Mordserie

Serienmörder von Schwalbach: Blick in menschliche Abgründe

„Alaska“ wurde Manfred Seel genannt. Er habe gerne Pelz getragen. selbst wenn es warm war, wird in Schwalbach erzählt. Er habe so eiskalte blaue Augen gehabt, erklären andere. Bei sechs Mordfällen gibt es klare Anhaltspunkte auf ihn als Täter, bei vier weiteren steht der Verdacht im Raum.

„Alaska“ wurde Manfred Seel genannt. Er habe gerne Pelz getragen. selbst wenn es warm war, wird in Schwalbach erzählt. Er habe so eiskalte blaue Augen gehabt, erklären andere. Bei sechs Mordfällen gibt es klare Anhaltspunkte auf ihn als Täter, bei vier weiteren steht der Verdacht im Raum.

Foto: Frank Rumpenhorst / dpa

Manfred Seels soll schockierende Taten in Serie begangen haben. Die Polizei schließt Kannibalismus nicht aus.

Schwalbach.  Klaus Pfarr sitzt mit seinem Mops Toni im Garten in der Hofheimer Straße in Schwalbach im Taunus und sagt: „Es gibt nur drei Arten von Menschen: die Guten, die Bösen und die Metzger.“ Er selbst war sein Leben lang Metzger. Jetzt steht in der Zeitung, „der Manfred“, wie er hier heißt, sei ein Serienmörder gewesen. Ein Böser? Pfarr kennt ihn schon lange, schließlich wohnte er nur zwei Häuser weiter. „Er hat bei mir sein Bier gekauft, war immer nett, ich bin da skeptisch.“ Manfred habe immer gerufen: „Ei Gude!“ So grüßen Schwalbacher einander. Seine Frau ist entsetzt. Er aber sagt schulterzuckend: „Man kann in Menschen eben nicht reingucken.“

Ähnlich muss es den Mitgliedern der „AG Alaska“ gegangen sein. Seit zwei Jahren untersuchte ein Team aus 15 Forensikern, Kriminalisten und Polizisten den Fall von Manfred Seel, dem mutmaßlichen Täter, der vor zwei Jahren gestorben ist. Seine Tochter ließ nach seinem Tod die Garage entrümpeln und stieß in blauen Tonnen auf mehrere Leichenteile. Diese gehörten – so berichtet Holger Thomsen von der „AG Alaska“ – zu Britta Simone Diallo, einer Prostituierten, die schon im Jahr 2003 im Alter von 43 gestorben sein soll. Die Überreste waren entstellt, es fehlten Teile der Leiche. LKA-Mitarbeiter Frank Herrmann sagt: „Das war die Spitze der Auslebung seiner abweichenden sexuellen Präferenzen.“

Nachbarn: „Er war ruppig, aber freundlich“

Die Garage in Schwalbach liegt in der Nordstraße, einer Sackgasse, schön renovierte Häuser, sogar Fachwerk, saubere Fassaden. Aber seit Tagen reden alle wieder von dem Vorfall. „Hier wohnen nur liebe Menschen“, sagt die 91 Jahre alte Gisela Dori. „Er soll ja auch immer freundlich gewesen sein.“ Ein weiterer Nachbar, der direkt neben der Garage aufgewachsen ist und mit 86 Jahren noch immer in der Nordstraße lebt, sagt: „Der Manfred war ruppig, aber freundlich.“ Auch in der Bäckerei war er beliebt: „Ein guter Kunde, er kaufte jeden Morgen drei oder vier Kracher.“ So heißen die kross gebackenen Brötchen bei „Bäck to the roots“.

Wenn die „AG Alaska“ richtig liegt, trägt Manfred Seel die Verantwortung für bis zu zehn Morde. Es sind Taten, die zwischen 1971 bis in die 90er-Jahre begangen wurden und bisher ungelöste Fälle waren. „Der Ort, wo die Opfer aufgefunden wurden“, sagt Frank Herrmann, „und die Art, wie sie zugerichtet wurden, zeigen große Übereinstimmungen.“

Polizei zeigt Fotos der Opfer

Am Donnerstag in Wiesbaden zeigen die Beamten erstmals Fotos der Frauen: Dominique Monrose starb 1993, Gisela Singh 1991, Hatice E. im Jahr 1972, Gudrun Ebel im Jahr 1971. Sogar der in Hessen noch heute bekannte Fall des Jungen Tristan Brübach aus dem Jahr 1998 wird jetzt Manfred Seel zugeordnet. Auch sein Tod passt laut Herrmann „in das Muster des mutmaßlichen Mörders“.

Doch was war das für ein Muster? Weder die Experten noch die Einwohner von Schwalbach können sich einen Reim darauf machen: Ein Familienvater, begabter Musiker, später Alkoholiker, nach seiner Behandlung trocken. Frank Herrmann sieht einen Schlüssel in Seels Computer. „Wir haben darauf 32.000 Fotos und zahlreiche Videos gefunden.“ Darunter seien sadistische Fantasien gewesen, die Manfred Seel wohl später „eins zu eins“ nachinszenierte. „Er hatte einen Raum in seinem Haus“, sagt Herrmann dieser Zeitung, „dort schloss er sich ein und schaute diese Bilder und Videos an.“ Selbst Kannibalismus als Motiv wird nicht mehr ausgeschlossen.

Die Leichen der Opfer wurden furchtbar zugerichtet. Glieder wurden abgeschnitten - und immer unterschiedliche Körperteile und Organe vom Täter entnommen und mitgenommen. Genauso war es beim Opfer Britta D., die in der Schwalbacher Garage gefunden wurde. Bis heute fehlt ein Körperteil. „Wenn Sie das zusammenrechnen, könnten Sie sich tatsächlich dadurch einen neuen Körper herstellen“, sagt Herrmann in ganz nüchternen Ton bei der Pressekonferenz.

Seels Tochter lässt das Haus gerade renovieren. „Ich würde das abreißen“, sagt der Nachbar Klaus Pfarr. Schließlich sei das immer mit dem Namen „Alaska“ verbunden. Das war sein Spitzname. „Manfred hatte immer gern Pelze getragen“, sagt Pfarr, „selbst wenn es warm war.“ Andere sagen, es habe mit den eiskalten blauen Augen zu tun.

Kriminalbeamte erwarten Arbeit für Jahre

Die „AG Alaska“ wird mehrere Jahre weiterarbeiten, sagt Sabine Thurau vom LKA. Es gebe noch weitere Fälle, die sich dem Mann zuordnen lassen, darunter zwei ungeklärte Vermisstenfälle aus den Jahren 1998 und 1999, die Opfer arbeiteten in einem Frankfurter Altenheim, wo auch Seel beschäftigt war. Zudem wurden 1996 und 2004 zwei Frauenschädel gefunden. Wirklich geklärt sei bisher nur der Fall Diallo: „Es besteht kein Zweifel daran, dass Manfred Seel diese Frau umgebracht hat“, sagt Thurau weiter. „Juristisch aber wird sich der Fall nicht klären lassen, auch bei einem Toten gilt letztlich die Unschuldsvermutung.“ Es könne aber nicht ausgeschlossen werden, dass Seel einen Mittäter hatte.

In der Nordstraße, wo die Garage von Manfred Seel stand, arbeitet jetzt Hans-Joachim Scherer im Frühling an den Bäumen. Er macht also die Arbeit, die früher „der Manfred“ gemacht hat. Scherer sagt, manche nennen die Straße nur noch die „Mordstraße“. Aber eine Situation geht dem 76-Jährigen nicht aus dem Kopf: „Vor drei oder vier Jahren haben wir im Sommer einmal draußen gegrillt.“ Es hätten damals Sitzplätze gefehlt. „Die Garage stand häufig offen, und ich weiß noch, wie wir dann ein paar Fässer herausgeholt haben, um darauf zu sitzen.“

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