Wettbewerb

Neue Regeln beim ESC 2016 machen null Punkte fast unmöglich

Jamie-Lee Kriewitz aus Deutschland singt ihren Song „Ghost“ während einer Probe für das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm.

Jamie-Lee Kriewitz aus Deutschland singt ihren Song „Ghost“ während einer Probe für das Finale des Eurovision Song Contest (ESC) in Stockholm.

Foto: Britta Pedersen / dpa

Die deutsche Jamie-Lee Kriewitz hofft beim Eurovision Song Contest am Samstag auf einen Platz mindestens im Mittelfeld – zu Recht.

Stockholm.  „Zero Points – Null Punkte“ – das war die Bilanz beim Eurovision Song Contest (ESC) im vergangenen Jahr in Wien. Jamie-Lee Kriewitz, die an diesem Samstag beim ESC-Finale in Schwedens Hauptstadt Stockholm (live ab 20.15 Uhr, ARD) mit „Ghost“ für Deutschland antritt, kann es nur besser machen als Ann Sophie im Vorjahr.

Zum Glück hilft ihr auch das Reglement dabei. Da sind sich der ESC, der dieses Jahr 60. Geburtstag feiert, und die Formel 1 durchaus ähnlich. Nach einem wilden Start mit vielen Positionswechseln setzen sich schnell die Favoriten ab und bis zum Ende herrscht überwiegend routinierte Langeweile. Um das zu vermeiden, werden geradezu verzweifelt die Regeln geändert, bis der Fan nicht mehr durchblickt. So ist es beim Autorennen und so wird es wohl auch dieses Jahr beim Finale des paneuropäischen Gesangswettbewerbs in der Stockholmer Halle Ericsson Globe sein.

Bei der Punktevergabe könnte es wilde Sprünge geben

Beim ESC 2015 in Wien vereinten die vier Erstplatzierten, Måns Zelmerlöw aus Schweden und die Kandidaten Russlands, Italiens und Belgiens die Hälfte aller vergebenen Punkte auf sich (2010 beim Sieg von Lena waren es ein Drittel der Punkte), für den Rest blieben nur Krümel oder im Fall von Deutschlands Kandidatin Ann Sophie überhaupt keine Punkte übrig. Zuschauer sollten sich also nicht wundern, wenn dieses Jahr von dem seit Jahrzehnten bewährten Vergabesystem abgewichen wird.

Dieses Mal werden Zuschauer- und Jurywertung voneinander getrennt vergeben, jeweils bis zu zwölf Punkte für einen Beitrag, sodass ein Land maximal 24 Punkte erhalten kann. Die entsprechende Verkündung läuft so ab: Nach den 26 Finalsongs werden via Liveschalte die Ergebnisse der nationalen Jurys, die ihre Punkte schon bei einem Juryfinale am Freitagabend verteilte, bekannt gegeben. Sie sagen an, wer jeweils zwölf Punkte bekommt, die restlichen werden eingeblendet. Nachdem die Sprecher der 42 Nationen (Barbara Schöneberger verkündet das deutsche Ergebnis) durch sind und ein erster Trend in der Blitztabelle absehbar ist, kommen die Stimmen der Zuschauer, die per Telefon, SMS oder App abgestimmt haben, dazu. Sie werden pro Land zusammengezählt und am Ende der Show von den Moderatoren Petra Mede und Måns Zelmerlöw live verkündet, beginnend mit dem Land, das am wenigsten Punkte bei den Zuschauervotings einheimste. Wie die Zuschauer der einzelnen Länder jeweils abgestimmt haben, wird erst später im Internet konkreter aufgeschlüsselt.

Das klingt eher nach Zahlensalat als nach Spannung, aber da sich Jury- und Zuschauerwertungen in den Vorjahren teilweise eklatant unterschieden, dürfte es im Verlauf der Punkteshow wilde Sprünge in der Tabelle geben. Und da dieses Jahr mehr Punkte denn je vergeben werden, sind null Punkte für Deutschland nahezu ausgeschlossen.

Gute Aussichten also für die 18-jährige Jamie-Lee Kriewitz aus Springe, die nach der fünften Staffel von „The Voice of Germany“ im Dezember 2015 dieses Jahr auch noch den deutschen ESC-Vorentscheid gewann und Deutschland auf Startplatz zehn mit dem Song „Ghost“ vertritt. Das von DJ Thomilla produzierte Lied ist dynamisch, effektreich und eingängig und lebt nicht nur von Jamie-Lees Stimme, sondern auch von ihrem extrovertierten, an den japanischen Decora-Kei-Modestil angelehnten Outfit.

Sergey Lazarev gilt als Favorit bei den Buchmachern

Ein Platz im Mittelfeld ist durchaus drin – oder zumindest etwas mehr Promotion für ihr erstes, vor zwei Wochen erschienenes Album „Berlin“, das mit Platz 18 in den deutschen Charts noch Luft nach oben hat. Auch Jamie-Lee schätzt ihre Chancen zurückhaltend ein: „Ich kann null einschätzen, wo ich landen werde. Ich hoffe, im Mittelfeld oder weiter vorne“, sagte sie im Hessischen Rundfunk.

Bei den Buchmachern ganz vorne liegt der Russe Sergey Lazarev, nachdem er bereits das erste Halbfinale am Dienstag mit dem Lied „You Are The Only One“ dominierte. Auch für den umstrittenen Beitrag der Ukraine sehen die Wettanbieter gute Chancen. Die Electro-Folk-Ballade „1944“ von Sängerin Jamala beschreibt die Deportation ihrer Großmutter und Hunderttausender Krimtataren durch Stalin, was in Russland, aktuell Herr über die ukrainische Halbinsel Krim, für Verstimmung sorgte. Politische Texte verstoßen gegen das ESC-Reglement, aber die Europäische Rundfunkunion EBU winkte „1944“ durch. Eine Verwarnung erhielt die in Hamburg aufgewachsene armenische Finalistin Iveta Mukuchyan, die beim Halbfinale in der Aufenthaltszone der Künstler eine Fahne der nicht anerkannten Republik Bergkarabach schwenkte.

Zu den Favoriten zählt auch der Schwede Frans mit „If I Were Sorry“: Er genießt den Heimvorteil der nach Irland erfolgreichsten ESC-Nation und darf sich wahrscheinlich über viele Punkte aus den nordischen Ländern freuen: Dänemark, Finnland, Island und Norwegen schafften es alle nicht bis ins Finale.

Falls Sie sich fragen, wer der fantastische US-Sänger ist, der während des Televotings „Can’t Stop Feeling!“ singt: Das ist Justin Timberlake, ein Bonbon für die erste ESC-Liveübertragung in die Vereinigten Staaten. Für Timberlake darf leider nicht abgestimmt werden.

Sendetermin: Samstag, 14. Mai, 20.15 Uhr, ARD