Vatertag

Warum in Augsburg so viele glückliche Väter leben

Ein glücklicher Vater aus Augsburg: Max Kastner (31) mit Paul (3).

Ein glücklicher Vater aus Augsburg: Max Kastner (31) mit Paul (3).

Foto: Theo Klein

Eine Spurensuche zum Vatertag: Warum die Bayern im Dad-Ranking abräumen. Und wie schlecht die Hamburger Väter abschneiden.

Augsburg.  Vielleicht war das die größte Überwindung für Norbert Schmidt, 45. Der bärtige Augsburger hat eine eigene IT-Firma, eine Ehefrau und drei Kinder. Die Anstrengendste als Vater, sagt er, war nicht das Wickeln oder das frühe Geweckt-werden, sondern das Mitmachen bei der Kindergymnastik. „Da stehst du mit 15 Müttern in einem Raum und musst so weibische Bewegungen machen“, sagt er, „das kostet schon Überwindung.“ Die anderen Väter in der Runde nicken verständnisvoll, haben ähnliches erlebt, beim Babyschwimmen oder Eltern-Kind-Nachmittagen. Aber Norbert Schmidt ging weiter zum Turnen. „Das gehört für mich dazu, ich bin ja gern Vater.“

Rund einmal im Monat trifft er sich mit anderen engagierten Vätern von „Papagen“ in einem Restaurant, jetzt im Mai auch wieder im Biergarten. Der Augsburger Verein ist gerade ein Jahr alt, bisher haben sie 15 feste Mitglieder. Papagen — das soll sich an die Wörter „fotogen“ und „telegen“ anlehnen, es geht also um Männer, die sich zum Papa eignen. Das muss in Augsburg besonders leicht sein, wenn man einem neuen Test der Väterversteher-Zeitschrift „Dad“ glauben darf. Die drittgrößte bayrische Stadt wurde nämlich kürzlich von ihr zum „väterfreundlichsten Ort Deutschlands“ gewählt. Platz 1 von 30 Städten, München auf Platz 7, Braunschweig auf der 8, Hamburg 21, Berlin 26 und am Schluss folgt auf Platz 30: Essen.

Immer mehr Väter in Deutschland nehmen Elternzeit

Nun können Kritiker zu Recht einwenden, dass der Test nicht nur reine Väter-Kriterien enthält: So spielen die saubere Luft, die Ärzte-, Kita- und Spielplatz-Dichte eine Rolle, haben aber wenig mit dem Glück der Väter zu tun. Aber in Augsburg gibt es eben Punkte, die tatsächlich besser sind als im Rest von Deutschland: der Anteil männlicher Erzieher ist höher und die Anzahl der Väter, die Elternzeit nehmen auch. Laut Bundesamt für Statistik sind es in Augsburg 38 Prozent, in Dresden sogar 49 Prozent, in Wuppertal nur 24 Prozent. Deutschlandweit sind es derzeit rund 32 Prozent. 2008 waren es nur 20 Prozent. Väter spielen also in ganz Deutschland eine immer wichtigere Rolle in den Familien.

Doch was wirklich für Augsburg spricht: Die Anzahl der Angebote für Väter ist gemessen an der Größe der Stadt höher als im bundesweiten Vergleich. Es gibt einen Ableger des Väternetzwerkes, es gibt kirchliche Vätergruppen und Vereine. Der Bürgermeister Kurt Gribl (CSU) sagt unserer Redaktion: „Augsburg schlägt sich gerade in den Bereichen Kinderbetreuung und Gesundheit sehr gut. Das kommt nicht von ungefähr und hängt auch mit dem Angebot in der Stadt zusammen.“ Gribl hat letztlich auch dafür gesorgt, dass ein Vorschlag der Grünen umgesetzt wurde, etwas, das sich außer Augsburg nur wenige Städte leisten: einen „Männerbeauftragten“.

Augsburg leistet sich amtlichen „Männerbeauftragten“

Seit 2014 sitzt also Stefan Becker in seinem Männerbeauftragten-Büro, gleich beim Augsburger Dom. Ihm ist zu verdanken, dass dem Internationale Männertag 2015 eine ganze Woche gewidmet wurde. „In diesem Jahr“, sagt er, „soll die Männerwoche den Schwerpunkt ‚Väter‘ haben.“ Es soll Vorträge und Diskussionsabende geben, zur Rolle der Väter in Familie, Beruf und Gesellschaft. Das stand schon vor dem „Dad“-Ranking fest. „Wir wollen, dass Väter ihre Rolle reflektieren“, sagt Becker, „also wie können sie ihren Wunsch nach Selbstverwirklichung in der Karriere mit ihrem Wunsch nach Sorgetätigkeit in Einklang bringen.“ Er benutzt die Worte „Sorgetätigkeit“ und „Haushaltstätigkeit“, Themen, die bis vor zehn oder zwanzig noch vorwiegend Müttern zugeschrieben wurde, gerade in Bayern. „Aber unsere Erfahrung ist, je mehr Väter sich ihrer Rolle in der Entwicklung des Kindes bewusst werden, umso mehr wollen sie auch Teil der Familie sein.“

Stefan Becker zählt noch einen Punkt auf, der für Augsburg spricht: Bei Unternehmen im Landkreis stelle er generell eine große Bereitschaft fest, Väter zu unterstützen. „Sie machen vor allem jungen Vätern Arbeitszeit-Angebote, ihre Rolle in der Familie und Beruf zu vereinen.“ Er findet, Augsburg sei darin innovativer als andere Städte. Außerdem sind die Betreuungskosten für Kinder niedrig: Ein Krippen-Platz in Augsburg kostet im Durchschnitt 218 Euro. Zum Vergleich: in Essen sind es 292 Euro, in Duisburg und Köln rund 500 Euro.

Der „neue Vater“ ist längst angekommen

Geht man an einem Nachmittag in Augsburg auf einen Spielplatz, so sieht man manchmal mehr Väter als Mütter, die mit ihren Kindern spielen. Hinter der Augsburger Puppenkiste befindet sich der Spielplatz „Lummerland“, mit Jim-Knopf-Figur und Holzboot. Max Kastner spielt hier mit seinem dreijährigen Sohn Paul. Der 31-Jährige hat sich ein halbes Jahr Elternzeit genommen. In seinem Freundeskreis sei das keine Ausnahme. Er hat von dem Väter-Test gehört und kann alles bestätigen. Kastner ist Grundschullehrer und hat zwei Kinder. „Für Augsburg sprechen günstigen Mieten, viele Spielplätze, ein gutes Kulturangebot.“ Gemeinsam mit seiner Frau hat er sich bewusst für die Stadt entschieden.

Während im Rest der Republik noch über die Rolle des „neuen Vaters“ diskutiert wird, ist er in Augsburg längst eine Selbstverständlichkeit. Weg vom Erzeuger und Ernährer, hin zum aktiven Erzieher. Ein Trend, der sich nun auch in anderen Städten zeigt. Wolfsburg führte 2014 ein „Interkulturelles Väterbüro“ ein, Karlsruhe bietet „Kompetenztraining für Väter“ an und in Berlin gibt es einen „Papaladen“, der von Bundesregierung das Prädikat „Land der Ideen“ erhielt. Eine spezielle Beratungsstelle für Väter ist in Augsburg noch in Planung: ein fester Ort für Rechtsberatung, regelmäßige Väter-Café-Nachmittage, Vater-Kind-Reisen.

Die Väter diskutieren Kinder, Probleme – und die Energiewende

Bei dem Treffen des Vätervereins sagt ein Vater in die Runde: „Ich habe meine Leilani seit drei Jahren nicht gesehen, furchtbar. Am Donnerstag ist Vatertag, ich glaub ich sitz zuhause und werde einfach heulen.“ Doch es geht nicht nur um die großen Probleme. Auch die kleinen Vaterfreuden werden geteilt („Lotte hat ‚Kuh‘ gesagt, sie kann sprechen!“), oder Vätersorgen diskutiert: „Warum kann ich nicht freinehmen, wenn meine Frau krank ist und das Kind nicht versorgen kann?“

Der dreifache Vater Norbert Schmidt betont, dass es nicht nur um Probleme bei den Treffen gehe. „Zum Glück gibt es auch Abende“, sagt er, „da reden wir mehr über die Energiewende oder den FC Augsburg.“ Männerthemen, vielleicht lassen sich deswegen zwei Mitglieder selten blicken. Sie sind Frauen, die Papagen als Idee gut finden. Als Norbert Schmidt das seiner Frau erzählte, sagt er, musste sie laut lachen.