eingesprungen.“

Innerhalb von zwölf Stunden fiel in Baden-Württemberg sowie in Bayern so viel Regen wie sonst innerhalb von mehreren Wochen oder sogar Monaten: rund hundert Liter pro Quadratmeter. In Weißbach im Hohenlohekreis starb ein 62 Jahre alter Mann in einem überfluteten Keller. Bei Schorndorf suchte ein 13 Jahre altes Mädchen unter einer Eisenbahnbrücke Schutz vor dem Regen, sie wurde von einem Intercity erfasst und getötet. Ein Freund, der die 13-Jährige begleitete, überlebte. Er steht unter Schock.

Erdrutsche blockierten Straßen

Am Montagmorgen bot sich vielerorts ein Bild der Verwüstung. Besonders schwer wurde der kleine Ort Braunsbach im Norden von Baden-Württemberg getroffen. Zwei Bäche verwandelten sich in einen reißenden Strom und rissen alles mit. Baumstämme wurden durch die Straßen gespült, Autos an Hauswände gedrückt oder von Schlamm und Geröll verschüttet.

Auch in Thüringen, Hessen und Bayern richtete die Gewitterfront große Schäden an. Im mittelfränkischen Flachslanden bei Ansbach liefen Keller voll, Erdrutsche blockierten Straßen. Ein Feuerwehrmann berichtet: „Das ist ein Ort der Verwüstung.“ Die Wassermassen hätten Autos mitgerissen, Verkehrsschilder seien wie Streichhölzer umgeknickt.

Auch die Anwohner im Zentrum von Schwäbisch Gmünd mussten ihre Keller auspumpen. Karin Werner hat kaum geschlafen: „Wir haben den ganzen Abend Schlamm geschaufelt“, sagt sie, „und ich hab mich schon geärgert, dass die Straßen voller Schaulustiger waren, die lieber ein Handyvideo drehen wollten.“ Da wusste sie noch nichts von dem Unglück mit zwei Toten, nur wenige Hundert Meter von ihrer Haustür entfernt.

520 Menschen in Sicherheit gebracht

Oguzhan T. steht an der Unglücksstelle, schaut auf seinem Handy Facebook-Fotos von Anil B. an. Dann zeigt er auf einen Baum. „Dort, wo die Rinde abgerieben ist, dort war das Seil“, sagt er. Rund 20 bis 30 Feuerwehrmänner hätten daran gezogen, um ihren Kameraden zu sichern. Dann sei es gerissen.

Für vier Menschen kam in dieser Nacht jede Hilfe zu spät. Am Montagabend aber teilte Thomas Strobl, Innenminister von Baden-Württemberg, mit, dass Helfer in den betroffenen Gebieten 42 Menschen aus lebensgefährlichen Situationen gerettet haben. Insgesamt hätten Polizei und Feuerwehr 520 Menschen in Sicherheit gebracht.

Am Mittwoch soll ein neues Tief von Osten in Deutschland eintreffen. Der Deutsche Wetterdienst rechnet dann wieder mit mehr Niederschlag und neuen Gewittern – das Unwetterpotenzial werde aber wohl voraussichtlich nicht mehr so hoch sein wie am Sonntag.