Jubiläum

Warum „Thelma und Louise“ nach 25 Jahren noch radikal ist

| Lesedauer: 7 Minuten
Monika Idems

Zwei Frauen als Desperados in einem Roadmovie-Western: „Thelma & Louise“ erschien 1991 – und war weiter als es viele Filme heute sind.

Berlin.  Tiefe Freundschaft, schwere Verbrechen und eine Flucht durch die Weite des amerikanischen Südwestens – aus diesen Zutaten sind einige gute Filme entstanden. Vor 25 Jahren kam Ende Mai ein Roadmovie in die US-Kinos, das radikal anders war: Mit „Thelma & Louise“ saßen plötzlich zwei Frauen am Steuer und hatten den Finger am Abzug. Viele waren begeistert, einige empört, und nicht wenige hofften, dass Ridley Scotts Film etwas ändern würde für Frauen und Frauenfiguren in Hollywood.

Es war die Zeit, in der Telefone noch mit Kabeln an die Wand gekettet waren, in der Menschen in Restaurants rauchten, und in der man Selfies mit Polaroid-Kameras machte. Es war die Zeit, in der (manche) Frauen ihre Männer um Erlaubnis für ein Mädels-Wochenende hätten fragen müssen, und in der viele diese Tatsache als gar nicht so seltsam empfanden.

Louise, die kontrollierte Kellnerin, sieht rot

Hausfrau Thelma (Geena Davis) fragt letztendlich nicht. Zu groß ist die Angst, ihr Mann Darryl könnte „nein“ sagen zu dem Ausflug in die Berge, den sie mit ihrer Freundin Louise (Susan Sarandon) plant. Die ist Kellnerin in einem Restaurant irgendwo in Arkansas und braucht mal eine Auszeit. Die beiden brechen auf, wollen ihren Wochenend-Trip noch schnell mit einer Margarita begießen, und Thelma gerät in der Straßenrand-Spelunke an den Falschen: Ihre Vergewaltigung kann Louise so gerade eben mit vorgehaltenem Revolver verhindern. Doch dann überschreitet der Angreifer eine weitere Grenze und Louise, die Kontrollierte mit der perfekt sitzenden Frisur und der akkurat gebügelten Bluse, sieht rot – und erschießt ihn.

Die Frauen entschließen sich zur Flucht nach Mexiko, denn Louise ist sicher, dass eine sexuell misshandelte Frau von den Behörden keine Gerechtigkeit erwarten kann – eine Erfahrung, die sie selbst gemacht hat. Unterwegs brechen die beiden noch diverse andere Gesetze, nicht zuletzt, weil der sexy Anhalter, der Thelma ihre erste wirklich heiße Nacht beschert (Brad Pitt und sein Sixpack in ihrer Durchbruchsrolle), anschließend die Fluchtkasse klaut.

Kritik: Männerfeindlich und gewaltverherrlichend

Thelma und Louise übernehmen nicht nur die Männerdomäne Roadmovie, sondern auch die Männerdomäne Western – die beiden Frauen werden auf staubigen Straßen zwischen roten Felsen zu Outlaws. Es geht um Frauenfreundschaft, aber auch um Entwicklung und Befreiung, nicht nur im Persönlichen, auch auf gesellschaftlicher Ebene: Die beiden streifen ihre Fesseln ab, geben sich nicht mehr zufrieden mit dem, was die Welt für Frauen im Angebot hat, sondern machen ihre eigenen Regeln.

Das hat vor 25 Jahren einige Kritiker sehr aufgebracht. Gewaltverherrlichend sei der Film, und männerfeindlich, waren die häufigsten Vorwürfe; die Männer im Film seien allesamt unsympathische Karikaturen, hieß es. Filmkritikerin Janet Maslin von der „New York Times“ ordnete die Vorwürfe so ein: Männer seien Figuren in der Landschaft, durch die Thelma und Louise sich bewegten, sie hätten – in etwa so wie weibliche Figuren in fast allen anderen Roadmovies – nahezu keinen Einfluss auf die Hauptfiguren. Das sei wohl für manche das eigentliche Problem: dass Männer in dieser Geschichte praktisch keine Rolle spielten.

Callie Khouri gewann den Oscar für ihr erstes Drehbuch

Ein weiterer Vorwurf: Thelma und Louise seien keine Vorbilder. Auf den reagierte Drehbuch-Autorin Callie Khouri so: Die Figuren seien natürlich nie als Vorbilder gedacht gewesen, sie seien Outlaws, deren Taten sie nicht rechtfertige, die bestraft gehörten – und sie würden bestraft. Aber: Sie wählen die Konsequenz selbst. Als sie keinen Ausweg mehr haben, die Polizisten mit den Gewehren im Anschlag hinter ihnen, der Grand Canyon als wunderschöner Abgrund vor ihnen, sagt Thelma: „Lass sie uns nicht schnappen. Lass uns weiterfahren.“ Ein Kuss, und Louise gibt Gas.

Das ikonische Ende des Films – das Thunderbird-Cabrio eingefroren in der Luft über dem Abgrund – gefiel nun wieder einigen Feministinnen nicht: Selbstmord als Ausweg? Sollte etwa nur der Tod wahre Freiheit bedeuten? Auch auf diese Kritik reagierte Khouri, die für „Thelma & Louise“ – ihr erstes Drehbuch überhaupt – einen Oscar gewann. Sie habe das Ende symbolisch gemeint, es sei wichtig dass man nicht sehe, wie der Wagen abstürzt. „Sie sind weggeflogen, raus aus dieser Welt“, sagte Khouri in einem Interview, „Frauen, die komplett ungezähmt sind, haben keinen Platz in dieser Welt.“

Wenige weibliche Hauptfiguren, wenig Text für Frauenrollen

Ungezähmte Frauen haben auch weiter (fast) keinen Platz in Hollywood. Eine Untersuchung von 2000 Filmen durch Datenjournalisten der Seite Polygraph hat ergeben, dass männliche Rollen in der Regel den weit größeren Text-Anteil haben – häufig selbst in Filmen mit weiblichen Hauptfiguren. Ein Beispiel ist die „Tribute von Panem“-Reihe mit der starken Heldin Katniss Everdeen, in der die männlichen Nebenrollen zusammen mehr Text haben als die weiblichen Figuren, oder im Disney-Hit „Frozen“, in dessen Zentrum die Beziehung zweier Schwestern steht.

Nach einer Untersuchung der Mount Saint Mary’s Universität in Los Angeles haben Frauen auch hinter der Kamera weiter nicht viel zu sagen: Weniger als ein Viertel der Regisseure, Drehbuch-Autoren und Produzenten sind weiblich. Vor der Kamera sieht’s nicht besser aus: Von den 100 erfolgreichsten Filmen im Jahr 2014 hatten zwölf eine weibliche Hauptfigur. Dafür haben die Frauen vor der Kamera mehr Nackt-Szenen – dreimal so viele wie Männer.

Auch mit 45 noch sexy? Subversiv in Hollywood

Das war vor 25 Jahren in „Thelma & Louise“ gerechter verteilt. Brad Pitt, der die Rolle George Clooney wegschnappte, ist als so hübscher und charmanter wie krimineller Herumtreiber J.D. das Sex-Objekt im Film – und wurde mit der Rolle zum Sexsymbol. Sexy sind aber auch Thelma und Louise, und auch das war – und ist – in der Filmbranche fast subversiv: Davis war 35 Jahre alt, Sarandon 45, nach Hollywood-Standards weit jenseits des Verfallsdatums für sexuelle Attraktivität.

Ein Film, der gegen die Regeln verstieß – wie seine Hauptfiguren. Je länger die Frauen auf der Flucht sind, desto mehr fällt alles Geregelte von ihnen ab: die Haare vom Wind zerzaust, die Haut von der Wüstensonne in Erdtönen verbrannt, Jeans und T-Shirts verschwitzt und staubig – und ein Leuchten in den Augen. Zwei schöne Desperados, wild und frei. „Ich fühle mich wach, hellwach“, sagt Thelma unterwegs, „ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so wach gefühlt zu haben.“