Experiment

Amnesty-Video: Was vier Minuten Augenkontakt bewirken

Zwei Menschen schauen sich in die Augen – und der Zuschauer des Videos wird hineingezogen. Amnesty will zeigen, wie schnell Barrieren schwinden, wie schnell man in dem anonymen Mensch aus der Statistik auch die eigenen Gefühle entdeckt.

Foto: Youtube/Amnesty Poland

Zwei Menschen schauen sich in die Augen – und der Zuschauer des Videos wird hineingezogen. Amnesty will zeigen, wie schnell Barrieren schwinden, wie schnell man in dem anonymen Mensch aus der Statistik auch die eigenen Gefühle entdeckt.

"Schau mir in die Augen, Fremder": Amnesty hat Europäer und Flüchtlinge zusammengebracht und dokumentiert damit, wie Barrieren fallen.

Berlin.  Was macht es mit Fremden, wenn sie sich vier Minuten in die Augen schauen? Was Teil eines Experiments eines US-Psychologen 1997 war, hat Amnesty International in Berlin in einem eindrucksvollen Video durchgespielt. Jeweils ein Europäer und ein Flüchtling wurden einander gegenübergesetzt und sollten vier Minuten lang Augenkontakt halten mit dem anderen. "Sieh über Grenzen hinweg", hat Amnesty die Aktion genannt.

In dem fünfminütigen Zusammenschnitt wird gelacht, es fließen aber auch Tränen, und die Menschen, die sich nicht kannten, halten Hände, umarmen sich. In kürzester Zeit entsteht eine Intimität zwischen Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Welten kommen. "Wer den Film anschaut, ohne zu Tränen gerührt zu sein, muss ein Herz aus Stein haben", glaubt Draginja Nadażdin, Chefin von Amnesty International Polen, das für den Film verantwortlich ist. Keine der Szenen sei gespielt. Die Teilnehmer dürften aber große Aufgeschlossenheit mitgebracht haben.

Wie schnell entsteht Intimität

Mit dem Video will Amnesty auch eine Intimität mit dem Zuschauer schaffen und ins Bewusstsein rücken, dass konkrete Schicksale mit ihren eigenen Geschichten hinter den Zahlen und den Nachrichten stecken. Wer einer konkreten Person gegenüber sitze und ihr in die Augen schaue, der sehe nicht länger die anonyme Gruppe der Flüchtlinge, sondern nehme den Menschen gegenüber wahr. "Wie man selbst jemand ist, der liebt, leidet und Träume hat."

Amnesty stellte teilweise eine Studie des US-Wissenschaftlers Arthur Aron nach, der unter Laborbedingungen untersuchen wollte, wie Vertrautheit entsteht. Menschen, die sich vorher nie begegnet waren, mussten sich dazu immer persönlichere Fragen stellen und sich vier Minuten in die Augen schauen. Amnesty wählte als Schauplatz das E-Werk Berlin unweit des Checkpoint Charly in Berlin,"weil die Stadt das Überwinden von Teilung symbolisiert".

"Das ist genau die Botschaft, die ich auch in die Welt senden möchte", kommentiert die in Berlin lebende und in der Flüchtlingshilfe engagierte Journalistin Anna Alboth im Blog "Family without Boarders". Alboth hatte die Mitwirkenden für den Film gesucht und nach ihrem Bekunden vielen absagen müssen, die auch mitwirken wollten. Menschen aus Deutschland, Belgien, Italien, Polen und Großbritannien trafen auf Flüchtlinge aus Somalia und Syrien, ihre eigene Tochter Hanna war ebenso dabei wie die Syrerin Akil, die mit der Familie lebt.

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